Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt im Taufgottesdienst am Sonntag Jubilate über 2 Kor 4, 16-18 (Muttertag)
 

Liebe Gemeinde!
Was kommt jetzt, nach der Taufe? Was beginnt mit ihr? Es beginnt ein Weg. Von diesem Weg handelt der Apostel Paulus in seinem zweiten Brief an die Christen in Korinth. Wir haben diesen Abschnitt bereits als Epistellesung des heutigen Sonntags gehört:
"Darum werden wir nicht müde; sondern wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert. Denn unsre Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit, uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern  auf das Unsichtbare. Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig."

Von Verfall und von Erneuerung ist da die Rede. Was verfällt, ist der äußere Mensch. Äußerer Mensch, damit meint Paulus nicht nur unser äußeres Erscheinungsbild ? die Haare, die grau werden, und die Zähne, die ausfallen ? sondern auch alles, was wir an persönlichen Eigenheiten haben, an Charakter entfalten, an Persönlichkeit. Alles, was wir von Kindesbeinen an entwickeln, das verfällt auch wieder. Paulus rechnet es zum Sichtbaren: Und was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig.

Zeit und Ewigkeit, Sichtbares und Unsichtbares ? das sind doch Themen für Dichter und Denker, für Philosophen. Warum redet der Christ Paulus davon? Paulus philosophiert hier, um den Weg der Christen zu verstehen. Was wird aus ihnen, nachdem Gott mit Glaube und Taufe in ihnen den Anfang gemacht hat? Sie werden neue Menschen.

Neue Menschen ? braucht man im Umgang mit ihnen statt Philosophie für Fortgeschrittene nicht eher Babysprache für Anfänger nach Art von —Wadde hadde dudde daž? Neue Menschen ? gibtŽs die überhaupt? Kann man die sehen?
Der neue Mensch, den Paulus meint, das ist nicht der, der selbst etwas aus sich gemacht hat, sondern der, an dem Gott etwas gemacht hat. Und was das ist, das ist unsichtbar. Es kann gerade nicht vorgezeigt werden wie ein neues Outfit oder eine persönliche Lebenswende ? aber es bleibt. Und was ist das? Es ist das Leben in Christus, das mit der Taufe begonnen hat. In der Taufe passiert etwas mit dem Menschen, das ihm die Müdigkeit der Verzweiflung nimmt. Die Getauften, sie sind wach, hellwach. Und dieser innere Mensch wird von Tag zu Tag neu.

So denkt Paulus von den Christen ? und wir wundern uns nicht wenig. Erleben wir nicht geradezu das Gegenteil? Große Müdigkeit, Lähmung, Lustlosigkeit. Das ist es, was wir an uns und um uns beobachten. Christliche Kirchen, die immer mehr Aktionen starten, bei denen sich immer dieselben Leute treffen ? nur eben immer weniger. Hätten wir da nicht allen Grund zur Müdigkeit?

Na klar, hätten wir ? wenn nicht das alles, diese traurigen Erfahrungen, zum äußeren Menschen zählten, der verfällt. Es sind die menschlichen Leistungen, mit denen der Mensch etwas aus sich machen will ? und doch nicht kann, jedenfalls nicht auf Dauer. Darauf kann man nicht bauen. Der äußere Mensch kann nur Trübsal blasen. Wach und jeden Tag neu ? das ist der innere Mensch, der mit Christus lebt, den Gott in der Taufe ergriffen hat und nicht mehr los läßt, was auch immer dieser Mensch tut.

Spüren wir ihm weiter nach, diesem geheimnisvollen —inneren Menschenž: Geht es um das Gute in jedem Menschen, an das man immer glauben soll? Ist er so etwas wie unsere —bessere Hälftež? Nein, Paulus redet hier von Gott: Der —innere Menschž, das ist der Christus-Mensch, Gottes Art und Weise, bei seinen Geschöpfen zu sein. Für ihn wird wahr, was bei der Expo 2000 nur Werbeslogan bleibt: —Eine neue Welt entsteht.ž Das Leiden des äußeren Menschen, sein Trübsal-Blasen, ist zwar nicht aus der Welt geschaffen. Wir können es nicht wegdenken ? die Verführung des —positiven Denkensž liegt Paulus fern ?  aber das Leiden hat seine Macht über uns verloren. Das ist eine Aussage von großer Tragweite.

Das Leiden, es gilt ja von jeher als das Totschlagargument schlechthin gegen jede Art von Gottesglaube: —Wie kann Gott das bloß zulassen...?ž Schon die Frage zu stellen, heißt für viele, gleich Nein zu sagen zu Gott. —Im Kriege habe ich meinen Glauben verloren.ž Diese scheinbar zwingende Behauptung haben ja gleich mehrere Generationen aufgestellt, besonders die —danachž, die Nachgeborenen nach dem Zweiten Weltkrieg. Daß es einem Menschen auch anders ergehen kann, davon legt ein Text Zeugnis ab, der mir letzte Woche, am 8. Mai, wieder in die Hände fiel. Sein Verfasser, Jahrgang 1926:

Es war der achte Mai in jenem schlimmen Jahr,
und ich war neunzehn Jahre alt.
Was da geschah, das wissen nur
wir beide, du und ich,
und sonst gehtŽs niemand etwas an.

Ich heiße nicht Nathanael und
lag nicht unterm Feigenbaum,
doch du hast mich gesehn
und hast gerufen ohne Worte: Komm!
Seitdem gehŽ ich den Weg.

Ich sehŽ dich nicht, nur
hin und wieder, selten, deine Spur
und fühlŽ mich manchmal sehr allein.
Du bist so weit voraus, verlier
mich bitte nicht aus deinen Augen!

Was wie eine Liebesgeschichte beginnt, erweist sich als Erlebnis einer persönlichen Berufung durch Gott. Der Verfasser ? sein Name ist Lothar Zenetti ? macht sich auf den Weg mit Gott und wird katholischer Priester. (Wir verdanken ihm zahlreiche geistliche Texte, einige seiner Lieder stehen auch in unserem Gesangbuch.) Doch er weiß: Der, der ihn berufen, er bleibt ihm unsichtbar ? und stets voraus. Zenetti selbst weiß nicht, woŽs langgeht. Der Wunsch, was Gott in ihm begann, es möge auch äußerlich sichtbar werden, ist da ? bleibt häufig aber unerfüllt.

Nur gelegentlich können wir auch am äußeren Menschen sehen, was Gott am inneren neu gemacht hat, meist sind das ganz persönliche Situationen von Bewahrung, wie sie etwa Familie Kraut erlebt hat. Drei Wochen lang hat der kleine Matthias auf sich warten lassen, bei der Geburt gab es Probleme mit seiner Beatmung, erst nach neun Stunden ging es ihm besser, zwei Tage hat er nicht getrunken ? aber am Ende kann man sagen: Er ist gesund auf die Welt gekommen. Gott sei Dank. Gott hat geholfen. Die Familie weiß sich beschenkt und bekennt für Matthias. —Der Herr ist mein Fels und meine Burg und mein Erretter.ž Und auch eine Patin hat sich gefunden ? obwohl so viele Menschen den Glauben an Gott in Christus verloren zu haben scheinen und es mmer wieder vorkommt, daß Familien bei Taufen keine Paten für ihre Kinder mehr finden. Ein Grund mehr zur Dankbarkeit.

Aber Dankbarkeit ist auch da angebracht, wo das neue Leben nicht sichtbar wird.   Ja, Paulus sagt sogar: Unsre Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit. Ein merkwürdiger Gedanke. Leiden schafft Herrlichkeit? Ist der Himmel —Lohn der Angstž, gehen wir durch Leid zu den Sternen, per aspera ad astra ? wie die alten Lateiner sagten? Manchmal greift Paulus ja zu populären Weisheiten ? aber was er damit sagen will, ist dies: Leiden gehören zur Gemeinschaft mit Christus. Anders ist sie nicht zu haben. Aber es gilt eben auch: Wer leidet, der hat schon, der hat schon die Zukunft. Schon heute gehört uns die Zukunft. Das ist der eigentliche Punkt, den Paulus mit seinen philosophischen Äußerungen von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, von Zeit und Ewigkeit, von äußerem Menschen und innerem Menschen ansteuert: Christen beziehen ihr Leben aus der neuen Welt Gottes. Ihr tägliches inneres Neuwerden meint Leben aus der Kraft der Zukunft Gottes.

Wie der neunzehnjährige Lothar Zenetti und der kleine Matthias Kraut haben auch wir uns auf diesen Weg vom Sichtbaren zum Unsichtbaren gemacht, als neue Menschen verwurzelt im Unsichtbaren. Als Getaufte sind wir dabei unserer Zeit voraus, denn in uns hat Gott bereits begonnen, was er an aller Welt vollenden wird. Der für alle kommende Gott ist in uns schon da. Unser Weg durchs Leben führt geradewegs —Zurück in die Zukunftž.

Davon handelt auch das Predigtlied, ein Lied mit Geschichte: geschrieben als Hochzeitslied, heutzutage das Lied bei Trauerfeiern. Es bittet um Kraft auf dem Weg der Getauften vom Sichtbaren zum Unsichtbaren ? doch weiß es um Gottes Führung:

—Wennn ich auch gleich nichts fühle von deiner Macht,
 du führst mich doch zum Ziele, auch durch die Nacht:
so nimm denn meine Hände und führe mich
bis an mein selig Ende und ewiglich!ž
Amen.
 


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