Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Erntedankfest 2004 über 2 Kor 9, 6-15

Liebe Gemeinde!
Für Atheisten ist heute ein schlechter Tag. Erntedanksonntag: Wir Christinnen und Christen danken Gott für die Ernten dieses Jahres. Was aber macht der, der nicht weiß, wem er danken soll? —Der ärgste Augenblick für einen Atheisten ist der, wenn er das Gefühl hat, danken zu müssen, aber nicht weiß wem.ž

Der das gesagt hat, war Gilbert K. Chesterton, ein Schriftsteller, der Erfinder der viel gelesenen Detektivgeschichten von Pater Brown. Chesterton hatte sich im Laufe seines Lebens wieder dem christlichen Glauben angenähert, die Adresse für seine Dankbarkeit gefunden. Das machte ihn froh - und fähig zu dem feinen Humor, der auch seine literarischen Figuren besitzen.

—Wenn du dein Leben noch einmal leben könntestž sagt ein älterer Herr zu einem anderen, —würdest du da alles anders machen?ž —Nicht alles, ich würde nur von Anfang an...ž . Sie kennen auch das - das ist zwar nicht Chesterton, sondern Werbung. Davon aber mal abgesehen: Aus den beiden Senioren spricht Dankbarkeit. Sie sehen zurück auf ihr Lebenswerk: Und siehe, es war gut. Und doch fehlt ihnen etwas - eine Adresse für ihre Dankbarkeit. Jedenfalls nennt sie der Brillenverkäufer nicht. Das tut der Apostel Paulus:

"Wer da kärglich sät, der wird auch kärglich ernten; und wer da sät im Segen, der wird auch ernten im Segen. Ein jeder, wie er's sich im Herzen vorgenommen hat, nicht mit Unwillen oder aus Zwang; denn einen fröhlichen Geber hat Gott lieb. Gott aber kann machen, daß alle Gnade unter euch reichlich sei, damit ihr in allen Dingen allezeit volle Genüge habt und noch reich seid zu jedem guten Werk; wie geschrieben steht (Psalm 112,9): »Er hat ausgestreut und den Armen gegeben; seine Gerechtigkeit bleibt in Ewigkeit.«  Der aber Samen gibt dem Sämann und Brot zur Speise, der wird auch euch Samen geben und ihn mehren und wachsen lassen die Früchte eurer Gerechtigkeit."

So werdet ihr reich sein in allen Dingen, zu geben in aller Einfalt, die durch uns wirkt Danksagung an Gott. Denn der Dienst dieser Sammlung hilft nicht allein dem Mangel der Heiligen ab, sondern wirkt auch überschwenglich darin, daß viele Gott danken. Denn für diesen treuen Dienst preisen sie Gott über eurem Gehorsam im Bekenntnis zum Evangelium Christi und über der Einfalt eurer Gemeinschaft mit ihnen und allen. Und in ihrem Gebet für euch sehnen sie sich nach euch wegen der überschwenglichen Gnade Gottes bei euch. Gott aber sei Dank für seine unaussprechliche Gabe!

Weitschweifig ist Paulus da geworden, fast ein wenig zu sehr - wie im Feuilleton der Sonntagszeitung. Dabei ist der Anlaß konkret: Es geht um die Kollekte für die christliche Gemeinde in Jerusalem. Die ist mehr als bloß ein Akt finanzieller Solidarität. Die jungen Gemeinden bekunden damit zugleich ihre Verbundenheit mit dem Ursprung. Beim Geld hört die Freundschaft nicht etwa auf, da fängt sie erst richtig an. Paulus nutzt den konkreten Anlaß aber zu grundsätzlichen Ausführungen über die Dankbarkeit, über - wie er das nennt - das Säen und Ernten im Segen. Vor allem eines ist ihm dabei wichtig: der Grund allen Gebens, aller Gaben und allen Dankes - Gott. In diesem Zusammenhang spricht er gleich doppelt vom Ernten und Danken: einmal konkret und einmal im übertragenen Sinn.

Ernten ist ja zunächst sehr konkret, da bekommt man es buchstäblich mit Sachen zum Anfassen zu tun: - die Erntegaben zeigen: 20 Sorten -

Die Ernte vieler Früchte ist ja in diesem Jahr gar nicht so schlecht ausgefallen, besser jedenfalls, als man angesichts des mittelmäßigen Sommers erwartet hätte. Gute Nachrichten von Obst und Wein, vom Kohl und vom Getreide.

Doch da sehe ich meine Weintrauben: Zwar gab es noch nie so viele wie in diesem Jahr - und dennoch sind sie alle unbrauchbar: Ein Pilz hat sie befallen, wohl uncinola necator, der echte Mehltau. Dagegen hilft jetzt nichts mehr - und fürs nächste Jahr heißt das: ein rigoroses Zurückschneiden der Triebe. Profis würden dann vorsorglich noch Spritzen - um die nächste Ernte zu retten. Die Bilanz 2004 lautet jedenfalls: Totalausfall.
Konkret ist das ja kein Problem, Trauben gibtŽs bei Kaisers. Was aber tun gegen jenen Mehltau, von dem unser Land befallen ist? Mehltau - ein Symbol für Verderbnis, Fäule, Lähmung. Wie sieht da die Erntebilanz aus - die des Jahres und die seit der Wende?  Zwei Worte: Hartz IV. Wie viel Prozent der Mitbürger wollen da die Mauer wieder aufbauen? Schlechter als die Ernte auf den Feldern ist die persönliche finanzielle Bilanz vieler Mitbürgerinnen und Mitbürger. Bei ihnen ist jetzt schon weniger in der Kasse - und bald kommen noch die immer höheren Energierechnungen. Was ist passiert?

Sagt mir einer, der wirklich wenig zum Leben hat: —Herr Pfarrer, ich brauche doch keine neue Kleidung mehr. Was ich mir in den vergangenen Jahren gekauft habe, reicht doch bis an mein Lebensende.ž Lobenswert, seine Bescheidenheit, doch die gesamtwirtschaftliche Folge: Ein Konsument weniger. Dabei kann er doch gar nicht anders. Andere sparen, weil sie wissen: Ich brauche Reserven, und bald werde ich da ran müssen. Auf jeden Fall wird es rund um die Gesundheit teurer.

Die Kaufunlust hat zunächst dazu geführt, daß weniger Kunden den geplanten Ertrag aufbringen mußten. Schließlich wollen die Mitarbeiter ihre vereinbarten Löhne. Darum stiegen die Preise trotz nachlassender Nachfrage. Alles Schnäppchengeschrei im Stil von —Geiz ist geilž hat das nur verkleistert. Im nächsten Schritt dann werden diese Mitarbeiter natürlich eingespart. Die Folge: Das Angebot an Waren und Dienstleistungen wird knapper, und die Übriggebliebenen ackern mehr: Daß ein Mitarbeiter mittlerweile für wenigstens zwei arbeiten muß, dürfte schon die Regel sein. Das Angebot wird nun zwar billiger - aber schlechter, auch langweiliger. Bei der Mode ist das offenkundig: Alles schon tausendmal gesehen. Ein Eindruck von unserer Lichterfahrt in die berühmte Messestadt Leipzig vor zwei Jahren: dieselben Filialgeschäfte, die gleichen Waren wie bei uns. Wieder ein Grund, als Konsument auszusteigen. Die Spirale dreht sich weiter abwärts.

Wer in dieser Situation unbequeme Wahrheiten sagt, wird schlechter Laune bezichtigt und als Spaßbremse beschimpft: —Was soll dieses Jammern? Wo bleibt denn da die Dankbarkeit? Andere Länder haben doch noch ganz andere Probleme...ž. Erntedank muß also um jeden Preis ein Feiertag werden - für Funktionäre und Verdränger. Statt nüchtern Bilanz zu ziehen, zelebrieren wir —Wetten, daß...?ž und die —Deutsche Einheitž, wir demonstrieren und suchen Leute, die die Zeche zahlen. Auch unser Bischof meinte neulich, jetzt müßten aber mal die Reichen ran. Bloß: Wer ist das? Für einen hohen Lebensstandard der Vielen haben wir einfach zu wenig Reiche. Der Finanzbedarf des Staates und der Solidarsysteme ist größer, als daß ihn die ca. 365.000 Millionäre decken könnten: Nähmen wir ihnen die Hälfte ihres Geldes weg, dann bekäme jeder von uns gut 2000 EUR als Einmalzahlung. Prima - bloß: Was machen wir dann im nächsten Monat, wenn das Geld ausgegeben ist?

Die Lösung kann also nur darin bestehen, daß wir alle unsere Erwartungen zurückschrauben, die an den Staat, die an den Nächsten. Erfüllen lassen sie sich jedenfalls ohnehin nicht mehr. Bei der Suche nach Schuldigen oder Geldgebern kommen wir immer nur bei uns selber an. Lebensstandard, diese deutsche Ersatzreligion, hat also gründlich ausgedient. In West (und Ost) hatten wir ja jahrzehntelang unser Herz daran gehängt.

Erntedank 2004 feiern können wir nur, wenn wir uns diese Einsicht nicht ersparen, die christliche Einsicht, daß unsere Dankbarkeit nicht von unseren vorher erzielten wirtschaftlichen Erfolgen abhängt.

Für Atheisten hingegen ist heute wirklich ein schlechter Tag - noch schlechter, als Chesterton meinte. Wollen die heute feiern, dann geht das nur, wenn sie außer Acht lassen, was wirklich in unserem Land los ist. Die Dankbarkeit, die sich auf menschliche Leistung allein begründen will, sie geht fehl, sie übersieht den Mehltau, der sich auf unser Land gelegt hat. Wir Christen hingegen können die Augen offen halten und Gott dankbar sein, daß wir die Probleme unseres Landes sehen - und vielleicht sogar ein Stück der Lösung; denn was hilft bei Mehltau? Drastischer Rückschnitt und Vorsorge - bei Weinreben jedenfalls, vielleicht auch für unser Land. Besser Umbau als weiterhin Mehltau. Und die Bürgerinnen und Bürger wissen das besser als die Parteien und ihre Funktionäre. Die Reichen allein könnenŽs nicht richten - aber beteiligen müssen sie sich schon.

Ernten und Danken, das brachte Paulus anläßlich der Kollekte für Jerusalem in einen  anderen als den bloß weltlichen Zusammenhang. Er sprach vom Säen und Ernten im Segen. Er wußte ja nicht nur, an wen er seinen Dank richten konnte, sondern auch, warum er Grund zu danken hatte: nicht für die Ernte seines Lebens, sondern für das Evangelium, für das Leben in Christus. Wie Chesterton war ja auch Paulus erst im Laufe seines Lebens darauf gekommen. Wenn er am Ende seines Lebens gefragt worden wäre: —Wenn du dein Leben noch einmal leben könntest, würdest du da alles anders machen?ž, seine Antwort könnte nicht anders lauten als: —Ich würde gleich meinen Dank bei Jesus Christus abstatten.ž
Amen.
 
 


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