Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Letzten Sonntag nach Epiphanias über 2 Mose 3, 1-14

Liebe Gemeinde!
Vor zwei Jahren fanden sich in unserer Stadt (und ganz besonders in unserer Siedlung) Plakate mit einem geheimnisvollen Zahlenrätsel, diesem hier:
10 + 5 = Gott
Was bedeuten diese Zahlen? Hinter Zahlen verbergen sich ja oft eigentümliche Zusammenhänge, Zusammenhänge zwischen Wissenschaft, Religion und Aberglaube: So gehört die 7 zu den typischen Zahlen im Märchen, die 3 steht im Christentum für die Dreifaltigkeit, und die 1 im Judentum für den einen Gott. Die 13 gilt im jüdischen Glauben als Glückszahl, im christlich geprägten Volksglauben dagegen steht sie für Unglück. Zahlen haben es in sich: Die Welt der Einsen und Nullen, das binäre System, in dem sich jede ganze Zahl genauso wie im Dezimalsystem ausdrücken läßt - auf dieser Grundlage arbeiten unsere Computer - wurde einst (von arabischen Mathematikern) erfunden, um die Entstehung der Welt aus Gott und dem Nichts zu erklären.

Wie lautet nun des Rätsels Lösung? Dazu müssen wir auf den heutigen Predigttext zurückkommen. Gott offenbart dem Mose seinen Namen: Jahwe, im Hebräischen sind das die vier Buchstaben JHWH. Im hebräischen Alphabet stehen die 22 Buchstaben nun jeweils auch für Ziffern, die ersten neun für die Zahlen 1 bis 9 (alef=1; bet=2 usw.), dann folgen die neun Zehner und dann die ersten vier Hunderter. So erklärt sich der Titel der Ausstellung: Die 10 entspricht dem Buchstaben J und die 5 einem H. Beide zusammen sind Teile des Namens Gottes. In der Praxis aber wird vermieden, die 15 zu schreiben und stattdessen 9+6 benutzt. Den Namen Gottes auszusprechen oder zu schreiben, ist im Judentum ja ein Tabu. Nach mystischer jüdischer Überlieferung - so der spanische Kabbalist Abulafia - setzt sich der vollständige Name Gottes sogar aus 72 Kurzformen zusammen. So wird der Name Gottes verschlüsselt, es entsteht ein geheimnisvoller Code, ein Rätsel für Eingeweihte - oder Neugierige: Vor zwei Jahren war das die Einladung zu einer Ausstellung im jüdischen Museum in der Lindenstraße, einer Ausstellung über Zahlen und ihre einstige geheimnisvolle religiöse Bedeutung.

Uns modernen Menschen ist das fremdgeworden - nicht nur das religiöse Spiel mit Zahlen, das Geheimnis Gottes selbst ist uns fremdgeworden. Wie kommt das?

Mysteriöse Erscheinungen ­ auch in der Bibel ­ veranlassen uns, ihnen auf den Grund zu gehen. Wir wollen verstehen, was wirklich passiert ist. Das alles durchaus in der Hoffnung: Wenn wir das tun, gewinnen wir ein besseres Verständnis von Gott und der Welt, verstehen wir besser, was das eigentlich ist: Wirklichkeit. Die biblische Erzählung von Mose und dem brennenden Dornbusch ist ein Beispiel dafür: Der Engel des Herrn erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und er sah, daß der Busch im Feuer brannte und doch nicht verzehrt wurde. Da sprach er: —Ich will hingehen und die wundersame Erscheinung besehen, warum der Busch nicht verbrennt.ž

Gehen wir einmal in Gedanken hinter Mose her. Was bekommen wir zu sehen? Ist es vielleicht Diptam, der leuchtende Busch, eine Blütenstaude mit rosa Blüten? Der botanische Name: Dictamnus albus. An heißen Tagen scheidet sie ein flüchtiges ätherisches Öl gasförmig aus, das bei sehr großer Hitze wohl auch selbstentflammbar ist ­ ähnlich den Schalen der damit botanisch verwandten normalen Zitrone: Spritzt man ihren Saft (den aus den Schalen, nicht aus dem Fruchtfleisch!) in eine Flamme, wird sie größer. Sind wir mit der Entdeckung des leuchtenden Busches Diptam auf den Spuren des Mose?

Wenn wir vor Diptam stehen oder auch am von den Christen viel später vermuteten Ort jenes Geschehens, dem heutigen Katharinenkloster mitten im Sinaigebirge, und vor einem angeblichen Ableger jenes brennenden Dornbusches, dann verstehen wir ­ noch nichts; denn es geht hier ja nicht um einen mysteriösen Busch, sondern um die Begegnung mit Gott, die Mose erlebt hat. Und um das zu verstehen, muß man gar nicht selbst am mysteriösen Ort des Geschehens stehen, sondern schlicht und einfach die Bibel lesen:

Sie berichtet, Mose wird von Gott gerufen und berufen, sein Volk aus Ägypten zu führen: —Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs.ž Obwohl Mose an diesen Gott seiner Väter glaubt, hat er Zweifel an seiner Aufgabe ­ und diese Zweifel werden ihm nicht dadurch zerstreut, daß der mysteriöse Dornbusch aufleuchtet, auch nicht durch den Zauber seines Hirtenstabes, sondern da heißt es: —Und das soll dir das Zeichen sein, daß ich dich gesandt habe: Wenn du mein Volk aus Ägypten geführt hast, werdet ihr Gott opfern auf diesem Berge.ž Erst das Opfer der Befreiten also, das viel später stattfindet, gilt als Zeichen, als Beweis der Sendung durch Gott.

Gott ist also der, der die Zukunft in der Hand hat, der sich erst später beweisen wird. Denn zum Auszug aus Ägypten muß es erst einmal kommen. Darum muß Mose zuvor erst einmal glauben, danach handeln ­ und dann erst wird ihm der Erfolg recht geben. Glaube ist eine Sache zwischen Gegenwart und Zukunft. Glaube ist Glaube an Gott, der Zukunft verheißt und Zukunft herbeiführt. Das ist für Mose und das Volk Israel nicht anders gewesen als für uns. Das macht Gottes Aufträge zu geheimnisvollen Versprechen, zu Kreditversprechen mit künftiger Einlösung. Erst als Glaubensgeschichte verstehen wir das alles wirklich, als Glaubensgeschichte, die von der Erscheinung Gottes im brennenden Dornbusch zuläuft auf Jesus Christus. Hier findet sie ihren Höhepunkt, in der geheimnisvollen Stimme aus der Wolke: —Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören!ž Das ist wie Ostern, Weihnachten und Pfingsten ineins: Erscheinung Gottes im Menschen Jesus, Epiphanie. Ein wirkliches Geheimnis wird nicht gelüftet ­ man wächst in es hinein.

Wie kann man von einem Geheimnis so sprechen, daß es Geheimnis bleibt? Das lateinische Mittelalter machte den geheimnisvollen Namen Gottes zur Grundlage des Denkens. Es übersetzte den Namen mit sum qui sum (ich bin, der ich bin) und setzte Gott an die Spitze der Pyramide des Seins: Ein Stein ist, ein Tier ist, der Mensch ist und Gott? Auch Gott ist ­ und zugleich ist er das Sein selbst.

Als die Menschen dann modern sein wollten, gingen sie mysteriösen Erscheinungen naturwissenschaftlich auf den Grund, aber sie entdeckten nur Diptam, den leuchtenden Busch. Gingen sie nicht tief genug ­ oder ist Gott selber Schuld? Was verrät er auch seinen Namen? Ergeht es ihm damit nicht wie Rumpelstilzchen? Das Rumpelstilzchen im Märchen war ja nur so lange mächtig, als sein Namen geheim blieb: —Ach, wie gut, daß niemand weiß, daß ich Rumpelstilzchen heiß.ž Da hat Gott dem Mose und seinem Volk gegenüber seinen Namen preisgegeben. Wo bleibt nun das Geheimnis? Ist es mit dem Namen Jahwe gelüftet? Hat die jüdische Zahlenmystik deshalb also zu Recht aus dem Namen Gottes wieder ein verschlüsseltes Rätsel gemacht: 10 + 5 = Gott?

Mit dem Verschwinden des göttlichen Geheimnisses bliebe für uns Christen nur Jesus der Moralprediger, ein Moralprediger unter vielen. Und für viele ist das ja auch so. Das Resultat heute: Die einen leugnen, daß es einen Gott gibt; andere glauben nicht, daß man ihn erkennen an; wiederum andere sind mit ihm auf Du und Du und haben —ihren Jesusž, ihre persönliche Gottesbeziehung. Geheimnisvoll ist da nichts. Erst neuerdings entdecken auch manche Christen wieder, daß Gott Geheimnis bleibt, selbst wenn er sich uns erschließt ­ in seinem Namen und in Jesus Christus. Und so gewinnen sie ein besseres, ein tieferes Verständnis Gottes ­ und unserer Welt.

Hollywood stellte es uns jüngst, Ende der 90er Jahre, vor Augen: Wenn sich in —Akte Xž die Agenten Scully und Mulder auf den Weg machten, waren da zwei Jäger des Mysteriösen am Werk: die moderne Zweiflerin und der sogenannte "Glaubende" (mit Rollentausch). Selten ging es dabei um Religion, meist um Kriminalfälle. Aber immer merkte der Zuschauer die Frage nach dem, —was die Welt im Innersten zusammenhältž: Ist es allein das Meßbare ­ oder erlauben nicht erst die Empfindungen, die Erfahrungen, die Geschichten der Menschen den Zugang zum Geheimnis der Welt?

Geheimnis. —Jede Frau hat ein Geheimnisž, hat Hans Söhnker in den dreißiger Jahren gesungen und Max Raabe in den 90ern. Ein lehrreicher alter Schlager: Selbst wenn wir alles von einem lieben Menschen verstehen wollen und auch immer mehr verstehen - ein desto größeres Rätsel wird er uns. Und das gilt nicht nur für Frauen: Jeder Mensch hat ein Geheimnis, ist ein Geheimnis. Wieso? Er läßt sich nicht auf eine Erfahrung mit ihm festlegen und ist immer wieder für Überraschungen gut. Und Gott?

Wir Christen haben durch den Glauben Israels Gott als jene Macht kennengelernt, die mehr ist als nur eine Augenblickserfahrung, mehr als nur brennender Dornbusch. Gott ist mehr als eine nur vordergründige Wirklichkeit: Er ist der, der Zukunft schenkt und frei macht, sein Name offenbart es: Ich werde sein, der ich sein werde. Ein eigentümlicher Name. Das ist eigentlich ja kein Name, wie wir ihn gewohnt sind, kein Name, der uns wirklich sagte, mit wem wir es zu tun haben. Ein Name, der Menschen deshalb immer viel zu denken gegeben hat. Der Name Gottes ist und bleibt mysteriös, geheimnisvoll. Er weist in unbekannte Zukunft. Gott ist einfach nicht festzulegen auf dies oder das: auf ein bestimmtes Ereignis, auf nur eine Erfahrung mit ihm. Deshalb der christlich einzigartige Glaube an Gott als Vater, Sohn und Geist. Gottes Name sagt, daß er ist ­ aber er ist nicht bloß das, was wir denken, das er sei.

Gibt es diesen Gott mit dem Namen —Ich binž oder denkt man sich das bloß? Das kann man sich natürlich fragen. Aber man kann nicht wirklich denken, daß Jahwe nicht ist, denn daß er ist, gehört mit zu seinem Namen. Er sagt, daß er ist: —Ich bin, der ich bin.ž Selbst wer versuchen wollte, das Nichtsein Gottes zu denken, muß in der Verneinung immer noch denken, wen er da leugnet: Gott. M. a. W.: Gottes Name bedeutet: Mit mir müßt ihr immer rechnen ­ auch die, die meine Existenz zu bestreiten versuchen. Wer meinen Namen gehört hat, wird mich nicht mehr los.

Gott ist Geheimnis, das meint: Er ist anders, als die denken, die noch meinen, man könnte die Frage beantworten, ob es ihn gibt oder nicht. Sein oder Nichtsein? Wer glaubt, weiß, daß das keine Alternative ist. Gottes Sein steht nicht mehr vor der Wahl —Sein oder Nichtseinž. So ist Gott das Unfaßbare hinter und mitten in der vertrauten Realität.—Hinter dem Sichtbaren verbergen sich geheimnisvolle Rätsel. Hinter dem Augenscheinlichen liegt noch eine andere Wahrheit." Zugleich ist Gott in der Welt: in Jesus Mensch, in seinem Geist bei uns.

Zwar können wir die Welt auch ohne Gott verstehen, aber mit Gott verstehen wir sie anders, sie ist seine Schöpfung, also selbst Geheimnis ­ doch nicht Gott. Gott bleibt das Geheimnis der Welt: Ob 10+5 = Gott oder Einsteins E = Mc2 ­ solche Formeln für Gott und die Schöpfung führen uns in ihr Geheimnis ein.

Darum, liebe Gemeinde: —Sind Sie bereit? Bereit für das Unbekannte? Für eine neue Erfahrung, die alles in Frage stellen könnte, was Sie zu wissen glauben?ž Mose wurde diese Erfahrung zuteil ­ und wir können sie teilen, indem wir auf die alten Zeugnisse hören: von der Offenbarung des göttlichen Namens, von Jesus als dem, auf den es zu hören gilt. Wenn wir diese Geschichten erzählen und ihnen nach-denken, hat Gott einen Ort in der Welt ­ wie in dem brennenden Dornbusch, von dem aus er zu Mose sprach, wie im Menschen Jesus Christus, durch den er zu uns spricht. Eben: Gott als Geheimnis ­ in den biblischen Texten anschaulich gemacht.
Amen.
 
 


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