Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Sonntag Estomihi über Am 5, 21-24

Liebe frohgestimmte Festgemeinde, die ihr an diesem festlichen Tag zusammengekommen seid, um euch - fern von den Sorgen des Alltags - zu geistlicher Gemeinschaft erbauen zu lassen...!

Lektor ruft dazwischen:
"Ich hasse, ich verwerfe eure Feste.
Ich kann eure Versammlungen nicht riechen.
Eure Spenden kann ich nicht anerkennen.
Ich kann das Mahlopfer eures Mastviehs nicht sehen.
Halte mir fern das Getöse deiner Lieder.
Das Spiel deiner Laute kann ich nicht hören.
Doch sollte Recht wie Wasser sprudeln,
Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.
So führe ich euch in die Verbannung noch über Damaskus hinaus -
hat Jahwe gesagt."

Liebe Gemeinde, das war jetzt natürlich inszeniert - wie die satirische Rede von Friedrich Merz anläßlich der Verleihung des Ordens 'Wider den tierischen Ernst', als er vorschlug, die Arbeitslosen einfach auszuweisen. Anders war das damals, etwa im Jahre 760 v. Chr - also nach der (erneuten) Trennung der beiden Bruderstaaten Israel und Juda. Da rief der Prophet Amos dem Volk des Staates Juda dieses Wort des Herrn zu, wohl mitten in eine Festversammlung hinein. Ein Gottesdienststörer? Er sprach wie der Priester, der nach damaligem Brauch über die Gültigkeit des Opfers zu urteilen hatte. Und des Amos Urteil lautete: ungültig. Euer Opfer zählt nicht! Jahwe weist es ab! Nicht Opfer und Gottesdienst, nicht Lieder oder Musik sollen in eurer Mitte stehen - um Recht und Gerechtigkeit sollt ihr euch versammeln!

Seine Kritik trifft das Volk an seinem Lebensnerv, beim Tempelkult, dem es eigentlich doch seine Identität verdankt, seinen Zusammenhalt als Volk Gottes. Dieser Gottesdienst war einzigartig - nicht wie der Götzendienst der anderen Völker. Darauf konnte man stolz sein. "Was hat Jahwe denn auf einmal gegen unsere Gottesdienste", werden sich schon damals die Menschen gefragt haben, "hat er sie denn nicht befohlen? Wo also ist das Problem?" Und um den prophetischen Urteilsspruch verständlicher zu machen, werden später zwei Verse hinzugefügt:

Lektor:
"Habt ihr mir Schlachtopfer und Gabe vierzig Jahre lang in der Wüste dargebracht, Haus Israel?"
"Habt ihr (damals) eure Bilder, die ihr euch selbst gemacht habt, (herum)getragen?"

Und die Antwort ist natürlich in beiden Fällen: Nein. Damals, in der guten alten Zeit in der Wüste, da war Gott seinem Volk derart nah, daß es keiner Opfer bedurfte. Wer Gott opfert, dem ist er fern. Und dem ist er erst recht fern, der sich Bilder fremder Mächte macht, dem, der die Macht der Sterne anstelle Jahwes verehrt. So wird das scharfe Urteil des Amos verständlich - und die Strafe, die er dem Volk androht, die Verbannung noch über Damaskus hinaus, ans Ende der Welt, nach jwd.

Das ursprüngliche Wort des Propheten hatte einen anderen Akzent: Amos hatte angekündigt: Gott wird kommen und Gericht über euch halten. Und seine Zuhörer - so dürfen wir vermuten - hatten auf die Gerichtsdrohung mit Unverständnis reagiert: Gottes Gericht - das war doch eine Sache für die anderen Völker, die würde es dereinst treffen. Und die Hörer des Amos hatten zur Begründung ihrer Selbstsicherheit auf die prächtigen liturgischen Festfeiern besonders am Reichsheiligtum in Bethel hingewiesen. Das sei doch Ausdruck einer lebendigen Religiosität: ein großer Kult für einen großen Gott. Wieso hätten sie denn das Gericht Jahwes zu fürchten? Außerdem: Schadet sich Gott nicht selbst, wenn er sein Volk richtet? Am Ende steht er noch ohne sein Volk dar... Was wäre das für ein Gott? Schneidet er sich nicht ins eigene Fleisch, wenn er sein Volk richtet, zugrunderichtet? - Amos kontert mit dem scharfen Gerichtswort über die Gottesdienste seines Volkes, fällt dem Kultbetrieb in die Arme: Nicht Kult sei eure Mitte, sondern Recht und Gerechtigkeit! Damit fällt er aus der Rolle - aus der Rolle der Jubler und Klaqueure und wird zum Kritiker.

Richtig, denken da heute viele. Was soll aller Gottesdienst, wenn's mit dem Einsatz für Gerechtigkeit hapert? Verschwenden wir also keine Zeit auf die Kirche, gehen wir nach Hause, schließen wir uns denen an, die gleich zu Hause geblieben sind: Tun wir was Sinnvolleres, sorgen wir für Gerechtigkeit! Gut gesprochen, Amos! Also Klatschmarsch für Amos, den ersten radikalen Nestbeschmutzer, den Erfinder der Publikumsbeschimpfung! Sollen wir ihn reinlassen? Tätä, tätä, tätä ....

In einem Frankfurter Theater ist neulich wieder einer aus der Rolle gefallen. Da hat ein Schauspieler einen Theaterkritiker beschimpft und belästigt, ihm den Notizblock entrissen - weil er sich von ihm ungerecht behandelt fühlte. Das wirkte wie einst der Auftritt des Amos im Tempel. Da gerieten die traditionellen Grenzen von Spiel und Wirklichkeit, von Fiktion und Realität ins Wanken. (Der Mann wurde natürlich gleich entlassen. Kritiker und den Kulturbetrieb kann man nicht so ungestraft kritisieren wie den Kultbetrieb.) Es bleibt das Problem von Recht und Gerechtigkeit heute - bei uns und im Heiligen Land.

Dem letzten Wahlergebnis zufolge wollten die Bürgerinnen und Bürger, daß wieder mehr verteilt wird: von den Reichen zu den Armen, von oben nach unten. Dummerweise klappt das nicht so recht. Unsere Regierung ist ja von der Lage der Wirtschaft abhängig. Die kann ja gar nicht machen, was sie will. Darum wird Umverteilung mehr von einem zum andern vorgenommen, von der rechten in die linke Tasche. Was man an Sozialleistungen bekommt, hat man selber aufgebracht. Und selbst das wird zusehends mühsamer. Bleibt die Frage: "Wer soll das bezahlen, wer hat soviel Geld...?" Die Antwort: Die Kinder und Enkel - wg. des Schuldenmachens heute. Wie Amos wohl darüber dächte?

Recht und Gerechtigkeit verlangte er. Amos provozierte, indem er diese Forderung gegen den Gottesdienst seines Volkes setzte. Seine Landsleute von heute, die Menschen, die gegenwärtig in Palästina/Israel leben, sehen sich mit ihren Hoffnungen auf Gerechtigkeit am Ende ihrer Geduld und Leidensfähigkeit angekommen.

In den letzten 10 Jahren, seitdem eine Reihe unserer Gemeindeglieder Reisen ins Heilige Land gemacht hat, sind die Spannungen von damals nur noch schlimmer geworden. Da trennt jetzt eine monströse Mauer die Menschen voneinander. Berlinerinnen und Berliner muß man nicht sagen, was das bedeutet:
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Diese Mauer soll nun so funktionieren, wie das die DDR-Ideologie von ihrer Mauer immer behauptet hat: Sie soll die Feinde abschrecken, sie davon abhalten, ins Land zu kommen. Aber wie diese behindert sie das Leben, beansprucht fruchtbares Land, hindert die Bauern, zu ihren Äckern zu kommen oder zum Arbeitsplatz in Israel. Eine gewaltige Arbeitslosigkeit ist die Folge. Fürs erste scheint die Mauer wirklich die gewünschte Wirkung zu zeigen: die Zahl der Bombenanschläge nimmt ab - aber die Verbitterung der Palästinenser wird immer tiefer, der Friedenswille vieler Israelis findet im Wahlergebnis keinen Ausdruck.

Heute wird der Jerusalemsverein im Berliner Johannesstift wieder über die aktuelle Lage informieren - denn unsere Medien tun es nicht. Sie müssen Rücksicht nehmen auf die Staatsräson. In diesen Tagen mischen sich die USA und Europa ja massiv in den Konflikt ein: Der Hamas soll der Geldhahn zugedreht werden, wenn sie sich nicht zum Existenzrecht Israels bekennt. Politiker auf dem Weg zu Koalitionsverhandlungen dürfen nicht reisen. Auch für sie ist die Mauer zu. Ob das wirklich Erfolg verspricht? Ich zweifle daran. Wenn ich Nachrichten aus dem sogenannten Heiligen Land höre, fühle ich mich manchmal wie in einem schlechten Film: So stark ist die Rolle, die Ideen, Gefühle, Traditionen spielen. Und Zeit und Raum, Gedanken und Fakten geraten mir dabei durcheinander: Ist das wirklich das Israel von heute, wenn Ansprüche auf Land mit Urkunden aus osmanischer Zeit oder gar mit biblischen Texten belegt werden? Für Juden und Muslime ist ihr Glaube mit dem Anspruch auf Land verbunden. Und wenn man hört, wie schwer da Gefühle und verletzter Stolz und alte Familientraditionen wiegen... "Werdet endlich erwachsen!" möchte man ihnen zurufen und: "Eure eigenen Leute wissen es doch besser" - wie der Pfarrer und Palästinenser Shihadeh es uns erläuterte: "Israel und Palästina können nur mit- und nicht gegeneinander leben."

Amos jedenfalls würde seinen Landsleuten auch heute ins Gewissen reden - aber gewiß auch uns, obwohl wir uns nicht mehr so leicht wie damals irritieren lassen. Wir lassen die Kritik an uns ablaufen, indem wir sie übernehmen. Wir stimmen Amos lieber schnell zu, klagen beredt über die großen Gerechtigkeitslücken in unserer Gesellschaft wie über die Frostschäden des Winters. Aber führt das irgendwie weiter? Führt das aus dem politischen Patt einer großen Koalition oder aus dem politischen Abseits totaler Opposition heraus?

Hören wir lieber weiter auf Amos. Er hat mehr als nur Gottesdienst- und Sozialkritik zu bieten. Er verweist auf Rettung von Gott:

Lektor:
"Zur selben Zeit will ich die zerfallene Hütte Davids wieder aufrichten und ihre Risse vermauern und, was abgebrochen ist, wieder aufrichten und will sie bauen, wie sie vorzeiten gewesen ist."

Die gute Nachricht, die Verheißung vom Wiederaufbau kommt so unerwartet wie unvermittelt. Aber sie kommt. Und das wollen wir hören. Aber sie kommt nicht ohne Schmerzen. Zunächst kommt die große Durststrecke, in der man nach dem Wort Gottes verlangen wird - ohne es zu hören:

Lektor:
"Siehe, es kommt die Zeit, spricht Gott der Herr, daß ich einen Hunger ins Land schicken werde, nicht einen Hunger nach Brot oder Durst nach Wasser, sondern nach dem Wort des Herrn, es zu hören".

Sind wir nicht wieder mittendrin in solch einer großen Durststrecke - auf der Suche nach sozialer Gerechtigkeit, nach Gottesdienst, nach Gottes Wort? Wie gut, daß die Gottesdienstkritik, der Auftritt des Amos, heute morgen nur inszeniert war. Oder haben wir damit die Grenzen von Fiktion und Wirklichkeit, von Spiel und Ernst, von Gottesdienst und Leben aufgehoben? Könnte aus prophetischer Kritik nicht doch wieder mal Ernst werden - wie bei dem aus der Rolle fallenden Schauspieler? Ist die Stunde des Amos wiedergekommen?
Amen.
 
 


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