Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Karfreitag 2004 über 2 Kor 5, 19-21

Liebe Gemeinde!
Am Karfreitag haben wir den gekreuzigten Jesus von Nazareth vor Augen, sein Leiden - Folter und Verspottung -, sein qualvolles Sterben. Häufig haben wir dabei Bilder vor Augen, Bilder, wie sie uns die christliche Kunst überliefert hat, dabei erklärend, deutend. Aber wie war es wirklich?

Mel Gibson ist mit seinem Film —The Passion of the Christž angetreten, uns zu zeigen, wie es «wirklichŽ war. Seine Bilder sind aber von derartiger Grausamkeit, daß es schwer fällt, zu einem Kinobesuch zu raten. Ein Mitarbeiter hatte Gelegenheit, eine für die Presse bestimmte Filmkopie zu sehen. Er hat nach wenigen Minuten abgeschaltet. Ein Gemeindeglied war tief bewegt, meinte, das müsse man sehen, und gestand, er habe geweint: —Was haben Menschen da einem Menschen angetan! Das können keine Menschen gewesen sein...ž. Einem dritten fielen historische Fehler bei der Kreuzigung auf: Der Film zeigt, wie die Nägel durch Jesu Handteller, nicht die Handwurzeln getrieben werden. Zu dumm, wenn einer zeigen will, wie es «wirklichŽ war. Denn was heißt hier eigentlich: «wirklichŽ?

Die Bilder vom Sterben Jesu - die Bilder, die wir vor Augen oder im Kopf haben, auch die Bilder der vielen Jesus-Filme - sie werden ja erst wirklich wirklich, erst komplett durch uns selbst, die Betrachter. Und wir sind sehr verschieden. Ein frommer Amerikaner sieht etwas anderes als ein ungläubiger Deutscher. Ein Gläubiger sieht sozusagen biblischer. Denn was sieht schon ein Ungläubiger? Schreckliche Qualen eines Menschen - und ist entsetzt über uns Menschen; denn er weiß: Solches Sterben ist kein Einzelfall, nicht in der Vergangenheit, nicht in der Gegenwart. Er wird dabei vielleicht an die Videos denken, die Saddam Hussein von der Hinrichtung seiner Gegner machen ließ oder an Hitlers Filme von den Männern des 20. Juli. Was hingegen sieht eine gläubige Gemeinde? Sie sieht das Sterben ihres Erlösers, des Sohnes Gottes. Und neben das Entsetzen über die Grausamkeit der Menschen tritt dann das Erstaunen: Was hat Gott da seinem Sohn - und sich selbst - angetan? Und: Wer ist schuld? Sind wir es nicht selber, wir Sünder aller Zeiten?

Mel Gibsons Film zeigt nicht diese Bilder in unseren Köpfen - und ist deshalb vielen Mißverständnissen ausgesetzt: vom Vorwurf der Gewaltverherrlichung bis hin zu dem des Antisemitismus.

Anders die biblischen Texte des Karfreitags. Sie schildern uns mit Worten die Bilder im Kopf, wie sie in der Predigt der frühen Christenheit verbreitet wurden und das Leiden und Sterben Jesu Christi deuteten. Was die ersten Christen - und uns alle - dabei von denen unterscheidet, die die Kreuzigung Jesu von Nazareth damals bloß beobachteten, ist der Blickwinkel, der Standpunkt nach Ostern, das Osterlicht. Erst Ostern und die Botschaft: —Jesus lebt, Gott hat ihn auferweckt!ž bringt Licht in das Dunkel des Kreuzes. Im Evangelium nach Matthäus heißt es deshalb: Und die Erde erbebte, und die Felsen zerrissen, und die Gräber taten sich auf, und viele Leiber der entschlafenen Heiligen standen auf und gingen aus den Gräbern nach seiner Auferstehung und kamen in die heilige Stadt und erschienen vielen. Als aber der Hauptmann und die mit ihm Jesus bewachten das Erdbeben sahen und was da geschah, erschraken sie sehr und sprachen: Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!

Schon unmittelbar nach Jesu Tod erfolgt hier der Blick auf Ostern - auf das erste Ostern, an dem Gott seinen Sohn von den Toten erweckte, und auf das Ostern für unsere Toten, die entschlafenen Heiligen. Darum haben wir bei der Lesung des Evangeliums an dieser Stelle heute die Kerzen auf dem Altar angezündet - statt sie auszulöschen. Wir leben nach Ostern.

Alle Menschen leben nach Ostern. Auch Menschen, die den biblischen Glauben nicht teilen - und deshalb schon die Kreuzigung Jesu ganz anders erzählen: nicht er selbst, ein Ersatzmann sei gestorben, oder: Jesus sei nur scheintot gewesen - leben nach Ostern. Sie wissen im Unterschied zu den Zeugen der Kreuzigung um den Glauben der Christen: —Jesus lebt, Gott hat ihn auferweckt!ž Deshalb erzählen sie ja schon die Kreuzigung Jesu anders, als die Bibel das tut. Denn die Bilder der Bibel sind eben Osterbilder - auch die vom Leiden und Sterben Jesu. Ostern verändert alles.

Wie ich das verstehe, will ich mit Hilfe von drei Sätzen sagen:
1. Ich werde sterben.
2. Ich werde nicht sterben.
3. Ich bin schon gestorben.

1. Ich werde sterben.
Das meint: Eines Tages hört mein Herz auf zu schlagen, erlöschen die Funktionen meines Gehirns. Wann auch immer das sein wird, aus welchem Grund auch immer - so wird es sein.
2. Ich werde nicht sterben.
Das meint: Ich werde nicht sterben wie Jesus. Im Tod wird Gott mich nicht verlassen. Jesu Kreuzestod zeigt mir, was das Schreckliche am Sterben ist: von Gott verlassen zu sein, einer Macht zu begegnen, die stärker zu sein scheint als Gott. Diesen Tod ist Jesus gestorben. Gott aber hat ihn auferweckt, hat zu ihm gehalten - durch den Tod hindurch. Darum werde ich den Tod in Gottverlassenheit nicht sterben. - Im Rückblick auf den Tod Jesu, von Ostern her wird klar, was den Tod in Wirklichkeit ausmacht: nicht das Erlöschen der Körperfunktionen, Herzstillstand und Gehirntod, sondern Gottverlassenheit, Widerspruch zu Gott, Sünde. Dieser Tod aber ist gestorben; es ist aus und vorbei mit ihm.
3. Ich bin schon gestorben.
Das meint: Den Tod des Sünders, der weiß, daß er von Gott verlassen ist, ist Jesus nicht als Einzelner für sich allein, sondern als der Mensch gestorben - in diesem Sinn: einer für alle. Deshalb sagt der Apostel Paulus: Wenn einer für alle gestorben ist, so sind sie alle gestorben. In der Feier meiner Taufe erhielt ich Anteil am Tod Christi. Wißt ihr nicht, daß alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft? So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln. Also bin ich schon gestorben - und habe den Tod in Gottesferne hinter mir und das Leben vor mir.

Der Sieg über jenen Tod, den Tod als der Sünde Sold, ist allerdings alles andere als offensichtlich. Er ist nicht an uns Menschen, sondern allein an der Auferstehung Jesu Christi offenbar. Deshaln müssen wir davon reden. Paulus sieht hier den Grund für die christliche Mission, für die Kirche: Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun  Botschafter an Christi Statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi Statt: Laßt euch versöhnen mit Gott! Denn er hat den, der von keiner Sünde wußte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.

Das ist das Österliche am Karfreitag: Neue Gerechtigkeit, Versöhnung der Menschen mit Gott, Freispruch. Wir dürfen leben. Das ist die Sicht des Glaubens. Das ist der Tod Jesu wirklich.

Darum sind wir heute nicht zusammengekommen, um den Tod Jesu zu betrauern, sondern um den Tod zu begraben. Am Karfreitag geht es um den Tod, weil Karfreitag der Tod gestorben ist. Deshalb können wir den Karfreitag feiern - die Leiden des sterbenden Jesus vor Augen. Deshalb können wir im Abendmahl Christus den Lebendigen empfangen - mit gemischten Gefühlen: beschämt über uns Menschen, verwundert über diesen Gott - und dankbar, das vor allem - so daß wir es von Neuem als unsere Aufgabe begreifen, von ihm zu sprechen, ihn zu bezeugen: Jesus, den Gekreuzigten. Diese Bilder des christlichen Glaubens wollen wir unseren Mitmenschen zeigen, mit Worten und Taten, auch mit all den verschiedenen Passionsfilmen und ihren mehr oder weniger grausamen Bildern - denn allzu viele sitzen noch im falschen Film. Ohne den Osterblick sehen sie immer nur - wie in einer Endlosschleife - —Spiel mir das Lied vom Todž. Wir hingegen sehen das Kreuz Christi von Ostern her als Zeichen der Versöhnung von Gott und Mensch, wir sehen Gottes Licht aufgehen im Dunkel des Todes - wie bei diesem alten Friedhofskreuz, das durchstrahlt wird von goldenem Licht.
Amen.
 
 


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