Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am 19. Sonntag nach Trinitatis über 2. Mose 34, 4-10

Liebe Gemeinde!
—... ich glaube, dies ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.ž Die letzten Worte aus dem Film Casablanca, einem Film, der schon ein Kultfilm war, bevor es diesen Ausdruck gab. Viele haben ihn mehr als ein Dutzend Mal gesehen, kennen große Teile dieser unglücklichen Liebesgeschichte zwischen Ingrid Bergmann und Humphrey Bogart auswendig und sprechen die berühmten Dialoge mit, die schon begonnen haben, ein Eigenleben zu führen: "Schau mir in die Augen, Kleines" (—Ich schau dir in die Augen, Kleinesž, heißt es im Original) und —SpielŽs noch einmal, Samž (das kommt im Original gar nicht vor, sondern in Woody Allens Fassung) - immer wieder As time goes by und der unsterbliche Schlußsatz vom Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

Zwei sehr ungleiche Partner haben sich da am Ende zusammengefunden. Der eine ist der mächtige, aber korrupte Polizeichef Renault, der mit der Besatzungsmacht zusammenarbeiten muß (—Verhaften Sie die üblichen Verdächtigen!ž), der andere ist der Barbesitzer Rick, der über der enttäuschten Liebe zur Frau des idealistischen Widerstandskämpfers Viktor Laszlo zum Zyniker geworden ist. Am Ende des Films finden die beiden ganz unerwartet zusammen. Der Polizeichef verhilft dem Widerstandskämpfer zur Flucht, auch Rick läßt die wiedergefundene Große Liebe gehen. Der Polizeichef bietet ihm ein Bündnis an: —... ich glaube, das ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.ž

Damit ist der Film ist zu Ende - aber die Zuschauer ahnen, es geht weiter, die beiden ungleichen Partner arbeiten nun zusammen und werden in Zukunft auch anderen zur Flucht in die Freiheit verhelfen.

Der heutige Predigttext, liebe Gemeinde, hat mich an jenes Wort vom Beginn einer wunderbaren Freundschaft erinnert. —Und der Herr sprach: Siehe, ich will einen Bund schließen.ž Das kommt genauso unerwartet wie die Wende in Casablanca.

Zuvor hatte es den großen Abfall des Volkes von Gott gegeben: hier die Zehn Gebote, da das Goldene Kalb. Mose tritt dazwischen, bittet um Vergebung: —Hab ich, Herr, Gnade vor deinen Augen gefunden, so gehe der Herr in unserer Mitte; denn es ist ein halsstarriges Volk; und vergib uns unsere Missetat und Sünde und laß uns dein Erbbesitz sein.ž Es ist wie im Kino. Das Volk Israel in der Rolle Ricks: wetterwendisch, opportunistisch, zur großen Liebe fähig, doch den eigenen Vorteil suchend. Und Gott - wie sieht seine Rolle aus?

Zunächst begegnet Gott Mose wie ein orientalischer Herrscher: von Lob- und Huldigungsrufen eingehüllt: —Herr, Herr, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue, der da Tausenden Gnade bewahrt und vergibt Missetat, Übertretung und Sünde, aber ungestraft läßt er niemand, sondern sucht die Missetat der Väter heim an Kindern und Kindeskindern bis ins dritte und vierte Glied.ž Altorientalische Gerechtigkeitsvorstellungen: Wer straft, der übt auch Gnade, wer begnadet, setzt mit aller Macht sein Recht durch. Mose geht mit Gott um wie einem Großkönig seiner Zeit: Alles kommt darauf an, wie man ihm begegnet, ihm schmeichelt, ihn mit Geschenken gnädig stimmt. Mose geht mit ihm um wie die Emigranten in RickŽs Café mit dem korrupten Polizeichef. Die kratzen ihre letzte Habe zusammen, um ihn zu bestechen. Die Tafeln mit den 10 Geboten hat Mose bei sich: —Wir gehorchen - und du hilfst uns. Na, ist das ein Angebot?ž Mose weist Gott eine Rolle zu, die des allmächtigen Herrschers, der tun kann, was ihm beliebt, der immer im Recht ist - ein Herr über Leben und Tod, schnell gekränkt, schneller als George W.

Und was tut Gott? Gänzlich unerwartet kündigt er einen Bund mit dem Volk an, seinen Bund, den Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Gott tritt aus der Rolle des altorientalischen Herrschers heraus, die Mose ihm zuschreiben wollte. Das Volk ist ihm nicht mehr untertan, sondern Bundespartner, es hat Pflichten - und Rechte. Zu den Pflichten gehört es, die 10 Gebote zu halten - und was ist sein größtes Recht? Es hat das Recht, Gottes Wunder zu sehen, sensationelle Wunder: —Und vor deinem ganzen Volk will ich Wunder tun, wie sie nicht geschehen sind in allen Landen und unter allen Völkern.ž

—Ihr werdet Wunder sehn...ž Mit vollem theologischem Recht macht Steven Spielberg dieses Wort zum musikalischen Leitmotiv seines Films über den Auszug des Volkes Israel aus Ägypten. Immer, wenn Gottes Macht sich durchsetzt - nach den Plagen, am Ufer des Schilfmeers, bei der Rettung vor den Verfolgern und beim Zug ins Gelobte Land erklingt dieses Motiv: —Es werden Wunder wahr...ž.

Israel, Wunderland - ein Begriff der werbe- und tourismustauglich geworden ist. Zugleich ist es der Zugangscode für den Bund Gottes mit seinem Volk: —Das ganze Volk, in dessen Mitte du bist, soll des Herrn Werk sehen; denn wunderbar wird sein, was ich an dir tun werde.ž Israel sieht Gottes Wunder, denn es ist sein Volk. Darauf läuft das Bündnis hinaus, das Gott mit ihm schließen will. —Es werden Wunder wahr...ž. —... ich glaube, das ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.ž

Wirklich, das ist wie im Kino, diese wunderbare Wende am Schluß - und wie im Kino dürfen auch wir die Zuschauer sein. Denn die Geschichte der Wunder Gottes an seinem Volk, wie er es über die Jahrhunderte und Jahrtausende am Leben gehalten hat, wird nicht in geschlossener Veranstaltung gezeigt, nicht nur für Juden. Jesus hat uns den Zugang dazu verschafft, allen Völkern die Eintrittskarte gekauft, mit seinem Blut den Neuen Bund geschlossen - so daß der Bund Gottes mit seinem Volk nun offen ist für alle Menschen. Wir sind Blutsbrüder geworden, miteinander verbunden, gemeinsam Zeugen von Gottes Wundern, vor allem seines größten: des Wunders der Auferstehung Jesu von den Toten. Das Wunder von Jesu Auferweckung von den Toten hat eine neue Freundschaft Gottes mit den Menschen begründet. Der Auferstandene, er spricht: —Friede sei mit euch!ž

Der Friedensgruß erneuert die alte Freundschaft und weitet sie aus. Rückblickend hat die Alte Kirche im Durchzug des Volkes Israel durch das Schilfmeer einen Hinweis auf die Taufe erkannt: Auch wir Getauften kommen gerettet aus dem Wasser heraus, auch unsere Geschichte wird da erzählt, wir sehen Gottes Wunder.

Sehen wir sie wirklich?

—Ich sehe was, was du nicht siehst...ž. Das alte Kinderspiel bewährt sich auch hier. Die einen sehen nur den sogenannten Lauf der Welt, er läßt ihnen die Geschichte der Menschheit als eine Geschichte von Krieg und Gewalt, von Mord und Totschlag erscheinen - für die anderen, die Bündnispartner Gottes, ist es die Geschichte einer wunderbaren Freundschaft - einer Freundschaft, die man nicht genug feiern kann, obwohl wir sie ja jeden Sonntag feiern, diese Freundschaft Gottes mit den Menschen, die durch Jesus auf eine unverbrüchliche Basis gestellt wurde.

—Ich sehe was, was du nicht siehst...ž. Wieder ist es wie im Kino, also noch einmal zurück dahin: Für die einen ist Casablanca ein - etwas naiver - Film über Nazis, für die anderen der wahrscheinlich größte Liebesfilm aller Zeiten, an dem man sich einfach nicht sattsehen kann: —SpielŽs noch einmal, Sam!ž
[You must remember this
A kiss is still a kiss
A sigh is just a sigh
The fundamental things apply]
As time goes by.
Amen.
 
 


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