Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Vorletzten Sonntag im Kirchenjahr über 2 Kor 5, 1-10

Liebe Gemeinde!
Unser heutiger Predigttext ist dem 2. Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korinth entnommen. Er enthält eine Reihe von Wörtern, bei denen man beim Hören irgendwie —hängenbleibtž. Ich werde Sie anschließend fragen, welche das bei Ihnen sind.

Wir wissen: wenn unser irdisches Haus, diese Hütte, abgebrochen wird, so haben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel. Denn darum seufzen wir auch und sehnen uns danach, daß wir mit unserer Behausung, die vom Himmel ist, überkleidet werden, weil wir dann bekleidet und nicht nackt befunden werden. Denn solange wir in dieser Hütte sind, seufzen wir und sind beschwert, weil wir lieber nicht entkleidet, sondern  überkleidet werden wollen, damit das Sterbliche verschlungen werde von dem Leben. Der uns aber dazu bereitet hat, das ist Gott, der uns als Unterpfand den Geist gegeben hat. So sind wir denn allezeit getrost und wissen: solange wir im Leibe wohnen, weilen wir fern von dem Herrn; denn wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen. Wir sind aber getrost und haben vielmehr Lust, den Leib zu verlassen und daheim zu sein bei dem Herrn. Darum setzen wir auch unsre Ehre darein, ob wir daheim sind oder in der Fremde, daß wir ihm wohlgefallen. Denn wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, damit jeder seinen Lohn empfange für das, was er getan hat bei Lebzeiten, es sei gut oder böse.

Liebe Gemeinde, bei welchen Wörtern sind Sie in dem langen, komplexen Text nun —hängengebliebenž? ... ...

- Da ist das Wort von der Hütte, dem Haus, dem Bau.
- Dieses Bildwort wird übermalt von einem zweiten: dem vom Bekleidetwerden.
- Dann ist da Gottes Geist als Unterpfand, als Angeld.
- Schließlich ist die Rede von der Fremde und der Heimat, vom Richterstuhl Christi, vom Lohn.
- Und es kam ein Wort vor, das vielleicht besonders am heutigen Sonntag, dem Volkstrauertag, aufgefallen sein könnte: das Wort von der —Ehrež.

Das ist Stoff genug für viele Predigten. Jedes Wort gibt Anlaß zum Nachdenken. Der Text wäre vielleicht besser als Bibelarbeit zu behandeln. Sollen wir also auswählen? Aber was und wie? Abstimmen? Dann wären wir stark mit unseren eigenen Gedanken beschäftigt. Oder sollen wir doch den Versuch machen, schlicht und einfach dem Gedankengang des Apostels zu folgen?

Laßt uns das versuchen - mit Hilfe des Textes, also nach Art eines Bibelkommentars. Auch wenn der Brief nach Korinth ging - nicht nach Berlin - und schon fast zweitausend Jahre alt ist (ziemlich langer Postweg also): Briefe muß man lesen. - Text austeilen - Was also schreibt Paulus da?

2. Kor 5, 1 Denn wir wissen: wenn unser irdisches Haus, diese Hütte, abgebrochen wird, so haben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel.

Paulus bringt einen Vergleich: Wir leben jetzt wie in einer Hütte. In der Einheitsübersetzung heißt es: Zelt. Wir sind also Camper. žWir sind nur Gast auf Erden...ž. Und wenn das Zelt abgebrochen wird - der Sinn dieses Bildes ist klar: wenn wir sterben - dann haben wir ein Haus im Himmel. Gott als Häuslebauer - damit wir Camper dereinst —was Festesž haben.

2. Kor 5, 2 Denn darum seufzen wir auch und sehnen uns danach, daß wir mit unserer Behausung, die vom Himmel ist, überkleidet werden,
2. Kor 5, 3 weil wir dann bekleidet und nicht nackt befunden werden.

Sehnsucht nach dem Himmel bei Gott wird uns da unterstellt. Das mag in Korinth der Fall gewesen sein - aber heutzutage? Nicht nur Hobby-Camper haben sich sehr stabil in dieser Welt eingerichtet, auch die Kirchen. Und sie sagen: Das sei auch gut so. Paulus sagt was anderes. Ich denke an das neue Lied aus dem Gesangbuch: —Komm in unser festes Haus ... mach ein leichtes Zelt daraus ..., denn wer sicher wohnt, vergißt, daß er auf dem Weg noch ist.ž

Und dann erinnert Paulus an die biblische Geschichte vom Fall des Menschen - und an dessen Folgen: —Und sie wurden gewahr, daß sie nackt waren.ž Das kommende Haus Gottes ist unsere Bekleidung, Kleidung für den gefallenen Menschen —jenseits von Edenž. Es wird nicht bei den —Röcken von Fellenž bleiben, die Gott den Menschen anzog. Wir Heimatlose, wir Paradiesvertriebene, wir kriegen ein Haus (ohne daß eine menschliche Einrichtung es uns wieder nehmen kann, ohne Immobiliensteuer und drohende Zwangsversteigerung). Das heißt: Gott selbst wird die Folgen der Sünde beseitigen. Gott sei Dank!

2. Kor 5, 4 Denn solange wir in dieser Hütte sind, seufzen wir und sind beschwert, weil wir lieber nicht entkleidet, sondern überkleidet werden wollen, damit das Sterbliche verschlungen werde von dem Leben.

 —Unter jedem Dach ein Achž, sagt der Volksmund. Ach ja, wir wollen doch nur leben. Leben, wir wollen leben - nicht immer weiter ausgezogen, entreichert, ausgeplündert vom Finanzbedarf des Staates, von unerfüllbaren Ansprüchen der Mitmenschen gebeutelt. Kaum einer kann sich noch ein Haus bauen, daß er nicht gleich wieder vermieten muß, hieß es neulich in der Zeitung. Wo sind Kleider, die sich nicht als —des Kaisers neue Kleiderž - die unsere Nacktheit nur enthüllen - entpuppen?

2. Kor 5, 5 Der uns aber dazu bereitet hat, das ist Gott, der uns als Unterpfand den Geist gegeben hat.

Paulus sieht uns schon vorbereitet für Gottes Zukunft. —Wir sind noch nicht im Festsaal angelangt, aber wir sind eingeladen, wir sehen schon die Lichter und hören die Musikž, hat Ernesto Cardenal einst gedichtet. Wir stehen also nicht nur nackt im Wartezimmer (wie beim Onkel Doktor) , wir haben schon Gottes Geist - als Unterpfand, als Angeld, als Vorschuß. Woran merken wir das?

Eben daran, daß wir klagen und seufzen, daß wir merken, daß es so, wie es ist, nicht in Ordnung ist, daß wir uns nicht abfinden mit dieser Welt. Denn wenn uns das Hier und Jetzt —auf den Geist gehtž, dann liegt das am Geist Gottes, der uns den Selbstbetrug verbietet: so sei es nun mal, da könne man nichts machen, Kriege müßten sein - und das alles sei nun mal der Lauf der Welt.

2. Kor 5, 6 So sind wir denn allezeit getrost und wissen: solange wir im Leibe wohnen, weilen wir fern von dem Herrn;
2. Kor 5, 7 denn wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen.

Wo ist Gott? Kurz nach dem 11. September 2001 begann Der Tagesspiegel unter dieser Überschrift eine regelmäßige Kolumne mit interessanten Antworten. Paulus hat auch eine - und die hat es in sich: Gott ist fern. Woran wir gerade leiden und was wir im normalen Kirchen- und Religionsbetrieb zu überwinden suchen, das ist für Paulus just der Normalfall dieser Welt: Gott ist fern, besser gesagt: Wir sind fern von Gott. Da gibtŽs nichts von ihm zu sehen. —Wenn du ihn siehst, ist es nicht Gottž, hat schon Augustin gesagt. Glaube ist angesagt.

2.Kor 5, 8 Wir sind aber getrost und haben vielmehr Lust, den Leib zu verlassen und daheim zu sein bei dem Herrn.

Ist das nun Weltflucht - typisch christlich, wie humanistische Kritiker sagen - oder Sehnsucht, Sehnsucht nach Heimat, Sehnsucht nach Gott? Und damit der beste Trost, den Paulus für die Korinther hat? So daß es ihm hier gerade darauf ankommt, Hilfestellung fürs Hier und Jetzt zu geben. Ich denke, der nächste Satz beweist das:

2. Kor 5, 9 Darum setzen wir auch unsre Ehre darein, ob wir daheim sind oder in der Fremde, daß wir ihm wohlgefallen.

Paulus relativiert die Spannung von Jetzt und Später, von Daheimsein oder in der Fremde sein. Immerzu kommt es auf unsere Beziehung zu Gott an. Ihm wohlzugefallen - das macht unsere Ehre aus.

Ehre - für meine Generation ein verlorenes Wort. Zu viel verwendet, zu viel mißbraucht. Junge Männer starben —auf dem Feld der Ehrež. —Meine Ehre ist Treue.ž Der Massenmörder wurde —unehrenhaftž aus der Marine entlassen. Was ist aus dem —ehrbarenž Handwerk geworden? —Habe die Ehrež, heißt es in Österreich. —Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort!ž

Können wir noch ehren, Ehrenzeichen, Orden glaubwürdig verleihen? Der Sport kennt noch die Siegerehrung, Heinrich Böll beschrieb —Die verlorene Ehre der Katharina Blumž - die sie eben nicht verlor. Junge Leute prügeln sich für die Ehre Ihrer Schwester. Ich bin Honorarprofessor - damit ich auch schön und brav unentgeltlich arbeite. Und allerorten: Ehrenamtliche verzweifelt gesucht! Kehrt die Ehre wieder?

Wie dem auch sei - im Römischen Reich jedenfalls war Ehre eine Sache des Lebens - und des Überlebens. Was den Tod eines Menschen überlebte, war seine Ehre, sein Ruhm, sein Nachruhm bei den Mitmenschen. Und diese Abhängigkeit der Ehre von den Menschen ist nach Paulus vorbei - unsere Ehre ist aufgehoben bei Gott.

2. Kor 5, 10 Denn  wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, damit jeder seinen Lohn empfange für das, was er getan hat bei Lebzeiten, es sei gut oder böse.

Das Gericht über die Welt bleibt nicht der Welt, der Geschichte der Menschen, überlassen. Gottlob! Nicht —die Sonne bringt es an den Tagž, sondern Gott selbst.

Die Sehnsucht, daß —die Täter nicht über die Opfer triumphieren mögenž, ist bei Jesus Christus, unserem Herrn und Richter, aufgehoben, gut aufgehoben. Lob und Tadel für unsere Taten wird es da geben - und große Offenheit. Das wird weh tun - aber es wird uns nicht vernichten, sondern wir werden frei werden von unseren Verstrickungen. Und das ist auch gut so.

Liebe Gemeinde, damit sind wir am Ende eines langen Gedankenganges angekommen. Hat es sich gelohnt? Paulus sprach von dem, was ist, und von dem, was kommt - und von dem, was alles zusammenhält. Und damit hat Paulus das christliche Gottesverständnis entwickelt. Das macht diesen Text so bedeutsam. Der Gott des Anfangs ist in Jesus, dem Richter des Endes und macht uns glauben. Trinität, Dreieinigkeit - das klingt kompliziert und abstrakt. Paulus sprach über das Leben, das Leben der Christen. Auch die Alte Kirche sah das ganz praktisch - im Beten der Christen: Wir beten zu Gott durch Christus im Heiligen Geist. Das ist unser Leben.

—Ehren Sie auch unsere Toten?ž fragte mich dieselbe alte Dame, die ich eingangs erwähnte. Meine Antwort: —Ich bete für sie.ž
Amen.
 
 


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