Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am 20. Sonntag nach Trinitatis über 2 Kor 3, 3-9

Liebe Gemeinde!

- Lied "Wär ich ein Buch im Leben" einspielen -

Ein altes Lied, vor fast 30 Jahren hat Daliah Lavi es zum ersten Mal gesungen, nach der Melodie von Gordon Lightfoot. Gelegentlich hört man es noch im Radio, es ist so eine Art stillen Evergreens geworden. Ein etwas melancholisches Liebeslied mit einem auffälligen Vergleich: dem Vergleich eines Mensch mit einem Buch. Die Sängerin sucht den Freund wie ein Buch seinen Leser, sucht seine Aufmerksamkeit, sucht Dauer und Geborgenheit: Wär ich ein Buch im Leben, würdest du mein Leser sein? Wie sehr bist du bereit, dich auf mich einzulassen - und das immer wieder neu? Bist du mir treu?

Dieser Vergleich geht bis auf die Bibel zurück. Im heutigen Predigttext vergleicht der Apostel Paulus die Gemeinde mit einem Buch, genauer gesagt, mit einem Brief, den Christus geschrieben hat. Es ist offenbar geworden, daß ihr ein Brief Christi seid, durch unsern Dienst zubereitet, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, nicht auf steinerne Tafeln, sondern auf fleischerne Tafeln, nämlich eure Herzen.

Paulus verdeutlicht diesen Vergleich mit einem zweiten: Er erinnert an den Bund, den Gott mit seinem Volk durch Mose geschlossen hat: Wenn aber schon das Amt, das den Tod bringt und das mit Buchstaben in Stein gehauen war, Herrlichkeit hatte, so daß die Israeliten das Angesicht des Mose nicht ansehen konnten wegen der Herrlichkeit auf seinem Angesicht, die doch aufhörte, wie sollte nicht viel mehr das Amt, das den Geist gibt, Herrlichkeit haben? Paulus spielt an auf den Bundesschluß am Sinai. Das war am vergangenen Sonntag unser Predigttext. Es war der Gedanke vom Beginn einer wunderbaren Freundschaft....

Und nun spricht Paulus von einer vertieften Freundschaft. Nach dem Auftakt mit dem Volk Israel ist Gottes Beziehung zu den Menschen in Christus nun die weltweite Fortsetzung dieser wunderbaren Freundschaft. Aber jetzt ist Gott selbst im Spiel - mit seinem Geist.

Dann beschreibt Paulus die Eigenart dieser Beziehung. Die Gemeinde ist wie ein Brief Christi. Wie ist das zu verstehen? Nicht allein, daß dieser Brief von Gott selbst geschrieben wurde, er transportiert auch seinen Geist. Sein Inhalt bevollmächtigt die Gemeinde dazu, Gottes Botschaft zu sein. Paulus spricht von den Dienern des neuen Bundes, nicht des  Buchstabens, sondern des Geistes. Ein Brief des lieben Gottes? Was sage ich ein Brief? Ein ganzes Buch, mit dem Gott sich ins Herz blicken läßt. Das macht die Gemeinde Christi zu etwas noch nie Dagewesenem, das die Gemeinde des Alten Bundes übertrifft: Sie ist —Kirche in der Kraft des Geistesž. Wie ein Brief mittels seiner Buchstaben den Geist seines Verfassers transportiert, seine Ideen, Wünsche, Einstellung, seine Zuneigung und Sympathie, so bringt die christliche Gemeinde Gottes Geist zur Welt. Das macht sie aus, das zeichnet sie aus. Wie ein Brief seinen fernen Absender dem Leser ganz nahe kommen läßt, so macht die christliche Gemeinde Gott in der Welt präsent. Das ist ihr Amt, ein Amt überschwenglicher Herrlichkeit.

Wie steht es nun um dieses Amt? Wie üben wir es aus?

Etwa gleichzeitig mit Daliah Lavis Lied ging in der kirchlichen Jugendarbeit der 70er Jahre ein kritischer Text um, der angeblich sogar schon aus dem Mittelalter stammen soll. Hier kehrt das Bild von der christlichen Gemeinde als Brief oder Buch wieder:

—Christus hat keine Hände, nur unsere Hände, um seine Arbeit heute zu tun. Er hat keine Füße, nur unsere Füße, um Menschen auf seinen Weg zu führen. Christus hat keine Lippen, nur unsere Lippen, um Menschen von ihm zu erzählen. Er hat keine Hilfe, nur unsere Hilfe, um Menschen an seine Seite zu bringen. Wir sind die einzige Bibel, die die Öffentlichkeit noch liest. Wir sind Gottes letzte Botschaft, in Taten und Worten geschrieben. Und wenn die Schrift gefälscht ist, nicht gelesen werden kann? Wenn unsere Hände mit anderen Dingen beschäftigt sind als mit den seinen? Wenn unsere Füße dahin gehen, wohin die Sünde zieht? Wenn unsere Lippen sprechen, was er verwerfen würde? Erwarten wir, ihm dienen zu können, ohne ihm nachzufolgen?ž

Ein Bußruf, zugleich Aufruf zum missionarisch-diakonischen Handeln. Wir sind die einzige Bibel, die die Öffentlichkeit noch liest. Ob das heutzutage immer noch so ist? Werden die Christen wirklich als Brief gelesen, als die lebendige Gute Nachricht von Jesus Christus?

—Tod in Kairož, neulich mal wiedergesehen. In diesem Film über Liebe und Tod führt der Gründer einer großen Internationalen Hilfsorganisation eine an den Menschen verzweifelnde Frau in eine Kirche der Stadt Kairo. Die koptischen Christen dort sind wenige, sie sind bettelarm, aber sonntags ziehen sie ihre besten Sachen an und gehen durch die lärmenden Straßen des Alltags ihrer muslimischen Nachbarn zum christlichen Gottesdienst. Warum hat der Mann die Frau in dieses Arme-Leute-Viertel gebracht? Er will ihr zeigen, wie er zu seiner Arbeit für die Menschen gekommen ist, warum er trotz geringer Erfolge nicht aufgibt. Er tut das mit den Worten: —Diese Menschen wissen, wie man betet und wie man einem hilft, dem es noch schlechter geht als einem selbst - und deshalb lächeln sie so.ž Für ihn sind sie wirklich Gottes —Buch für die Weltž. In Ihnen hat er seine Botschaft gelesen. Das gab ihm Kraft für seine Arbeit.

Werden auch wir so wahrgenommen? Das fragt Gott seine Gemeinde immer wieder: Bist du mir treu? Läßt du dich auf mich ein? Beschäftigst du dich mit mir? Liest du in mir wie in einem Buch? Läßt du mich dein Lieblingsbuch sein? Gott fragt uns wie Daliah Lavi in ihrem Lied:

Wär ich ein Buch zum Lesen,
welche Art von Buch wär ich?
Eins, das noch nie dagewesen?
Wäre ich ein Buch für dich?
Oder legtest du nach dem ersten Satz
die Story aus der Hand?
Ein ungeles'ner Band,
der dir niemals am Herzen liegt,
weil sein Papier mehr als der Inhalt wiegt.

Wär ich ein Buch im Leben,
würdest du mein Leser sein?
Gäbe es kein Buch daneben?
Wäre jede Seite dein?
Bliebest du mir treu bis zum letzten Wort,
wie immer es auch heißt,
auch wenn du es längst weißt?
Ein Buch, das du von neuem liest,
in dem du dich oft selbst beschrieben siehst.
Wirst du versteh'n, was ich sagen will
und nur zwischen den Zeilen steht,
was kein Satz verrät.
Ein Buch, das mit dir weint und lacht,
das dein Begleiter ist bei Tag und Nacht,
mit dir träumt und mit dir wacht.
Das Buch, das du manchmal haßt und liebst
das du mit mir schriebst, es wird mit dir enden.
Jener Band der Bände spricht,
er verläßt dich nicht, wenn das Blatt sich wenden wird.

Wär ich ein Buch im Leben,
würdest du mein Leser sein?
Gäbe es kein Buch daneben?
Wäre jede Seite dein?
Bliebest du mir treu bis zum letzten Wort,
wie immer es auch heißt,
auch wenn du es längst weißt?
Ein Buch, das du von neuem liest
in dem du dich oft selbst beschrieben siehst,
seine Story kennst,
die du genauso oft haßt wie liebst,
die du mit mir schriebst, sie wird mit dir enden.
Jener Band der Bände spricht,
er verläßt dich nicht, wenn das Blatt sich wenden wird.

—Hast du sonntags morgens eigentlich nichts Besseres zu tun?ž konnte man neulich unmittelbar vor unserer Kirchentür hören. Nein, Besseres haben wir nicht zu tun. Auch wenn wir nicht die größten und fröhlichsten Helfer sein mögen - wir repräsentieren den Glauben an Gott.

Der sonntägliche Gang zur Kirche, er ist ja so ein Stück Brief an die Öffentlichkeit, ein Offener Brief. Jeder kann ihn lesen. Hier loben wir Gott und sagen damit: Hier ist auch ein guter Platz für Euch. Und auch wenn nicht jeder sich einladen läßt - Gott hat seine Brieffreundschaft mit den Menschen nicht aufgekündigt. Wir sind wirklich so etwas wie Gottes Brief (oder wenigstens eine Postkarte), die Gemeinde als —Buch für die Weltž. Lest uns!
Amen.
 
 


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