Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Sonntag Trinitatis über 2. Kor 13, 11-13

Liebe Gemeinde!
Da ist Post. Ich lese vor:Zuletzt, liebe Brüder, freut euch, laßt euch zurechtbringen, laßt euch mahnen, habt einerlei Sinn, haltet Frieden! So wird der Gott der Liebe und des Friedens mit euch sein. Grüßt euch untereinander mit dem heiligen Kuß. Es grüßen euch alle Heiligen. Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen!

Post von Paulus. Der Schluß eines Briefes, jenes Briefes, den wir als den zweiten an die junge Gemeinde in der griechischen Hafenstadt Korinth zählen. Und wie üblich am Schluß, da kommen die Grüße - und alles, was man immer noch sagen wollte, was man längst schon einmal gesagt hat und was eigentlich jeder weiß. Wir kennen das:

—Schöne Grüße an Tante Erna. Vergiß nicht, vor der Autobahn zu tanken! Hast du ein Taschentuch dabei? Und ruf gleich an, wenn du da bist!ž So was ist Routine. Hört man da eigentlich noch richtig hin? Als Student, dauernd unterwegs zwischen Ruhrgebiet und Tübingen, habe ich - einmal jedenfalls - nicht richtig hingehört, trotzdem brav alles mir Aufgetragene erledigt - nur den Anruf nach Ankunft habe ich vergessen. Erst einen Tag später fällt es mir kochendheiß wieder ein, ich rufe zu Hause an: —Äh, da bin ich.ž —Ich weiß,ž sagte mein Vater, —ich hatte gleich die Kollegen gebeten, zu sehen, ob dein Auto heil vor der Tür steht.ž (Zum Glück war mein Vater bei der Post und nicht bei der Polizei oder beim Verfassungsschutz, so daß lediglich ein harmloser Briefträger nach mir geforscht hatte.) Seitdem bemühe ich mich sehr, auch bei Abschiedsformeln und formelhaften Abschieden zuzuhören, ob da nicht doch etwas für mich Wichtiges drinsteckt.

Im Brief des Apostels Paulus, bei seinen letzten Worten, ist das nämlich auch so. Natürlich ist ein solcher Briefschluß auch Routine. Paulus richtet Grüße aus: Gruß und Kuß - euer Paulus. Mit dem Kuß ist das übrigens so eine Sache. Damals und heute ist der Bruderkuß im Orient selbstverständlicher Teil von Begrüßung und Abschied, bei uns aber nur unter jungen Leuten verbreitet und in der sogenannten —feinenž Gesellschaft. (Und dann gibt es da noch die Münchener —Bussi-Bussi-Gesellschaftž). Die meisten denken aber: Wir sind doch nicht in der Ramazzotti-Werbung! Sie kennen das: Da wandert ein Versöhnungskuß von Balkon zu Balkon weiter, von der Angebeteten bis zu einem jungen Mann. Alle sind mit Feuereifer bei der Sache. Letzte in der Kette ist eine nicht mehr ganz so junge Dame. Die wirft sich in Positur - und die Kamera blendet weg. - Meine Generation ist da zurückhaltender. Wer küßt schon gerne Tante Erna? Immerhin ist der Bruderkuß, der heilige Kuß, nennt ihn Paulus, Teil des christlichen Gottesdienstes, wenngleich als Friedensgruß nach vielen Veränderungen im Lauf der Zeit mehr ein Händedruck geworden.

Anders ist das natürlich in Frankreich, bei der ökumenischen Studentenwallfahrt nach Chartres beispielsweise, als wir beim Friedensgruß im Dom die Nähe der Französinnen suchten - aber das wäre eine andere Geschichte. Hier geht es um das, was Paulus in seine Schlußworte hineinpackt: Zu Freude und Frieden fordert er auf, mahnt er und faßt so das Anliegen seines Briefes zusammen, in dem er eine sehr harte und persönliche Auseinandersetzung mit seiner Gemeinde geführt hat. Er endet aber versöhnlich - und dann kommt noch ein Satz, den man leicht überhören könnte, weil es so klingt, als sei er schon hundertmal gesagt worden:Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen!

Und tatsächlich, dieser Satz ist damals schon Hunderte von Malen gesagt worden. Er stammt aus dem christlichen Gottesdienst. Es ist eine Segensformel. Ihretwegen lesen wir heute, am Sonntag Trinitatis, diesen Schluß des zweiten Briefes nach Korinth. Es geht um Gott - und um uns.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes... Was die Taufformel, die am Beginn des Gottesdienstes steht, nacheinander sagt, das bringt die Segensformel ineins. Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen! Gott, Jesus und der heilige Geist - der eine Gott, dreimal. Dreimal der eine Gott. Denn die Gnade Christi ist die Offenbarung der Liebe Gottes; die Gemeinschaft des Heiligen Geistes, das ist unsere Teilhabe an Christus und Gott.

Hier geht es nicht nur um das christliche Gottesbild, wie es die Alte Kirche später mit philosophischen Begriffen gelehrt hat: Gott, das ist eine Wesenheit in drei Personen - hier geht es um uns: Wir sind Teilhaber an Gott - weil Gottes Geist uns zu solchen Teilhabern an Gott macht. Der Heilige Geist ist uns gegeben - aber nicht wie ein Gegenstand, wie ein Paket, das sich von seinem Absender gelöst hat, sondern der Absender ist mitgereist und bei uns angekommen und hat die Annahme seiner Gabe selbst bewirkt. Und wo Heiliger Geist draufsteht, ist auch Heiliger Geist drin. Der Heilige Geist ist Gabe - und Geber. Das alles meint Paulus an dieser Stelle mit seiner dreiteiligen Segensformel: Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen!

Darum gehört diese Formel hier in den Gottesdienst, denn hier ist von Vater, Sohn und Geist nicht nur die Rede, sondern hier ist er anwesend. Von Vater, Sohn und Geist kann ja auch in sehr weltlichen Zusammenhängen die Rede sein - der Wiener Kongreß etwa hat 1815 die Neuordnung Europas noch im Namen der Allerheiligsten Dreifaltigkeit abgeschlossen (das Grundgesetz spricht ja nur noch allgemein von der Verantwortung vor Gott) - aber hier im Gottesdienst wird von der christlichen Gotteserfahrung von Vater, Sohn und Geist nicht nur geredet, hier wird sie Gegenwart.

Die Alte Kirche hat das so zum Ausdruck gebracht: Wir beten zu Gott durch den Sohn im Heiligen Geist. Wenn wir beten, betet der Geist. D.h.: Die Verbindung zu Gott muß man sich nicht erst erarbeiten, sie wird von Gott selbst hergestellt. Der Heilige Geist eröffnet uns den Zugang zu Gott in Jesus. So erst macht er aus einer Geschichte um den Menschen Jesus, die man wissen kann, den rettenden Glauben an Jesus Christus.

Das unterscheidet uns Christen von den Muslimen, die bekennen, daß es nur einen Gott gibt. —Ich bezeuge, daß es keinen Gott außer dem einen gibt; ich bezeuge, daß Mohammed der Gesandte Gottes ist.ž So lautet der Grund-Satz des Islamischen Glaubensbekenntnisses. Gott bleibt hier das große Gegenüber. (Jahrhundertelang waren die Menschen der Überzeugung, das wisse man schließlich.)

Das unterscheidet uns auch von den Juden. Sie bekennen: —Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist ein einziger.ž Das Volk wird auf den einen Gott und sein Gebot verpflichtet. Die Herabkunft des Geistes Gottes auf alles Volk erwarten sie erst für das Ende der Tage.

Uns hingegen hat der Geist mit der Taufe —im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistesž bereits zu Teilhabern Gottes gemacht. Das ist der Unterschied. Gott hält sich nicht fern und hält sich nicht heraus: Wir in ihm und er in uns - er der Schöpfer, wir das Geschöpf.

So etwas Wichtiges hätten wir bei den formelhaften Abschiedsworten des Paulus doch  glatt übersehen können. Zum Glück wissen wir, daß man beim Abschied noch einmal gut zuhören muß, damit man weder Tante Erna noch das Telefonat nach Hause vergißt, nicht den Friedensgruß - und schon gar nicht das Segenswort für die Schwestern und Brüder im Geiste. Denn das Wichtigste kommt häufig am Schluß: Zuletzt, liebe Brüder (und Schwestern natürlich),  freut euch, laßt euch zurechtbringen, laßt euch mahnen, habt einerlei Sinn, haltet Frieden! So wird der Gott der Liebe und des Friedens mit euch sein. Grüßt euch untereinander mit dem heiligen Kuß. Es grüßen euch alle Heiligen. Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen!
Amen.
 
 


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