Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Sonntag Judika über 4. Mose 21, 4-9

Liebe Gemeinde!
Als Magie noch geholfen hat - in jene uns Menschen der Gegenwart scheinbar ferne Zeit versetzte uns die Erzählung von der Errichtung der eisernen Schlange. —Wenn jemanden eine Schlange biß, so sah er die eherne Schlange an und blieb leben.ž (4. Mose 21, 9) So heißt es da im vierten Buch Mose nüchtern, wie in einem medizinischen Bericht - aber die Bedeutung dieser Geschichte geht weit hinaus über die einer medizinischen Maßnahme, die mangels moderner Medizin auf uralte Beschwörungsrituale zurückgreifen muß. Wir bekommen es hier mit einem Beispiel für magisches Denken zu tun; genauer gesagt, es geht um die Vorstellung, feindliche Macht lasse sich bannen, wenn man sie abbildet. Ein Bild hat Macht über das, was es abbildet, und hält es so im Zaume. Darum das Bilderverbot im Glauben Israels - und bis heute die Angst vieler Orientalen davor, fotografiert zu werden. Auch der Streit um Karikaturen Mohammeds ist ohne diesen magischen Hintergrund nicht zu verstehen.

Die eiserne Schlange, die Mose machte, wird in der Bibel noch einmal erwähnt: fünfhundert Jahre später, zur Zeit des Königs Hiskia. Von ihm wird gesagt: Er —zerschlug die eherne Schlange, die Mose gemacht hatte. Denn bis zu dieser Zeit hatte ihr Israel geräuchert, und man nannte sie Nehuschtan.ž (2 Kg 18, 4) Dieser viel jüngere Text läßt noch erkennen, welche Magie mit der ehernen Schlange über die Zeiten hinweg verbunden wurde. Sie wurde verehrt, weil ihr fortdauernde Heilkraft zugeschrieben wurde (war wohl auch im Tempel aufgestellt).

Verehren, ja durften die das denn überhaupt? Das verstößt doch gegen das erste Gebot - und das gleich doppelt: —Du sollst keine andere Götter haben neben mir! Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen!ž (2. Mose 20, 3f.) Richtig, deshalb zerschlägt König Hiskia die eherne Schlange ja auch. Aber wieso läßt Gott sie überhaupt anfertigen? Er hat sich in seinen Geboten für das Volk doch unzweideutig dagegen geäußert.

Aber hier im vierten Buch Mose heißt es auf einmal: —Da sprach der Herr zu Mose: Mache dir eine eherne Schlange und richte sie an einer Stange hoch auf. Wer gebissen ist und sieht sie an, der soll leben.ž (4. Mose 21, 8) Weiß Gott schon nicht mehr, daß er in den 10 Geboten ganz anders gesprochen hat?  Was eben noch verboten war, wird nun geboten. Ist ja kein Wunder, daß Israel mit seinem Gott nicht klarkommt: rin in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln. So kann doch auch Gott mit Menschen nicht umgehen - oder er verwirrt sie völlig. Was hat es bloß mit dieser Schlange auf sich?

Betrachten wir den Tatort: Es passiert irgendwo in der Wüste, vielleicht im südlichen Negev oder bei Petra im heutigen Wüstengebiet Ostjordaniens. Wo auch immer: Kurz vor dem Gelobten Land wird die Wüste für das Volk Israel noch einmal zur tödlichen Bedrohung. Die Ereignisse spitzen sich zu: Mirjam und Aaron sind bereits gestorben, auch Mose wird vor seinem baldigen Tod nur noch den Blick aufs Gelobte Land tun dürfen. Und das Volk ist die lange Wanderung gestrichen leid, wieder einmal murrt es: —Warum hast du uns aus Ägypten geführt, daß wir sterben in der Wüste? Denn es ist kein Brot noch Wasser hier, und uns ekelt vor dieser mageren Speise.ž (4. Mose 21, 5) Die Nerven liegen blank. Aber dieses Mal gibt es weder Wasser aus dem Felsen noch Wachteln oder Manna satt, sondern eine tödliche Strafe: feurige Schlangen. Die Bibel gebraucht den Ausdruck Saraphen-Schlangen. Was ist das?

Hier geht die Erzählung über den Bericht einer wüstenalltäglichen Schlangenplage, wie sie bis heute in den Bergen um Petra auftreten kann, hinaus: Saraphen-Schlangen - man stellte sie sich als geflügelte Schlangen vor - das sind nicht einfach besonders giftige Schlangen, sondern sie stehen für all die tödlichen Bedrohungen, die die Wüste für die Menschen bereithält: für dämonische Macht, die der Macht Gottes entgegensteht. Das steckt hinter der Plage mit den Schlangen. Und diese unheimliche, tödliche Macht, sie wird nun nicht einfach weggenommen, sondern auf Gottes Geheiß hin gebannt.

Als das Volk bekennt: —Wir haben gesündigt, daß wir wider den Herrn und wider dich geredet habež (4. Mose 21, 7), da ist nicht gleich einfach alles wieder gut, sondern da müssen noch besondere Gegenmaßnahmen ergriffen werden: eben durch Errichten der ehernen Schlange. So wird das Böse entmachtet. Gott bedient sich des Widergöttlichen.

Hier geht es also nicht darum, daß das Volk auf einmal etwas tun soll, was es bisher gerade nicht durfte, sondern die alte Erzählung will gerade das archaische Mittel hervorheben, mit dem Gott das weitere Geschehen bestimmt: Weder nimmt er die Schlangenplage fort, noch greift er selbst ein, sondern er gibt dem Mose Anweisungen nach Art antiker Beschwörungsmedizin: Richte eine eherne Schlange auf! Gott bedient sich magischer Mittel. Und so macht er aus dämonischer Macht ein Heil-Mittel, ein Mittel für sein Heil: Wer die eherne Schlange ansieht, bleibt am Leben.

Ist das nun bloß eine uralte Geschichte, spannend, aber frag-würdig (Sollen wir uns jetzt etwa wieder ein magisches Weltbild zulegen - mit Zauberern und Hexen? Und: Wieviel Magie darfŽs denn sein?) Was können wir da heutzutage heraushören? Ich denke, diese uralte Geschichte ist eigentümlich modern, genauer gesagt: post-modern. Post-modern, so nennt man ja gern unsere Gegenwart, in der Mythen wieder eine Rolle spielen. Was der moderne Mensch mit einem Achselzucken als Aberglauben abtat, wird heute wieder salonfähig. Die allgegenwärtigen Horoskope sind dafür nur ein banales Beispiel (eben weil sie so banal sind). Viel wichtiger ist, daß Menschen gegenwärtig wieder Symbolen, Märchen und Riten Kraft für ihr Leben einräumen; denn sie lassen etwas sehen, was man sonst nicht sieht. Und so windet sich bis heute die Schlange um den Äskulapstab der Ärzte - einst Symbol einer heilenden Gottheit im alten Griechenland, heute Statussymbol der Götter in Weiß. Wieviel Magie darfŽs sein unter Juden und Christen?

Die alte Erzählung von der ehernen Schlange hat darin ihre bleibende Bedeutung, daß sie unter den Bedingungen antiker Beschwörungsvorstellungen den Glauben an den einen Gott bekennt. Gott ist Herr der dämonischen Mächte, er kann sie sogar bannen. Er beherrscht auch ihre Welt und kann die Welt der Magie sogar in seinen Dienst stellen. Dieser Gedanke hatte Folgen: Die Magie verlor damit ihre Magie - und wurde zur modernen Unterhaltungskunst, zur Zauberei im Varieté.

Die Alte Kirche hat Ähnliches gemacht. Mit Hilfe einer Auslegungsmethode biblischer Schriften, die heute zwar nicht gerade als modern gilt, aber zur Zeit Jesu absolut in war, hat sie die Aufrichtung der ehernen Schlange, deren Anblick Leben schenkte, als Vor-Zeichen eines anderen öffentlich sichtbaren heilbringenden Zeichens verstanden: des Kreuzes Jesu Christi, in dem alle Welt ihr Heil findet. Und damit verlor auch die Magie der Strafe der Kreuzigung als Ausdruck römischer Weltherrschaft ihre Kraft, wurde der Tod am Kreuz entzaubert. Aus einem Schreckenszeichen wurde das Zeichen des Heils.

Aber was wäre die Welt ohne ihren Zauber? Wieviel Magie muß heute wieder sein? Bei Kindern spricht man von einer magischen Lebensphase: —Wenn ich die Ampel bei Grün noch schaffe, klappt es mit der nächsten Klassenarbeit.ž Kaum ein Spitzensportler oder Kandidat bei —Wer wird Millionär?ž ohne —Glücksbringerž. Jeder ein kleiner Magier. Die Soziologen sprechen von einer —Remythisierung der Lebensweltž. Da sind —Die Nebel von Avalonž - ein Kultbuch, wie man so sagt. Besonders Frauen lesen es gern, Feministinnen haben es für sich entdeckt. Es ist ein Roman über die Sage von König Artus und seine Tafelrunde - geschrieben aus der Sicht von ArtusŽ Schwester, die als Hüterin alten Wissens Zugang hat zur Welt der Elfen und Kobolde, zur Magie der Kelten vor der christlich-angelsächsischen Eroberung Englands. Am Ende gewinnt die Welt der Moderne, die Welt der Männer - und was die Autorin beschreibt, ist der damit einhergehende Verlust: Die neue Welt wird eindimensional und platt. Die Sympathie der Schriftstellerin gilt vielmehr der alten Welt, die am Schluß buchstäblich im Nebel verschwindet. Heftig kritisiert sie das Christentum als die Welt der Männer und der Moderne und trauert der Zeit nach, als Magie noch geholfen hat.

Dieses Buch hat eine ganze Welle ähnlicher Literatur ausgelöst. Es ist spannend, aber ich habe mich geärgert über diese Gleichsetzung von männlicher Moderne und Christentum - so, als sei das Christentum nicht fähig, seinen Glauben auch in der von der Verfasserin und von Millionen von Leserinnen so geliebten Welt der Frauen und Mythen zu bezeugen. Wenn Gott sich magischer Mittel als Gegen-Mittel bedienen kann - wie in der Geschichte von der ehernen Schlange - dann können post-moderne Christinnen und Christen ihn auch als den preisen, dem die Geister gehorchen, ohne als moderne Menschen sagen zu müssen: Alles Quatsch. Der Glaube an Gott den einen Herrn ist nicht gebunden an das Weltbild der Moderne - ohne daß ich uns nun gleich wieder in die Welt von Avalon oder die von altorientalischen Schlangenbeschwörern schicken möchte. Aber hat nicht alles, was uns anzieht, was attraktiv ist und spannend und uns in seinen Bann zieht, seine Art von Magie?

Das meinte jedenfalls ein Hamburger Soziologe, der früher bei uns in der Gemeinde wohnte. Als er an einem Gründonnerstag am Tischabendmahl teilgenommen hatte - nur zum Beobachten, er ist ja schließlich Soziologe - da hat ihn diese Feier wider Erwarten in ihren Bann gezogen, und erstaunt rief er aus: —Es gibt ja doch Magie im Christentum!ž Magie, Bannung des Bösen - nur eine Redensart? Oder sehen Gläubige vielleicht Zusammenhänge, die andere nicht sehen? Das hätte seine Magie.

Schauen wir in die Welt Gottes, den Himmel, wie ihn der Prophet Jesaja beschreibt. Dort sehen wir sie wieder, die geflügelten Saraphen aus der Wüstengeschichte. Der Glaube Israels leugnet nicht ihre Existenz, sondern hat erkannt, wohin sie gehören: vor Gottes Angesicht. Da schaut nun der Prophet Jesaja diese ehemals gefürchteten Mächte aus der Wüste - als geflügelte Seraphim im Chor der Engel. Die alten Widersacher Gottes, sie sind versammelt zu seinem Lob. Wie befreiend - und nicht ohne Komik. Statt Menschen zu bedrohen, müssen sie vor Gott stehen und singen: —Heilig, heilig, heilig, ist der Herr Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll.ž (Jes 6, 2). Selbst seine Gegner loben Gott. So viel Magie muß sein!
Amen.
 
 


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