Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am 2. Sonntag nach Epiphanias über 2 Petr 1, 16-19

Liebe Gemeinde!
In einem dieser großen Supermärkte ist es immer wieder dasselbe: Da stehe ich vor einem riesigen Regal voller Waschmittel, vor verschiedenen Sorten und Fabrikaten, vor Marken und no name-Produkten. Welches soll ich nehmen? Welches brauche ich gerade? Welches hat sich bewährt? Welches ist preiswert? Die Entscheidung dauert und dauert - und fällt auch nicht immer gleich aus. Ich beobachte: Mancher Kunde verliert schnell die Geduld, greift zum erstbesten oder zum Sonderangebot. Andere probieren einfach alles aus - schön der Reihe nach. Öfter mal was Neues. (Auch in meinem Keller steht schon das eine oder andere Paket herum - denn nicht alles hat sich bewährt.) Oder man kauft, was schon die Oma kaufte.

In der Welt der Religionen und Weltanschauungen und ihrer vielen Geschichten stehen wir vor einer noch größeren Vielfalt. Das Angebot erschlägt einen geradezu. Wie soll man da vernünftig wählen, eine Entscheidung treffen? (Nicht nur Konfirmandinnen und Konfirmanden fragen uns das.) Es ist wie im Supermarkt - und das nicht erst heutzutage. Schon das erste Jahrhundert christlicher Zeitrechnung, die Zeit der Apostel, hat man als Supermarkt der Religionen bezeichnet. Religiöse Vereinigungen gab es wie Sand am Meer, alte und neue. Das Christentum gehörte zu den neuen - und auch das sprach nicht mit einer Stimme. Da gab es verschiedene Prediger und Glaubensboten: Jeder hatte so seinen Stil, jeder erzählte die Geschichten ein wenig anders. Woran sollte man sich halten? Früher oder später mußte diese Frage einfach aufkommen. Eigentlich ist sie ja auch unsere geblieben: Wer hat Recht?

Der heutige Predigttext nimmt dazu Stellung:
"Wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt, als wir euch kundgetan haben die Kraft und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus; sondern wir haben seine Herrlichkeit selber gesehen. Denn er empfing von Gott, dem Vater, Ehre und Preis durch eine Stimme, die zu ihm kam von der großen Herrlichkeit:  Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. Und diese Stimme haben wir gehört vom Himmel kommen, als wir mit ihm waren auf dem heiligen Berge. Um so fester haben wir das prophetische Wort, und ihr tut gut daran, daß ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbreche und der Morgenstern aufgehe in euren Herzen."

Es geht hier um Jesus. Die Frage ist: Warum Jesus und seine Geschichte - und keine andere? Die Antwort gibt der 2. Petrusbrief hier mit dem Wort Herrlichkeit. Herrlichkeit, das meint Jesu himmlische Herkunft und Zukunft. Er ist wirklich der Bote Gottes, Gott hat sich durch ihn gezeigt, an ihm seine Herrlichkeit offenbart. -Zur Bekräftigung dieser Wahrheit heißt es hier nun: Wir waren dabei. Wir haben uns das nicht ausgedacht, was wir euch erzählen - wir haben das erlebt. Wir - das sind die Apostel. An zwei Erlebnisse wird hier besonders gedacht: an Jesu Taufe und an seine Verklärung auf einem Berge. Von der heißt es: Wir haben damals die Stimme vom Himmel gehört: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. M.a.W.: Vertraut denen, die dabei waren.

Dieses Argument hat etwas für sich: Einem Augen- und Ohrenzeugen kann man doch grundsätzlich wohl mehr Vertrauen schenken als einem, der alles nur vom Hörensagen kennt. Andererseits: Eine Stimme vom Himmel? Wie verläßlich ist einer, der Stimmen hört? Um das beurteilen zu können, müßte man ihn schon selber kennen und wissen, wie glaubwürdig er ist. Wie leicht verändert sich ja eine Nachricht, wenn sie von einem zum anderen weitergegeben wird. Ich sage nur: —stille Postž.

Eben, meint der 2. Petrusbrief. Darum sagen wir euch ja, woran ihr Euch halten könnt: Haltet Euch an uns, an die Apostel! Ihr kennt uns als zuverlässige Zeugen. Und obendrein: Was wir mit Jesus erlebt haben, bestätigt, was die Propheten gesagt haben. Ihr Wort bekommt sogar neue Leuchtkraft. Es ist wie Licht an einem dunklen Ort, wie ein Nachtlicht. Ein Nachtlicht nimmt die Angst vor dem Dunkel. Und so leuchten die Worte der Propheten schon, bevor einem Menschen ganz persönlich ein Licht aufgeht und er zur Erkenntnis der Herrlichkeit Jesu kommt.
Liebe Gemeinde, das ist nun sicher keine Auskunft, die die Zweifelnden aller Zeiten, Länder und Religionen überzeugt von der Wahrheit der göttlichen Sendung Jesu. Aber für die Christen, die an ihn glauben, ist sie trotzdem nicht unwichtig. Denn als die damals - wie wir heute - anfingen zu fragen: Woran können wir uns halten, an welche der zahlreichen Geschichten über Jesus - ist er nun am Kreuz hingerichtet und von Gott auferweckt worden oder war er nur scheintot und floh als Prediger des Lichtes in der Finsternis nach Indien - als sie nun anfingen, so zu fragen, erhielten sie hier eine verläßliche Antwort: Haltet euch an die Tradition der Apostel und an die prophetische Tradition der Bibel!

Unser Predigttext ist sozusagen ein Stück Verbraucherberatung im religiösen Supermarkt der Zeiten. Er hilft bei der Orientierung im Dschungel frommer Geschichten. Ein Gemeindeglied sprach mich einmal kritisch darauf an, ob ich denn in der Predigt überhaupt den Ausdruck Geschichten verwenden dürfe, Geschichten gebe es schließlich wie Sand am Meer und die Geschichten von Jesus seien eben nicht wie alle anderen. Das stimmt. Der 2. Petrusbrief gibt ihm Recht. Wir brauchen die Geschichte von Jesus Christus mehr als alle anderen Geschichten. Es geht um die Kunst der Unterscheidung im Supermarkt religiöser Geschichten.

Diese Unterscheidung, sie fällt heute schwerer denn je, denn wir kennen ja immer mehr solcher Geschichten. Immer wieder werden neue erfunden - häufig im alten Gewand - oder es werden alte Geschichten neu erzählt. Aber nicht immer ist das Neueste das Christlichste. Viele gute religiöse Geschichten, auch die vom —Herrn der Ringež, vom alten Kampf zwischen Gut und Böse - der Verfasser nennt sie eine katholische - kommen eben nicht auf diesen Punkt, die Sendung Jesu Christi vom Himmel her zu erzählen.

Irreführende Geschichten aus dem religiösen Angebot ausschließen können wir natürlich nicht, der Supermarkt der Religionen gehört uns ja nicht. Wir sind lediglich ein Anbieter unter vielen. Wir können nur unser eigenes Angebot machen, das Angebot des Zugangs zur Herrlichkeit Gottes durch Jesus. Aber wie?

- Poster mit der Reklame der Firma West (Motiv der weiblichen Drei Könige) aufhängen -

Eigentlich ist das hier ja Zigarettenwerbung. Aber die wirbt hier mit einer christlichen Geschichte, mit den sogenannten Heiligen Drei Königen. Ich sehe hier allerdings drei attraktive Sternsingerinnen. (Die hätte der Kanzler bestimmt mehr beachtet.) Sie sehen uns an, recht einladend - ein junger Mann macht auch schon mit. Außer dem Glimmstengel bringen sie uns die biblische Geschichte von der Erscheinung der Herrlichkeit Gottes in Jesus Christus nahe.

Will nun die Botschaft von der Zigarette (—Test it!ž) ankommen, muß sie auch ein bißchen von der Botschaft von Epiphanias mitnehmen. Ein Produkt nimmt das andere mit. Warum machen die Werber das? Sie wissen: Biblische Motive sorgen beim Kunden nicht nur für hohen Aufmerksamkeitswert, sie vermitteln auch ein ganz besonderes Lebensgefühl. Die Welt des Geheimnisvollen wird inhaliert. Weihrauch soll die Fluppe adeln. Solch doppelte Botschaften sind aus Sicht der Werber nötig, um ein neues Produkt einzuführen - denn bloß Nichtraucher wie ich fragen sich: Warum muß es denn diese und kann es nicht auch eine andere Zigarettenmarke sein? Schmecken die nicht alle gleich? Raucher wissen es besser. Da schwört doch fast jeder auf seine Marke. Schlecht für neue Anbieter. Darum die Botschaft: VersuchŽs doch einfach mal mit dieser hier. VersuchŽs mit mystery. Test it!

- Poster abhängen -

Auch auf dem Markt der Religionen und Weltanschauungen möchten kritische Kunden wissen, was das christliche Angebot so einmalig und unverwechselbar macht. Warum soll ich mich auf Jesus einlassen - und nicht auf Mohammed oder esoterische Gedanken? Immer wieder werden wir das gefragt und wissen nicht leicht zu antworten. Denn natürlich muß mir mein Gesprächspartner auch eine echte Chance geben. Wer nur fragt, um zu provozieren, um in Wirklichkeit keine Antwort zu hören - der wird auch mit keiner Antwort zufrieden sein. (Aber das liegt dann nicht an der Antwort - sondern an ihm selber.) Was aber sage ich dem, der im Ernst fragt, warum er es mit dem Christentum probieren soll? Ihm könnten wir - frei nach dem christlichen Philosophen Pascal - eine Art Wette anbieten: VersuchŽ es!

Und wenn du dich dann je mit deiner Hoffnung auf Jesus Christus getäuscht siehst, dann hat dein Zweifel Recht behalten, und auch ich habe verloren, gleich doppelt: auch meine Hoffnung und unsere Wette. Wenn du aber in Christus dein Leben gewinnst - wie ich glaube - dann haben wir beide gewonnen! Eine Art von Wette, die für mich eigentlich nur Gewinner kennen kann. Dazu mußt du dich aber auf diesen Glauben einlassen. Du kannst dich nicht nur hin und her wenden und vor dem Regal stehen bleiben wie im Geschäft. Du mußt es schon ausprobieren. Oder glaubst Du etwa, jede Religion sei gleich - wo doch noch nicht einmal jedes Waschmittel und jede Zigarette gleich ist? Test it! Spüre den Unterschied!
Amen.
 
 


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