Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am 5. Sonntag nach Trinitatis über 2 Thess 3, 1-5

Liebe Gemeinde!
Es war Ende der 70 Jahre. Die —Wendež war noch weit. Im Ostblock saßen die Machthaber scheinbar fest im Sattel. Nur in Polen, das war bekannt, gab es eine Größe, die auch der kommunistische Staat nicht kleinkriegen konnte: die katholische Kirche. Am Primas von Polen kam kein Politiker vorbei. Soeben war Carol Woityla zum Papst gewählt worden. Der deutsche Kardinal Höffner soll dabei eine wichtige Rolle gespielt haben. In der Folge nimmt die Reisetätigkeit polnischer Bischöfe zu, immer häufiger kommen sie auch nach Deutschland, Werbeträger für ihre Art des Katholizismus - und am Rand offizieller Gespräche fällt manche Bemerkung, die nicht unbedingt für die Öffentlichkeit bestimmt ist. Ein aus Polen stammender Freund von mir, heute katholischer Pfarrer im Ruhrgebiet, hat bei einem dieser Besuche etwas aufgeschnappt: Voller Bewunderung über die Stärke des polnischen Katholizismus spricht der Bischof von Essen seinen polnischen Gast auf die hohe Zahl der Gläubigen in Polen an - trotz jahrzehntelanger kommunistischer Herrschaft. Dessen Antwort schockiert die westlichen Gastgeber: —Die Zahl der Gläubigen in meinem Land? Ich schätze sie auf etwa 10 Prozent.ž ... —Aber Ihre Kirchen sind doch voll, platzen nicht nur sonntags aus allen Nähten!ž —Lieber Bruder Hengsbach, Sie haben nach der Zahl der Gläubigen gefragt.ž

Liebe Gemeinde, offene Worte waren das, selbstkritisch, sie paßten nicht in unser Bild vom frommen Osten, das wir so gerne gepflegt haben. War der polnische Gast nun ehrlich oder resigniert? War er zu kritsch mit den Seinen - oder wollte er einfach seinen Gastgeber trösten, der schon damals vor immer leerer werdenden Kirchen stand? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß mir seitdem, seit ich von jener Begebenheit hörte, dieser Prozentsatz nicht aus dem Kopf geht: 10%. Es war sicher keine wissenschaftlich abgesicherte Zahl, keine statistisch zuverlässige Umfrage stand dahinter - und doch: Mir scheint, als gelte sie nicht nur für damals und nicht nur in Polen - sondern fast überall. Die Gläubigen sind in der Minderzahl - vielleicht sind es in einer modernen westlichen Gesellschaft wirklich nur 10 Prozent der Einwohner.

Der erste, der darüber sprach, daß der Glaube nicht jedermanns Sache sei, war kein geringerer als der Apostel Paulus. Aam Ende seines zweiten Briefes an die junge christliche Gemeinde in der nordgriechischen Stadt Thessaloniki heißt es: Weiter, liebe Brüder, betet für uns, daß das Wort des Herrn laufe und gepriesen werde wie bei euch und daß wir erlöst werden von den falschen und bösen Menschen; denn der Glaube ist nicht jedermanns Ding.

Ist Paulus hier nun einfach ehrlich - oder resigniert er angesichts ausbleibenden Erfolges? Wir wissen es nicht sicher. Was wir wissen, ist, daß nicht nur die christliche Mission im allgemeinen, sondern gerade auch Paulus vielen Widerständen begegnet ist. Es läuft nicht so richtig mit der christlichen Verkündigung - darum ruft Paulus auf zum Gebet.

Und damit hatte die Junge Kirche ihr Thema. Neben die Bitte um das Kommen des Reiches Gottes - wie wir sie im Vaterunser sprechen - trat das Gebet um die Ausbreitung des christlichen Glaubens, um das Wachsen der Kirche, Mission.

Mission? Erinnert das nicht an den Groschen für den Nick-Neger hinten in der Kirche, eine Sammelbüchse in Form eines schwarzen Mannes, der mit dem Kopf wackelte, wenn man als Kind eine Münze für die armen Heidenkinder in Afrika hineintat? Wer das noch erlebt hat, mag heute darüber lächeln - aber erst kürzlich erzählte mir ein Mann, heute Mitte 40, wie begeistert er als Kind davon war. So anschaulich war das: Mission, diese Grundaufgabe der Kirche. (Übrigens: Andere mögen ja heute spotten - aber hat der G8-Gipfel in der vergangenen Woche etwa mehr für Afrika getan?)

Mission, Evangelisation also. Wann haben wir eigentlich das letzte Mal für die Ausbreitung des christlichen Glaubens gebetet? Sicher, in den alten Liedern spielt das Thema noch eine Rolle - aber heute, muß man da nicht tolerant sein? Die Folge: Klammheimlich wird der Inhalt ausgetauscht, statt Jesus Christus, dem Herrn und Heiland der Welt, predigen auch die christlichen Kirchen den Gott mit Namen Toleranz.

Das ist mehr als bloß ein Wechsel der Taktik, das ist ein Wechsel des Spiels, ein grundlegender Systemwechsel. Wenn unsere Elf heute mittag ähnlich verführe, müßte sie mit Golfschlägern antreten. Und würde ein neues, ein anderes Spiel spielen. Auch ganz schön, bloß eben kein Fußball - und ohne jede Aussicht auf WM-Erfolg.

Wann wird unsere Kirche wieder in ihr altes Spiel zurückfinden - und erneut missionarisch werden, für Jesus Christus als den Herrn aller eintreten? Auch das müssen wir erbeten.

—Das ist nicht mein Dingž, das sagen heute jedenfalls viele, allzu viele Menschen, wenn es um die Gretchenfrage geht: Wie hältst duŽs mit der Religion? Die Zahl unserer Gemeindeglieder hat sich in 15 Jahren halbiert, auch die der Konfirmanden seit Beginn des neuen Unterrichts, der sonntägliche Weg zur Kirche ist zum persönlichen Glaubensbekenntnis geworden. 10% Gläubige in Berlin? Ein Prozentsatz, den wir uns dann noch mit anderen christlichen Konfessionen und verschiedenen Religionen und Weltanschauungen teilen müssen. Was hatte Paulus dazu zu sagen?

Aber der Herr ist treu; der wird euch stärken und bewahren vor dem Bösen.

So einfach, so schlicht. Nicht unsere Stärke macht den Erfolg. Die Ausbreitung des christlichen Glaubens ist Gottes Ding. Wir allerdings haben das Evangelium mit Wort und Tat zu verkünden und zu bezeugen. Wir haben die Aufgabe, um das Kommen des Reiches Gottes zu beten. Die Gemeinde des Paulus hatte dabei sein Vertrauen: Wir haben aber das Vertrauen zu euch in dem Herrn, daß ihr tut und tun werdet, was wir gebieten.

Wir hingegen werden das wohl neu als Aufgabe entdecken müsse. Über kurzatmige und kurzlebige Aktionen wie —Wachsen gegen den Trendž und —Evangelisch aus gutem Grundž hinaus (wie wäre es dazu mit einem Projekt 18 auf christlich? Jeder muß da nur einen dazu gewinnen!) müssen wir zurückfinden zu unserem alten Spiel - und entdecken, warum es uns Spaß macht. Denn Christsein ist schön: Es macht frei von den Lasten der Welt, frei vom Zwang zum Erfolg. Ich jedenfalls möchte mit keinem Moslem tauschen, nicht einmal mit einem Juden, der seine Verpflichtung zum Halten des Gesetzes ernstnimmt.

Entsprechende gesellschaftliche Verhältnisse vorausgesetzt, ist es ja auch gar nicht so schwer, Jude oder Moslem zu sein. Oder Hindu: Indien ist so voller Religion, daß selbst Atheisten davon schwärmen, von der meditativen Atmosphäre eines Aschrams z.B.. (Auch mein ungetaufter Autohändler übrigens: Er geht demnächst wieder ins Kloster - beruflich zur Managerschulung und privat wegen der Möglichkeit, dort endlich einmal zu Ruhe und Besinnung zu kommen.)

Weshalb ich angesichts solch toller allgemeiner Angebote dann ausgerechnet fürs Christsein bin? Das haben mich diese Woche einige Schüler gefragt. Unerwartet standen sie vor der Tür - mit einem Mikrofon. Es sollte eines dieser Gespräche zwischen Tür und Angel werden - für eine Projektwoche. Ich lasse sie kurz rein, weil es auf der Straße so laut ist. Sofort verdrückt sich der Lehrer. (Traute er sich nicht einmal ins Gemeindehaus?) —Was halten Sie vom Islam und vom Christentum?ž werde ich gefragt und antworte: —Wir haben manches gemeinsam - aber ich bin natürlich fürs Christentum. Denn wir Christen haben erfahren, daß Gott nicht nur die unbekannte, unheimliche Macht ist, die alles gemacht hat - sondern daß er in Jesus einer von uns ist. Und daß sein Geist bei uns ist.ž Viel mehr konnte ich nicht sagen, und viel mehr wollten die jungen Leute auch nicht hören - aber das war auch genug. Wir haben Gott, wir reden nicht nur von ihm.

Wieviel Prozent Gläubige dabei herauskommen mögen, wenn Gott so zur Welt kommt, wie es die Christen glauben und leben? 2% sonntäglicher Gottesdienstbesuch - wie hier und heute? 10% - wie der polnische Bischof gemeint hatte? Ein Projekt 18? Oder am Ende doch 100%: im vollendeten Reich Gottes?

Christsein ist schön, denn Weltmeister in Sachen Religion muß ich gar nicht werden - kirchliche Stärke verführt nur zum Selbstbetrug. Ich bin bloß Zeuge für Jesus Christus. Für den Erfolg sorgt er selbst - spätestens im Finale der Welt.

Vorläufig können wir deshalb mit dem Segenswunsch des Apostels Paulus schließen: Der Herr aber richte eure Herzen aus auf die Liebe Gottes und auf die Geduld Christi.
Amen.
 
 


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