Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Sonntag Invokavit über 2 Kor 6, 1-10

Liebe Gemeinde!
Wir leben im Jahre... 2006 christlicher Zeitrechnung - im Jahre des... Heils, wie man jahrhundertelang hinzufügte, um das Besondere festzuhalten, was mit dieser Zeitrechnung verbunden ist. Im Jahre des Heils... "Heil - was ist das eigentlich, christlich verstanden?" Das fragte mich neulich ein Student, nur um gleich selbst einen Vorschlag zum Verständnis zu machen: "Ist das dieses: Alles wird gut?"

Liebe Gemeinde, Heil bedeutet, daß Gott diese Welt nicht fallengelassen hat. An einem bestimmten Zeitpunkt der Geschichte, mit Jesu Leben, Sterben und Auferstehen hat er in den Lauf der Dinge eingegriffen - so daß wir trotz unserer notorischen Gottlosigkeit nicht zum Teufel gehen. Was Heil dann konkret bedeutet, das kann man in großer Vielfalt beschreiben: Es ist Vergebung der Sünde, Rettung aus dem Tode, Friede mit Gott. Uralte Menschheitsträume - älter als das Christentum - werden erfüllt: die Rückkehr ins verlorene Paradies, die wiedergefundene Nähe zu Gott. Letzten Endes aber ist Heil - christlich verstanden - nicht dies oder jenes, nicht nur Konkretes, auch kein bloßer Zustand der Perfektion, jedenfalls nichts von Gott Verschiedenes, sondern Gott selbst: Er in uns und wir in ihm. So gesehen, meint Heil schon das "Alles wird gut" - nur daß hier nicht die Stimme Hollywoods erklingt, sondern die Stimme Gottes: Kehr um und laß dich heilmachen, heilen!

Gottlos hingegen sind wir immer dann, wenn wir uns das gar nicht gefallen lassen wollen. Denn eigentlich wollen wir uns lieber selbst retten, unabhängig sein, uns selbst als Menschen frei gestalten, als Wesen immer wieder neu erfinden. Und immer, wenn wir das versuchen, geht alles schief, dann geht alles zum Teufel.

Am heutigen ersten Sonntag der Passionszeit, am Sonntag Invokavit, steht darum weder das allgemein-religiöse Thema Fasten vor unseren Augen, noch denken wir über Maßnahmen zur pädagogischen Besserung unserer Person, über Moral oder über die "Erziehung des Menschengeschlechtes" nach, wie es der Philosoph Kant wollte. Heute wascht uns auch niemand der Kopf, wie Martin Luther das tat, damals im Jahre 1522 mit seinen berühmten Invokavitpredigten, als er den Mißbrauch seiner Lehre korrigierte, als er sich gegen Gewalt und Aufruhr, gegen Bilderstürmerei und Sittenlosigkeit wandte. Heute heißt es: "Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils! " So Paulus im heutigen Predigttext.

Heute? Ich denke, das hat Paulus vor fast 2000 Jahren geschrieben? Schon - aber heute, über Zeit und Raum hinweg, darf sich jeder von uns dieses Wort zu eigen machen: "Du bist heil."

Ich bin heil? Ich leide doch an jeder Menge Gebrechen und bin mit mir noch weniger einverstanden als meine Mitmenschen es sind - ich soll heil sein?

Paulus spricht von ge-heiltem Leben (und wir können annehmen, er spricht hier aus Erfahrung): "In allem erweisen wir uns als Diener Gottes: in großer Geduld, in Trübsalen, in Nöten, in Ängsten, in Schlägen, in Gefängnissen, in Verfolgungen, in Mühen, im Wachen, im Fasten - ... als die Sterbenden und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten, und doch nicht getötet; als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben, und doch alles haben." Heil hat Unheil nicht als Gegensatz, sondern Heil heißt, Lebenkönnen mitten im Unheil: in Krankheit, materieller Not, in Schuld und Verzweiflung. Das Leiden kommt mit dem Heil, das "Leiden ist nichts anderes als die irdische Gestalt des Reiches Gottes, der Gnade und des Heiligen Geistes". Was heißt das praktisch?

Christen leiden wie die anderen auch: an Zahnschmerzen, an der Steuer und an ihren Mitmenschen - aber sie lassen sich dadurch nicht unterkriegen. Sie sind keine naiven Dummköpfe, die sich die Welt schön lügen, aber auch keine Alarmisten, die nur von der Panik der Leute leben können. Anders als in der Philosophie der Zeitgenossen des Paulus ist Leid also nichts, was man 'mit stoischer Ruhe' zu bestehen hätte, Leid ist auch nichts, was von Gott trennt: Leid ist die gegenwärtige Gestalt des künftigen Heiles. Noch ist es da, das Leid - am Ende aber wird es nicht mehr sein. Aber das Heil kommt dann nicht erst, es verändert nur seine Gesicht.

Aus Leid, Not und Verfolgung schaut den Christen darum schon jetzt nicht mehr das widergöttliche Böse an, auch kein 'blindes Schicksal', sondern der leidende Christus. Da, wo Christen in Leid, Not und Verfolgung leben, in den vielfältigen Gestalten des Todes, da ist eben nicht der Teufel am Werk, sondern auch da geht es um das neue Leben mit Gott: "... als die Sterbenden und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten, und doch nicht getötet; als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben, und doch alles haben". Leid verhält sich nicht wie das Dunkel zum Licht, sondern ist eher Jacke wie Hose. Leiden ist eine Begleiterscheinung. So bringt Paulus die christliche Lebenseinstellung auf den Punkt.

Vor Jahren gestand mir ein Konfirmand, woran er am meisten leidet: daran, daß ihn die anderen immer so ärgern. Natürlich wußte ich kein Patentrezept dagegen, hatte aber doch eine Idee. Ich schlug ihm folgende Einstellung vor: zu leben nach der Devise: "Was kümmert es den Mond, wenn ihn der Hund anbellt?" Natürlich wollte ich nicht, daß er sich totale Gleichgültigkeit antrainiert - aber seine übergroße Sensibilität machte ihn krank, in falscher Weise abhängig von den anderen und von dem, was sie über ihn dachten und sagten.

Dabei sind unsere Vorstellungen von dem, was die anderen wohl Schlimmes über einen sagen könnten, meist übertrieben, riesengroß, geprägt von unseren Ängsten. Bei näherer Betrachtung, also beim Näherkommen werden sie kleiner - wie der Scheinriese in "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer". Wenn wir allerdings nach der Devise leben: "Guten Morgen, liebe Sorgen, seid ihr auch schon wieder da?" dann wird das Sorgen größer und größer - wie in der Beispielgeschichte von der Pfanne. Kennen Sie die? Einem Gleichnis ähnlich erzählt sie von einem Mann, der sich von seinem Nachbarn eine Pfanne borgen wollte. Dann aber - schon vor dessen Tür stehend - malte er sich aus, was alles passieren könnte: "Vielleicht vergesse ich, die Pfanne zurückzugeben, oder sie geht kaputt oder was weiß ich, was noch alles schiefgehen kann. Jedenfalls wird es todsicher Streit geben um die Pfanne." Als der nichtsahnende Nachbar die Tür öffnet, schreit er ihn an: "Behalten Sie Ihre blöde Pfanne!"

Eine Geschichte über Kommunikationsprobleme - oder zeigt sie, wie tief verkehrt und unerlöst wir noch leben - obwohl wir doch ge-heilt leben könnten? "In Ängsten - und siehe wir leben." Ich bin geheilt - im Hören auf Jesus Christus. Darum ruft Paulus uns zu: "Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!"

Und was bedeutet das für unser Verständnis von Heil? Heil - das ist: "Alles wird gut," wie es der Student formuliert hatte - aber zugleich noch viel mehr: weil es uns nicht nur mit uns selbst und mit unseren Mitmenschen ins Reine bringt - sondern auch mit Gott.
Amen.
 
 


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