Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Sonntag Lätare über 2 Kor 1, 3-7

Liebe Gemeinde!
Heute, am Rosensonntag Lätare, versuchen wir, uns die Botschaft des Evangeliums mit Hilfe von Zahlen klarzumachen, mit Zahlen, die Freude machen: Stellen Sie sich vor, Sie würden von einem Onkel aus Amerika ein Vermögen von einer Billion Dollar erben, eine Billion, das sind eintausend Milliarden, eine Eins mit zwölf Nullen! Was könnte man damit alles machen? Buchstäblich alles könnte man damit machen! —Nicht genug, um die Welt zu kaufen, aber genug, um bestimmen zu könne, wohin sie rollt.ž Zählen könnte man so viel Geld kaum noch - nicht einmal verhindern, daß es immer mehr wird. Allein die jährlichen Zinsen übersteigen fast schon das Gesamtvermögen eines jeden Milliardärs der Welt. Bei jedem Atemzug sind Sie etwa 4.000 Dollar reicher geworden. Vor dieser Zahl versagt eigentlich jede Anschauung.

Darum fangen wir einmal klein an mit Zahlen - und Zählen. Ich lese noch einmal den heutigen Predigttext und bitte Sie mitzuzählen, mitzuzählen, wie häufig die Worte Trost und Trübsal, bzw. Leiden darin vorkommen. Die Seite an der Wand bitte ich, die Häufigkeit von —Trübsal und Leidenž (zusammen) und die an der Tür bitte ich, die Häufigkeit von —Trostž mitzuzählen. Alles klar? Ich beginne:

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der uns tröstet in aller unserer Trübsal, damit wir auch trösten können, die in allerlei Trübsal sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott. Denn wie die  Leiden Christi reichlich über uns kommen, so werden wir auch reichlich getröstet durch Christus. Haben wir aber Trübsal, so geschieht es euch zu Trost und Heil. Haben wir Trost, so geschieht es zu eurem Trost, der sich wirksam erweist, wenn ihr mit Geduld dieselben Leiden ertragt, die auch wir leiden. Und unsre Hoffnung steht fest für euch, weil wir wissen: wie ihr an den Leiden teilhabt, so werdet ihr auch am Trost teilhaben.

Wie sieht das Ergebnis aus? 10mal Trost gegen 7mal Leiden/Trübsal. Im Sport wäre das ein klares Ergebnis, ein glatter Sieg: 10 zu 7 für den Trost! (Die Hertha träumt von solchen Ergebnissen.)

Aber schlägt Trost das Leiden wirklich so klar? Paulus ist davon überzeugt und erzählt deshalb gleich anschließend davon - zunächst von seiner eigenen Trostlosigkeit: von seinen Mißerfolgen bei der Mission in Kleinasien, er dachte schon, er müsse sterben. Paulus erzählt dann aber auch von seiner Hoffnung, vom Trost: Das geschah aber, damit wir unser Vertrauen nicht auf uns selbst setzten, sondern auf Gott, der die Toten auferweckt, der uns aus solcher Todesnot errettet hat und erretten wird. Auf ihn hoffen wir, er werde uns auch hinfort erretten.

Paulus setzt Gott gegen die Trostlosigkeit, er nennt ihn den Gott allen Trostes. Und erwartet sogar, daß der Trostlose durch Gott derart getröstet wird, daß er nicht nur selber getröstet ist, sondern auch andere trösten kann. Das geht dann sogar noch so weit, daß ihm schon die Trübsal zum Trost wird, denn Paulus weiß: Auf Leiden folgt Trost. Gott - die Mutter allen Trostes.

Man möchte Paulus ins Wort fallen, ihn fragen: Woher weißt du das, bist du noch ganz bei Trost? Da gibt er schon die Antwort: Wie ihr an den Leiden teilhabt, so werdet ihr auch am Trost teilhaben. - Wir haben teil, wir sind Teilhaber. Teilhabe. Das ist das Zauberwort.

Teilhabe ist ein Begriff aus der alten Philosophie - und aus der Finanzwelt. Wir sind koinonoi, Teilnehmer. Das trifft hier sogar noch besser den Punkt. (Schon Jesus sprach in seinen Gleichnissen ja häufig vom Geld: vom Scherflein der armen Witwe, vom reichen Kornbauern, vom ungerechten Verwalter, vom Schalksknecht usw.; er wußte, warum... .) Nun also Teilnehmer, Teilhaber. - Wie ist das, wenn man Teilhaber ist? Man teilt das Schicksal eines Unternehmens, einer Firma, man erlebt alles mit: gute Zeiten, schlechte Zeiten. Ein Teilhaber ist nicht Herr der unternehmerischen Entscheidungen, er trägt sie aber mit, muß auslöffeln, was andere ihm eingebrockt haben, die Verluste mit ausbaden. Gewinne kann er mit einstecken - je nach dem, wie es dem Unternehmen geht. Damit es gut geht, braucht er eigentlich nur genügend Geld.

Ein Unternehmen mit einem Startkapital von einer Billion, dieser Eins mit den zwölf Nullen, das wäre natürlich eine sichere Sache, da möchte man gern Teilhaber sein.

Eine Billion Dollar im Besitz eines einzelnen Menschen und was er daraus macht, das ist die Idee eines Romans von Andreas Eschbach, eines jungen deutschen Autors. Toll schon die Idee, wie seine Hauptperson, John Fontanelli, Sproß einer alten Familie aus Florenz, an so viel Geld kommt: Ein ferner Vorfahr - vielleicht der alte Jakob Fugger persönlich, genannt der Reiche - hat dort vor fünfhundert Jahren, als es die ersten Banken gab, eine Summe von umgerechnet 10.000 Dollar eingezahlt - und bloß durch Zinsen und den Zinseszinseffekt ist das größte Vermögen der Menschheit entstanden. Verbunden ist das Ganze mit einer fast religiös anmutenden Prophezeiung: Der Erbe werde mit Hilfe dieses Geldes nach fünfhundert Jahren —der Menschheit die verlorene Zukunft zurückgeben.ž Dabei sprengt die gewaltige Höhe der ihm zur Verfügung stehenden Summe von einer Billion jede Anschauung.

Es ist recht unterhaltsam zu lesen, was John Fontanelli - vom Pizzaausfahrer blitzartig zum Billionär aufgestiegen - nun unternimmt. Alles Geld zu verschenken ist jedenfalls nicht die Lösung: Da bekäme jeder Arme der Welt nur knapp 1000 Dollar - das würde ihm nicht nachhaltig helfen. Das Geld zu verleihen, ist auch nicht die Lösung, sondern gerade Teil des Problems: Zinsen müssen ja erwirtschaftet werden - dabei gehen Menschen und die Umwelt kaputt. (Noch weiß ich übrigens nicht, wie die Geschichte ausgeht - verraten Sie mir das bitte auch nicht, wenn jemand das wissen sollte!) John Fontanelli entdeckt so allmählich, daß sein Riesenvermögen nicht die Lösung, sondern Teil des Problems ist. Jedenfalls ist das, liebe Gemeinde, so etwas wie ein Roman zur Lage der Nation, nein, aller Nationen: Wie kann der Menschheit die verlorene Zukunft zurückgegeben werden? Viele fürchten ja den großen Crash - vielleicht schon in weniger als dreißig Jahren. Daß da überhaupt Rettung möglich sein soll, macht die geradezu religiöse Seite des Romans aus, seine Hoffnung: Obwohl hier vordergründig nur von Geld die Rede ist, geht es ja um Rettung, um Rettung für alle Menschen. Und die Prophezeiung stellt dem Helden die Frage nach seiner Rolle in Gottes Plan mit den Menschen. Der Billionenerbe bindet dazu andere in seine Finanzkraft ein, wird der mächtigste Mensch der Welt, die ganze Welt ist buchstäblich sein Teilhaber und bekommt so Anteil an der Verheißung: der Menschheit die verlorene Zukunft zurückzugeben.

Das ist sein Trost - obwohl er nicht die geringste Ahnung hat, wie er das bei aller finanziellen Macht konkret bewerkstelligen soll und dabei zusehends unter Leidensdruck gerät: Er wird belogen und betrogen, ist seines Lebens nicht mehr sicher, verliert die Kontrolle. So weit der Roman.

Das Evangelium von Jesus Christus setzt für die Rettung der Menschheit natürlich auf Gott, nicht auf Geld. Aber es gebraucht dazu dieselbe Vorstellung, denselben Gedanken: den der Teilhabe. Um klarzumachen, wie das geht, daß wir überhaupt was vom Wirken Jesu Christi haben können, um also Jesus und uns und Gott zusammenzubinden: Teilhabe.

Teilhabe bedeutet ja nicht, daß wir von Gott nur einen Teil hätten, sondern daß wir an ihm Anteil haben, wie geschäftliche Teilhaber Anteil haben an seinem Sieg über das Böse. Wir sind auf Gedeih und Verderb mit ihm verbunden, wörtlich: wie auf Gedeih, so auch auf Verderb. Paulus ist sich aber des Sieges sicher - darum kann er sich auf Trübsal und Leiden einen Reim machen: Woher kommt das? Weil wir gänzlich mit dem Schicksal Jesu Christi verbunden sind: mit seinem Leiden und Sterben - und darum auch von seiner Auferstehung und von seiner Herrschaft profitieren. Darum: Trübsal und Leiden, aber auch Trost. Das Leiden bleibt hier nicht unerklärt: Teilhaber machen alles mit - bis hin zum end(zeit)lichen Gewinn. Weil der feststeht, ist es mit dem Leiden wie mit den Kursschwankungen von Aktien - hart, aber habt nur Geduld: 10 zu 7 schon jetzt, hier ist kein Unentschieden, Trost ist unsere Dividende.

Trost, trösten, das griechische Wort - parakaleo - bedeutet: Jemanden neben sich rufen. Der Gott allen Trostes ist also der Paraklet, der Heilige Geist, der bei uns ist - er in uns, wir in ihm, er macht uns zu Teilhabern Gottes. Im Wissen darum hat Paulus seine Trostlosigkeit überwunden und zur Freude zurückgefunden. Er weiß: Ich bin Teilhaber Gottes, Teilhaber an seinem Sieg über das Böse. Was für ein Gedanke! Er ist eigentlich unvorstellbar, noch unanschaulicher als eine Billion auf dem Konto.

Dennoch, vielleicht hätte mancher lieber auch noch die Erbschaft von einer Billion vor Augen (oder wenigstens die persönliche Million von Günther Jauch) - so sehr drückt uns die mögliche Zukunftslosigkeit der Menschheit. Wenn es stimmt: —Geld regiert die Weltž, dann könnte man mit so viel Geld ja vielleicht doch noch etwas gut machen. Ein fünfhundert Jahre altes Sparbuch würde uns dabei in Wirklichkeit zwar wenig helfen - das geht nur im Roman - doch muß bei der Suche nach einer Zukunft für uns und unsere Kinder und Enkel in der Tat ja auch über Geld nachgedacht werden. Da hat der Roman Recht. Bloß: Das weltliche Überleben schlägt weder Trübsal noch Leiden in die Flucht. Mißerfolg und Ablehnung und das Leiden daran bleiben. Selbst bloß finanzielles Umsteuern wird Leiden bringen - und wer tröstet uns dann, inmitten allgemeiner Trostlosigkeit?

Paulus hat da eine gute, eine tröstliche Erfahrung gemacht. Die hielt ihn am Leben, als er sich sterbenselend fühlte. Es war die Erfahrung, in Jesus Christus Teilhaber Gottes zu sein, was mehr wert ist als alles Geld der Welt, weil Gott die stärkere Macht ist, die tröstlichere, die sicherere Bank. Im Innersten unserer Trostlosigkeit kann uns ja auch eine Million von Günther Jauch nicht trösten, letztendlich nicht einmal die Eins mit den zwölf Nullen - eher schon das sportliche Resultat im Predigttext aus des Paulus Brief an die Gemeinde in Korinth: 10 zu 7, Trost schlägt Leid - durch Teilhabe an Gottes Sieg. Da kommt Freude auf - und Trost in Jesus Christus: —Es ist ein Ros entsprungen... .ž —Laßt Rosen sprechen... .ž Eine tröstliche Rose soll uns durch diese Woche begleiten...
Amen.
 
 


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