Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Sonntag Rogate über 2. Mose 32, 7-14

Liebe Gemeinde!
Ein ganzes Volk sitzt auf der Anklagebank - das Volk Israel: —Ich sehe, daß es ein halsstarriges Volk ist. Und nun laß mich, daß mein Zorn über sie entbrenne und sie vertilge!ž Nicht der moderne Staat Israel und sein unversöhnlicher Kampf gegen Terroristen und alles, was sich ihm in den Weg stellt, ist hier auf der Anklagebank, sondern das alte Volk Israel, das Volk, das erst noch auf dem Weg ist, das Land in Besitz zu nehmen. Schon ganz am Anfang, am Beginn der Wanderung durch die Wüste, steht das Urteil über dieses Volk fest: Es ist des Todes. Wer so über das Volk urteilt, ist Gott der Herr. Derselbe, der sich das Volk erwählt und aus ägyptischer Sklaverei errettet hat, urteilt nun: Weg mit diesem Volk - denn es verehrt nicht ihn, seinen Retter, sondern —ein gegossenes Kalbž.

Für uns heutige Leser der Bibel hat die Geschichte vom —Goldenen Kalbž etwas Geheimnisvolles an sich. Galt das aus Gold gegossene Kalb denn nicht bloß als Bild jenes rettenden Gottes? Im Text heißt es doch wörtlich: —Und sie sprachen: —Das ist dein Gott, Israel, der dich aus Ägyptenland geführt hat!Žž (2. Mose 32, 4b) Der Bezug zur Rettungstat des Herrn geht hier nicht verloren. Oder doch?

Fremdenführer zeigen heute gleich am Fuß des Berges Sinai zwar kein Goldenes Kalb, aber eine Felsformation mit einem täuschend echt aussehenden Bild eines Kalbes. Da fragt man sich: Wo ist das Problem? Was ist so schlimm daran, sich von diesem Gott ein Bild machen zu wollen? Warum will Gott deshalb den Tod seines Volkes? Schon mein alter Religionslehrer erklärte uns, das mehr dahinter stecke. Archäologen hätten nämlich eine ganze Zahl wirklich —Goldener Kälberž gefunden. Ihre Verehrung durch das Volk Israel bedeute in Wahrheit dessen Rückfall ins Heidentum. Verführt durch das Bild landet man also bei einer anderen Sache, bei einem anderen Gott. Das sei der Sinn des zitierten Satzes.

Schauen Sie einmal auf diese Karikatur. Ich zeige sie jedem Jahrgang von Konfirmandinnen und Konfirmanden, obwohl es den jungen Leuten meist noch recht schwer fällt, ihre Pointe aufzunehmen. Sie nimmt ja dasselbe Problem aufs Korn: Ein Mann liegt auf dem Boden vor einem Altar und verehrt nicht Gott, sondern Bilder, Bilder von Statussymbolen: ein Fußball, ein Mercedes, die Sterne ....... Er verbeugt sich nicht vor den Gegenständen, sondern vor dem, was sie symbolisieren: Macht, Ansehen, Einfluß. Das sind sozusagen seine Götter. Die Bilder verführen ihn zu vergöttern, was doch nur vernünftig gebraucht, nicht von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit allen Kräften verehrt werden soll. —Für sich selbst gezeichnetž, hat der Karikaturist darunter geschrieben. Und man kann es sich wohl auch nur selbst gestatten, in einer stillen Stunde persönlicher Besinnung über das eigene Symbol nachzudenken, den eigenen Beitrag zu diesem Altar falscher Götter. Bei unseren Mitmenschen sehen wir das deutlicher: die Waffen, die Steine, die Gewaltspiele. Die Karikatur, sie zeigt uns - und das ewige Goldene Kalb, das wir umtanzen.

Demnach sitzen auch wir auf der Anklagebank, gleich neben dem Volk Israel von damals und seinen Nachfahren heute. Auf der Anklagebank sitzt der Mensch und hört aus dem Munde Gottes sein Urteil: —Du bist des Todes!ž

Damals ging Mose erfolgreich dazwischen. Mose plädiert hier wie ein Verteidiger in einem Gerichtsverfahren: Herr, warum hast du sie erst errettet, wenn du sie nun zerstören willst? Was sollen die anderen Völker von dir denken? Gegen Gottes Zorn appelliert er an Gottes ursprüngliche Verheißung: —Gedenke an deine Knechte Abraham, Isaak und Israel, denen du bei dir selbst geschworen und verheißen hast: Ich will eure Nachkommen mehren wie die Sterne des Himmels!ž Mose spricht wie zu einem absoluten Herrscher, dessen Willen nicht durch andere beeinflußt werden kann, sondern nur durch ihn selbst. Und das Wunder geschieht: —Da gereute den Herrn das Unheil, das er seinem Volk zugedacht hatte.ž Die sogenannte Fürbitte des Mose hatte Erfolg - aber dennoch: das Volk zahlt einen hohen Preis dafür.

Der heutige Predigttext unterschlägt uns das. Wir müssen schon weiterlesen. Mose ruft nämlich den Stamm Levi gegen den Rest des Volkes auf: —Kämpft!ž Am Abend sind dreitausend tot - und das bleibt nicht das letzte Strafgericht. Als Korach und seine Rotte sich gegen Mose auflehnen, kommt es zu einem erneuten Gottesurteil: Es —zerriß die Erde unter ihnen und tat ihren Mund auf und verschlang sie mit ihren Sippen, mit allen Menschen, die zu Korach gehörten, und mit all ihrer Habe. Und sie fuhren lebendig hinab zu den Toten hinunter mit allem, was sie hatten, und die Erde deckte sie zu, und sie kamen um, mitten aus der Gemeinde heraus.ž (4. Mose 16, 31b-33) Mit der Übernahme der Gebote Gottes steht das Volk Israel unter der beständigen Androhung von Strafe. Wer vom Herrn abfällt, ist des Todes, des Todes im Namen des Gesetzes.

Mehr als 1000 Jahre später steht Jesus vor Gericht. Wenn das Neue Testament den Prozeß Jesu erzählt, wird da kaum die ungerechtfertigte Anklage wegen Auflehnung gegen die römische Besatzungsmacht erwähnt, die moderne Historiker als Grund für die Verhängung der Todesstrafe über Jesus vermuten - die Bibel betont das Thema Gotteslästerung. Das hat man gegen Jesus vorgebracht: die Verletzung der Sabbatgesetze. Wer so handelt, predigt der nicht einen anderen Gott? Und da kehrt der juristische Vorhalt wieder: Wer wie du vom Herrn abfällt, ist des Todes. Tod im Namen des Gesetzes - eine unendliche Geschichte.

Nein, so geht die Geschichte Gottes mit den Menschen nicht weiter. Die Christen  erkennen: Gott stand auf der Seite Jesu. Jesu Umgang mit dem Gesetz, sein Predigen geschah im Namen Gottes. Der hat ihn von den Toten erweckt - wie zur Bestätigung, zur Rechtfertigung seiner Predigt. Und wir erkennen nun, wer er in Wahrheit war: der bevollmächtigte Bote Gottes, der Messias, der Retter vor der Strafe des Gesetzes.

Die Alte Kirche verstand die Geschichte vom Fürbitte haltenden Mose neu: Der appellierte gegen Gott an Gott, Jesus aber appelliert nicht nur an Gott, so daß die Drohung der Todesstrafe für die Verletzung des Gesetzes Gottes weiter über uns schwebt wie über dem Volk Israel - Jesus hat die Strafe getragen, er hat bezahlt, obwohl er doch unschuldig war. Und damit hat Gott in Jesus selbst bezahlt für die Vergehen seiner Geschöpfe.

So kreativ geht die ersten Christen mit der alten Geschichte um, um das Neue zum Ausdruck zu bringen, was sie mit Jesus erlebt haben. Von Rechts wegen sitzen die Völker der Welt zwar noch immer auf der Anklagebank, weil sie falschen Göttern folgen - aber sie haben einen Anwalt, einen Anwalt, der noch mehr vermag und tut als Mose. Unser Anwalt hat die Strafe selbst getragen und für uns bezahlt. Auf die Verhältnisse unserer Zeit übertragen, könnten wir sagen: Wir haben in Jesus nicht nur einen Anwalt bei Gott, sondern einen Advokaten, der seine eigene Advocard mitbringt. (Sie wissen schon: —Advocard ist Anwalts Liebling.ž) Jesus Christus hat die verdiente Strafe von uns abgewendet, indem er sie selbst bezahlt hat.

Normal ist das nicht - und auch nicht zu erklären. Die Fürbitte des Mose verläuft noch nach einem durchaus nachvollziehbaren Schema: Wie gehe ich mit einem absoluten Herrscher um? Ich appelliere an sein besseres Ich, an seine früheren Versprechen. Unser Erfolg ist auf Erden doch die beste Werbung für den besten Gott. Darum: Gott mit uns. Menschen denken so - nicht nur im Alten Israel. Aber das Eintreten Jesu bei seinem Vater für uns - das ist eine neue Dimension. Hier tritt wirklich Gott gegen Gott an. Gott selbst geht dazwischen, zwischen unsere Untaten und die gerechte Strafe - zugunsten seiner Menschen. Was für ein Anwalt, der selbst die Strafe übernimmt und bezahlt! Den lassen wir uns gefallen!

Dem Goldenen Kalb folgen das Todesurteil und die Strafe - und nun die Begnadigung: Ihr seid frei! Gott sei Dank. Was aber tanzen wir da noch ums Goldene Kalb? Wir tanzen nun mit dem Herrn des Tanzes.
Amen.

- Es folgt das Lied —Lord of the dancež. -
 
 
 


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