Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am 4. Sonntag im Advent über 2 Kor 1, 18-22

Liebe Gemeinde!
Ein beliebtes Gesellschaftsspiel ist das sogenannte Frage-und-Antwort-Spiel nach dem Muster: —Wer hat sein entscheidendes Tor durch Handspiel mit der «Hand GottesŽ erklärt?ž —Diego Maradonna.ž Vor Jahren wurde das gute alte Spiel unter dem Namen Trivial Pursuit erneut populär und auf ganz unterschiedliche Alters- und Leistungsstufen hin zugeschnitten. Das Schöne daran: klare Fragen, klare Antworten. (Selbst bei Jauchs Quizz gab es erst eine Unstimmigkeit.) Bloß: Als Kinder hatten wir nur eine Version - und die kannte man bald auswendig. Damit es nun nicht langweilig wurde, fingen wir nun an, Frage und Antwort auszutauschen: Man las die Antwort und mußte die dazugehörige Frage finden. Das ist mittlerweile ebenfalls ein populäres Gesellschaftsspiel geworden, unter dem Namen Jeopardy wurde es sogar zur Fernsehshow. Antwort: die 10 Gebote. Frage? (Welche Regeln empfing Mose am Berg Sinai von Gott?)

An dieses Spiel erinnert mich der heutige Predigttext:
Gott ist mein Zeuge, daß unser Wort an euch nicht Ja und Nein zugleich ist. Denn der Sohn Gottes, Jesus Christus, der unter euch durch uns gepredigt worden ist, durch mich und Silvanus und Timotheus, der war nicht Ja und Nein, sondern es war Ja in ihm. Denn auf alle Gottesverheißungen ist in ihm das Ja; darum sprechen wir auch durch ihn das Amen, Gott zum Lobe. Gott istŽs aber, der uns fest macht samt euch in Christus und uns gesalbt und versiegelt und in unsre Herzen als Unterpfand den Geist geben hat.
Was erinnert hier ans Jeopardy? Wir haben eine Antwort und suchen die Frage. Die Antwort bei Paulus heißt: —Jaž: In Jesus ist das Ja Gottes. Aber wie lautet denn die Frage, auf die die Antwort ein klares —Jaž ist? Paulus bleibt bei der Antwort: Wir erfahren sie durch seine und des Silvanus und des Timotheus Predigt von Jesus Christus. Paulus versichert feierlich - nach Art eines Eides (—Gott ist mein Zeuge!ž) - daß er selbst hier nicht mit gespaltener Zunge redet, ohne Ja und Aber, kein definitives Vielleicht, sondern ein klares uneingeschränktes Ja. Weil Jesus Gottes Ja ist, sagt auch Paulus ein klares Ja.
Was aber, liebe Gemeinde, heißt das, Jesus Christus sei das Ja Gottes? Klingt das nicht irgendwie sektiererisch, so als sei Jesus die Antwort auf alle Fragen, auf Fragen, die nicht einmal jeder hat? Suchen wir also die Frage, spielen wir Jeopardy.

Paulus gibt dazu einen Hinweis: Auf alle Gottesverheißungen ist in ihm, Jesus Christus, das Ja. Wenn das Ja die Antwort ist, muß die Frage etwas mit den Verheißungen Gottes zu tun haben. Welche Verheißungen gibt es denn da in der Bibel?

Abraham wird Land verheißen und eine große Nachkommenschaft; Noah nach der Sintflut der zuverlässige Rhythmus der Jahreszeiten; dem Volk Israel, das Gottes Gebote hält, das Land, in dem Milch und Honig fließt und den im Exil Lebenden schließlich ein neuer Bund. Das Alte Testament ist voller Verheißungen Gottes an sein Volk. Manche Verheißung ist erfüllt, zumindest auf Zeit, aber aufs Ganze gesehen gibt es doch einen Überschuß an Verheißungen - was unter den Zeitgenossen Jesu hinauslief auf die Hoffnung auf einen Messias. Von dem erwarteten die Menschen durchaus Unterschiedliches: die einen die Erneuerung des Tempelkultes, andere einen unabhängigen Staat unter einem König wie einst David, andere eine religiöse Reform: lebbare, gerechte Gesetze für jedermann, in Religionsdingen wie in weltlichen. Mehr noch: Der Messias, er bringt die Herrschaft Gottes über das Volk Israel und die Völker der Welt, Frieden, Schalom - ein Stück vom verlorenen Paradies, von Gott. Die Frage lautete also: Wer ist der Messias und was bringt er? Und auf all diese unterschiedlichen, diffusen Erwartungen soll Jesus nun die Antwort sein, Gottes Ja? (Juden, Muslime und Atheisten bestreiten das bekanntlich bis heute.) Was macht Paulus bloß so sicher?

Das erfahren wir aus dem abschließenden Lobpreis: Gott istŽs aber, der uns fest macht samt euch in Christus und uns gesalbt und versiegelt und in unsre Herzen als Unterpfand den Geist geben hat. D.h.: Gott hat den Gläubigen seinen Geist verliehen und sie damit ganz fest in Christus und in ihm selbst verankert. Sie haben den Messias, den Gesalbten, er ist ihnen so nah, daß sie nun selbst Gesalbte sind oder Messiasse, d.h. - Christen. Und durch Christus haben sie Gott.
Wir suchten die Frage. Sie lautet: Wo ist Gott? Oder auch: Was haben wir von Jesus? Das ist die Frage, zu der der Glaube an Jesus, das Ja Gottes, die Antwort ist.

Mit Jeopardy, der Umkehrung des Frage-und-Antwort-Spiels, aber ist noch lange nicht Schluß. Was haben wir denn sonst noch von Jesus Christus, dem Ja Gottes? Paulus sprach von Gott, seinem Geist, und nannte ihn Unterpfand oder Angeld, also eine Art Anzahlung Gottes auf die künftige Erfüllung. Da haben wir von Gott also noch mehr zu erwarten. Da wartet noch was auf uns. Gottes Geist ist so etwas wie die großzügige Anzahlung künftigen Reichtums, von dem es sich bereits leben läßt. Jetzt leben wir gewissermaßen auf Kredit, auf Pump - und das große Erbe kommt noch. Jesus erfüllt also die Verheißungen Gottes, indem er sie bekräftigt, aber noch jede Menge an Verheißung übrigläßt. —Das Beste kommt nochž, hat ein geistlicher Autor einmal geschrieben und ein anderer: —Angesichts der erfüllten Verheißung beten wir um die verheißene Erfüllung.ž

Das hört sich an wie ein Wortspiel und - in der Tat, der christliche Glaube braucht ein anderes Gesellschaftsspiel, eines, das über das einfache von Frage und Antwort hinausgeht. Die Quizfrage lautete ja: Wo ist Gott? Oder: Was haben wir von Jesus, dem Ja Gottes? Und das Thema ist: Leben. Dann suchen Sie dazu mal die richtige Antwort aus: Was steht im Katechismus?
A) Vergebung der Sünden?      B) Leben in Fülle?
C) Gottes Herrschaft?              D) ewiges Leben?
Brauchen Sie Bedenkzeit? Oder eine kleine Hilfe? Ich denke: Christen können sich hier gar nicht entscheiden. Und wenn uns bei Günter Jauch dafür eine Million winkte, man kann hier keiner Antwort den Vorzug geben - weil Jesus das alles ist und zugleich mehr ist als das alles. - Seit 2000 Jahren bemühen wir uns darum immer wieder neu, zu verstehen, was das meint, Jesus sei das Ja Gottes: Ja ist ja so etwas wie ein Beziehungswort: Einer sagt Ja zu mir. Und ohne Beziehungen kann man nicht leben. Gottes Ja bringt uns sogar die lebenswichtige Beziehung - die Beziehung zu Gott. So gibt er uns die Grundlage unserer Existenz, sie lautet: Gott. Und diese Lebensgrundlage ist gesichert, sie sichert unser Existenzminimum.

Praktisch heißt das: Dadurch werden wir frei, frei von all dem, was man heutzutage alles tun muß, um in der Gesellschaft mitzuhalten - als da wären: überall dabei sein, immer mitmachen, sich für alles und jedes engagieren, einen Sinn im Leben finden (auch wenn man absolut keinen findet, dann muß man sich doch selber einen machen), immer gut drauf sein, bei den Mitmenschen beliebt, seine Aggressionen schön verstecken, sich zum pflegeleichten Zeitgenossen entwickeln, so tolerant, daß selbst das Böse toleriert wird, bloß keine eindeutigen Positionen vertreten, kein Ja oder Nein, sondern: zu allem Ja und Amen sagen. Wie schnell gehört man sonst zu den Losern! - Davon aber sind wir frei, diese Gesellschaftsspiele müssen wir nicht mitspielen, nicht einmal den stressigen Wettbewerb um die weihnachtlichsten Gefühle. Gott sei Dank, Jesus sei Dank. Seine Gesellschaft bringt ungleich mehr ein. Er kennt nur Gewinner: Denn auf alle Gottesverheißungen ist in ihm das Ja; darum sprechen wir auch durch ihn das
G. Amen.
 
 


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