Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Tag der Beschneidung und Namengebung Jesu (Neujahr) über die Jahreslosung 2006

Liebe Gemeinde!
—Aber ich liebe, ich liebe doch alle Menschen.ž Der das sagte, hatte schon lange das Vertrauen in seine Mitmenschen verloren. Damals vor 16 Jahren klang das schon hilflos, im Rückblick eher zynisch. —Herr Pfarrer, im Unterschied zu mir müssen Sie aber doch immer an das Gute im Menschen glaubenž. Das meinte wenig später mal unser KOB zu mir - und ich war versucht zu sagen: —Ich glaube an Gott, nicht an die Menschen.ž Aber das hätte so geklungen, als wollte ich meine Mitmenschen schlecht machen. Das haben wir im vergangenen Jahr dann gründlich selbst besorgt. Eine Facette des Wahlergebnisses war ja die Einsicht, daß wir belogen werden wollen, daß die die Stimmen bekommen, die uns versprechen, daß ab jetzt wieder verteilt wird. Dabei —ist das doch alles nur geklautž: Seit einer Generation verteilen wir, was wir den Zukunftschancen unserer Kinder durchs Schuldenmachen nehmen - und nennen das noch Solidarität! Und was das kostet: —2% mehr Mehrwertsteuer!ž gegen —Keine höhere Mehrwertsteuer!ž —Na, gut, dann machen wir einen Kompromiß und sagen: 3%!ž Das ist nicht Kabarett - das ist Realität! Wer ist hier zynisch? —Mundus vult decipi.ž Die Welt will betrogen werden. Das meinten schon die alten Römer nach ihrem kurzen Experiment mit einer republikanischen Verfassung. Ach ja, und: —Panem et circenses.ž Brot und Spiele - bei uns in 2006.

Gott sei Dank ist wenigstens das Jahr der Naturkatastrophen vorüber, das Jahr mit dem verheerenden Tsunami am 2. Weihnachtstag 2004, mit seinen Hurrikans in Amerika, mit dem folgenschweren Erdbeben in Kaschmir. Doch was wird bleiben? Das Erschrecken vor dem Menschen - in den Worten der Gouverneurin von Louisiana: —Wir hatten geglaubt, in der Not kommt das Beste der Menschen zum Vorschein - und nun ist es das Schlimmstež? Die vorchristliche Rede von der —Ehrfurcht vor der Naturž? Da lob ich mir Frank Schätzings ehrliche Einschätzung: —Diese Welt ist ein gefährlicher Ort. Unsere Vorstellung von einem möglichen Gleichgewicht der Natur ist romantisch, es selbst herstellen zu wollen idiotisch.ž In seinem Bestseller —Der Schwarmž erklärt er zwar das Christentum für erledigt - aber es vor dem Tsunami zu lesen hat wenigstens ein paar Menschen das Leben gerettet.

Viele sagen nun: 2006 wird alles wieder gut - wenigstens in unseren eigenen Reihen. —Wir sind Papstž - und Deutschland sind wir auch. Die Stimmung ist schon gut, Fusionen führen zu starken Gemeinden, kirchliche Zukunftskonferenzen leiten die Wende ein. Und dazu eine tolle Jahreslosung aus dem Buch Josua. Gott spricht: —Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht.ž (Jos 1, 5b - rk EÜ) Das verspricht Sicherheit und ein gutes Gefühl, gehört sicher zu den TOP 10 der biblischen Sprüche.

Leider sind diese Worte nicht an uns gerichtet, nicht einmal an das Volk Israel, sondern exklusiv an Josua. Der führt das Volk ja ins Gelobte Land und schwört es auf auf dem Landtag zu Sichem darauf ein, Gottes Wort zu beachten. Dreimal verspricht ihm das Volk: —Wir wollen dem Herrn dienen.ž (Jos 24) Jeder Stamm erhält sein Land, das Volk eine Verwaltungsstruktur. Kurz: Josua gelingt einfach alles. Dafür heißt es dann auch: —Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht.ž Schon recht. Gut für ihn. Mose und Aaron war es ja anders ergangen: Ein einziges Mal hatten auch sie vor dem permanent murrenden und ungehorsamen Volk an Gottes Anordnungen Zweifel zu äußern gewagt: —Werden wir euch wohl Wasser hervorbringen können aus diesem Felsen?ž (4. Mose 20, 10b) Darum mußten sie sterben, ohne das Gelobte Land betreten zu können. Josua hingegen - der perfekte Befehlsempfänger.

Wer nun könnte das von sich selbst sagen? Wer von uns könnte es wagen, sich das an Josua gerichtete Wort zu eigen zu machen? Ich nicht. Ich sehe hier bis heute gefährliche Großisraelphantasien: —Von der Wüste bis zum Libanon und von dem großen Strom Euphrat bis an das große Meer gegen Sonnenuntergang, das ganze Land der Hetiter, soll euer Gebiet sein.ž (Jos 1, 4) Das ist bis zum heutigen Irak!
Eine gruselige Vorstellung, damit würde wirklich Politik gemacht. Unsere palästinensischen Schwestern und Brüder haben sich ja bis heute mit dem biblischen Anspruch auf Land und seinen Folgen auseinanderzusetzen. Wer biblische Worte wie die Jahreslosung derartig aus dem Kontext löst, muß damit rechnen, daß der Zusammenhang zurückschlägt und uns deutlich macht, daß wir den Schlüssel zum Verstehen erst noch suchen müssen.

Übrigens verspricht nur die aus der katholischen Bibelübersetzung stammende Formulierung so vollmundig. —Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht.ž Luther übersetzt viel zurückhaltender: —Ich will dich nicht verlassen noch von dir weichen.ž Dabei wissen die katholischen Mitchristen ja häufig deutlicher als wir, daß man Gott und die Welt, auch die Bibel, immer von Jesus Christus her verstehen muß, um nicht solch ungehörige Ansprüche auf Land zu stellen oder sich für Josua zu halten.

Wir könnten dasselbe auch wieder von Martin Luther lernen: —Was Christum treibetž - das war seine Losung. Was trieb denn Christus um? Die Botschaft vom (in Wort und Sakrament) nahen Reich Gottes. Sie ist also der Schlüssel zum Verständnis. Und diesen Schlüssel zu gebrauchen - das wäre ein wirklich guter Vorsatz fürs Neue Jahr: für die planenden Christen, für die verplante Welt und für unser planloses Land. Da hätten wir dann einen Plan, ein Projekt 2006 - auf Christus zu hören. Und er, der Auferstandene spricht: Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. Diese Zusage haben wir wirklich: —Ich gehe mit dir durch dick und dünn.ž Viel ist das nicht - aber das reicht. Von daher brauchen wir die totale Verheißung an Josua zwar nicht abzutun, doch der Einwand bleibt: Ich bin nicht Josua. Weltliches Gelingen wird mir also von Gott nicht versprochen. Und das ist auch gut so. Denn das bewahrt mich vor Illusionen -  vor der Illusion beispielsweise, den Menschen falsches Vertrauen entgegenzubringen, jenes Vertrauen, das nur Gott gebührt. Und das bewahrt mich auch vor dem Zynismus derer, die so penetrant —alle Menschen liebenž.

—Was ist Ihnen am Glauben wichtig?ž wurden Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei einer kirchlichen Tagung gefragt. —Er gibt ein gutes Gefühl, Sicherheit und Halt.ž So die meisten Antworten. Gut geantwortet, die anwesenden Kirchenpsychologen strichen sich den Bart - bis eine antwortete: —...die Sehnsucht nach Gott.ž Sehnsucht? Das irritierte die Runde derer, die schon alles hatten, das war nichts fürs aktuelle Wohlbefinden: —Und das reicht Ihnen?ž Es klang wie früher beim Fleischer: —Darf es nicht etwas mehr sein?ž Mehr wie: —Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht.ž

Glaube an Christus aber hinterfragt solche Sprüche, sucht nach dem, der da spricht, der ein solch großes Versprechen wie das an Josua nicht nur machen, sondern auch halten kann. Den wollen wir haben. Die Jahreslosung ist noch nicht das vollständige Rezept dazu. Aber man nehme ihr Gottvertrauen, gepaart mit einer großen Dosis Heiliger Schrift im Hören auf Christus und genieße das Ganze mit Brot und Wein im Abendmahl, den Zeichen seiner Gegenwart. So verwandelt weckt die Jahreslosung neue Sehnsucht nach Gott. Das reicht - weil der reicht.
Amen.
 
 


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