Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Sonntag Sexagesimae über 2 Kor 12, 1-10

Liebe Gemeinde!
Ein Mann hat eine kleine Überschwemmung erlebt und kann nicht aufhören, davon zu erzählen: wie das Wasser stieg und stieg, wie sein Haus am Ende fast überflutet wurde und die Feuerwehr ihn gerade noch rechtzeitig vom Dach holte. Seine Nachbarn kennen die Geschichte natürlich längst, aber bei jeder Begegnung fängt er wieder von vorn an, seine Leidensgeschichte, nein: sein Abenteuer, zu erzählen. Und von Mal zu Mal wird das Ganze großartiger und großartiger - bis jeder im Dorf genervt ist.  Aber er kann es einfach nicht lassen. - Als er eines Tages eines natürlichen Todes stirbt und in den Himmel kommt, fragt er Petrus - und spätestens jetzt merken Sie, daß es sich um einen Witz handelt und jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen natürlich zufällig wäre - also er fragt Petrus, ob er sein Erlebnis nicht auch im Himmel zum Besten geben könne. "Natürlich", sagt der und organisiert gleich ein großes Treffen. Am nächsten Tag, volles Haus, alle sind gekommen, um das Erlebnis zu hören. "Ach, bevor du anfängst", meint Petrus, "ich sollte dir vielleicht noch sagen, daß auch Noah und seine Familie gekommen sind..."

Tja, da hat er ja wohl seinen Meister gefunden. Und was lernen wir daraus? Mit Erfahrungen kann man angeben: "Ich bin neulich operiert worden, volle drei Stunden hat das gedauert." Wer so auftrumpft, muß mit der Antwort rechnen: "Und bei mir waren das sogar 12 Stunden, und dann bin ich gleich danach noch dreimal operiert worden." Wer ein besonderes Erlebnis gehabt hat, muß damit rechnen, daß es von anderen immer noch einmal getopt wird. Denn mit Erlebnissen kann man sich rühmen, besonders mit außergewöhnlichen.

Paulus war im dritten Himmel. Wie geht er damit um? Rühmt er sich dessen? Nicht gleich - und auch dann nur sehr umständlich und verklausuliert: "Ich kenne einen Menschen in Christus; vor vierzehn Jahren - ist er im Leib gewesen? ich weiß es nicht; oder ist er außer dem Leib gewesen? ich weiß es auch nicht; Gott weiß es -, da wurde derselbe entrückt bis in den dritten Himmel." Warum hält Paulus das Erzählen seines Erlebnisses so lange zurück und erzählt es dann so, daß man eigentlich gar nicht erfährt, was er da erlebt hat, und nicht einmal sicher sein kann, ob es Paulus selbst war oder ob er nur vom Hörensagen erzählt? (Er hörte "unaussprechliche Worte, die kein Mensch sagen kann.") Paulus hat es bei der Gemeinde in Korinth, mit der er sich in seinem Brief auseinandersetzt, mit Meistern in Sachen 'religiöses Erlebnis' zu tun. Da waren - zumindest in bestimmten Kreisen der Gemeinde - Visionen und Ekstasen nichts Ungewöhnliches, und die Betreffenden erzählten auch lang und breit davon. Offensichtlich fühlten sie sich als etwas Besseres - im Vergleich zu denen, die diesbezüglich nichts zu bieten hatten, die vielleicht nicht einmal ein paar kleine Gebetserhörungen vorzuweisen hatten, geschweige denn Entrückungen bis in den siebten Himmel.

Paulus läßt sich durch diese geistlichen Riesen, diese Charismatiker auf dem Gebiet geistlicher Erfahrung nicht klein machen, nicht kleiner jedenfalls, als er in ihren Augen ohnehin ist. Eine Schwäche des Apostels ist nämlich wohlbekannt, sie rückt ihn in den Augen der Glaubensstarken in ein schiefes Licht - nicht die Tatsache, daß er wohl kein besonders mitreißender Prediger ist: Laut Lukas (Apg 20) schläft einmal während einer Predigt des Apostels ein junger Mann ein und fällt aus dem Fenster vom dritten Stock, tot (aber tröstlich für jeden Prediger - der junge Mann wird übrigens wiederbelebt), nein, des Apostels "Pfahl im Fleisch" ist wohl eine ihn stigmatisierende Krankheit - vielleicht Depressionen, vielleicht Epilepsie. Und so einer will ein Bote Gottes sein? Da kamen nicht nur damals Zweifel auf.

Auch in unserer Kirche, der EKIBB, hat es so einen Pfarrer gegeben. Als er in psychiatrische Behandlung mußte, munkelte die Gemeinde: "Wie kann das denn sein? War er nicht fromm genug?" Der Kollege ist dann - wie man heutzutage sagt - offensiv damit umgegangen, wie Paulus das mit seiner Schwäche getan hat.

Auch sein großes geistliches Erlebnis bringt Paulus hier nur kurz ins Spiel - die meisten Ausleger denken dabei an das berühmte Damaskuserlebnis, an das Erlebnis seiner Berufung: schlagartig wird aus dem Verfolger der Christen ein Kämpfer für Christus - Paulus dreht in seinem Brief an die Korinther gleich anschließend den Spieß um: Wenn er sich schon rühmen muß, dann nicht dieser Erlebnisse wegen, bei denen einem Hören und Sehen vergeht, sondern er rühmt seine Schwachheit - nach dem Wort des Herrn: "Laß dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig."

Dem Berliner Kollegen hat das Vorbild des Apostels allerdings wenig geholfen. Wieder gesund geworden, kommt es - der Betreffende ist mittlerweile in einem hohen Amt - zu einem Konflikt mit dem Bischof, seine Krankheit bricht wieder aus - und er läßt sich pensionieren. So jedenfalls die offizielle Version. Auch hier ging es um Stärke und Schwäche, nicht nur bei dem Kollegen, sondern bei vielen der am Konflikt Beteiligten, denke ich. Sich seiner Schwachheit zu rühmen, hat dem prominenten Kollegen jedenfalls nicht geholfen.

Jener Skandal und die auch bei uns beliebte Unsitte, sich mit dramatischen Erlebnissen eher wichtig zu tun, zu schmücken, lassen mich fragen. Wo ist hier das Evangelium? Kann man es wirklich auf die Kurzformel bringen: "Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark"? Ist das nicht eher pervers?

Eine solche Formel, die Schwachen für stark zu erklären, scheint in der Praxis doch nur die Personen auszutauschen, nicht wirklich die Verhältnisse umzukehren. Wirklich revolutionär ist so was nicht. So kommt es zur Herrschaft der Klein- und Spießbürger - wie in der DDR. Auch ein olympisches Motto kann das nicht sein, überhaupt kein Motto, keine Lebensregel - eher ein Aufschrei in letzter Verzweiflung, der sich am Schicksal Jesu orientiert: Ihn hat Gott nicht fallengelassen - und nur darum, so interpretiert jetzt Paulus - muß eine Niederlage noch lange nicht das Ende sein. Wie Gott sich zu Jesus gehalten hat, so wird er sich auch zu uns halten. Unsere Schwachheit ist dabei für ihn kein Hindernis, er kann sie sogar in seinen Dienst nehmen - unsere Stärke allerdings auch. Für die Machtphantasien kleiner Leute aber - jetzt wollen wir auch mal ran: reich, mächtig und berühmt werden - dürfen wir Paulus nicht als Kronzeugen anrufen. Der hätte seine Einsicht nicht als Motto einer Castingshow hergegeben: "Außenseiter - Spitzenreiter", "DSDS".

Dabei sind die ja nur ein harmlosen Beispiel für Stärke aus Schwäche. Und immerhin noch mittelmäßige Unterhaltung. Gefährlich aber wird es, wenn ein Schwacher sich stark macht, indem er seine Ehre ins Spiel bringt. Ursprünglich ist Ehre ja ein Schutz, der Starken und Schwachen in der Gesellschaft eine gemeinsame Grundlage fürs Miteinander gibt. Auch der Schwache hat seine Ehre. Wird dieser ursprüngliche Schutzmechanismus aber aggressiv verteidigt, bekommen wir ein Problem. Das gilt für das us-amerikanische bürgerliche Ehrenrecht, eine Schußwaffe besitzen zu dürfen, wie für die muslimische Familienehre. Die gilt es zu verteidigen oder wiederherzustellen. Leider kommt es dabei zum Mißbrauch, besonders bei jungen Leuten: Gekränkte Ehre führt zu Ausbrüchen von Gewalt. Das müssen nicht gleich Schießorgien sein: Es reicht schon lautes aggressives Verhalten, das von anderen keine Kritik zuläßt - die wäre ja ehrabschneidend. Auch sogenannte "Ehrenmorde" sind gottlob die Ausnahme - aber wenn zum Schutz dieses Ehrverständnisses die Polizei bei muslimischen Mitbürger lieber auf den Einsatz von Drogenspürhunden verzichtet (die gelten ja als unrein, "Du Hund!" ist eine der wüstesten möglichen Beschimpfungen) - dann läßt man den Schwachen stark werden. Ehre wird zum Drogenversteck. Hier wird Ehre pervertiert.

Paulus denkt anders: Das traditionelle Verhältnis von Stärke und Schwäche - die Starken setzen sich durch auf Kosten der Schwachen - wird durch das Kreuz Christi durchkreuzt, buchstäblich - aber es ist noch nichts gewonnen, wenn die Schwachen auf einmal den starken Mann spielen oder an die Stelle der Starken treten. Wirklich Evangelium erklingt hier erst, wenn von Gottes Stärke, von der Kraft Christi die Rede ist: Nur er ist so stark, daß er auch meine Schwäche in seinen Dienst nehmen kann - ohne daß meine Schwäche zur Gefahr für die anderen wird. Nur Gott kommt an meinen Schwächen und Stärken vorbei. Ich muß mich nicht schwach geben, damit Gott stark sein kann, auch macht mich meine Schwäche nicht stark.

Was Paulus mit dem spät erzählten Erlebnis von seiner Entrückung in der dritten Himmel bezeugt, ist keine geistliche Waffe, kein methodischer Trick, um sich desto besser durchzusetzen, sondern Ausdruck seines Wissens um den göttlichen Rettungsring, den Gott für uns ausgeworfen hat. Gott hat eine Schwäche für uns - das ist seine Stärke.

Die Dichterin Margaret Fishback Powers hat dieses Wissen in ein Gedicht gebracht. Es trägt den Titel: "Spuren im Sand".

Eines Nachts hatte ich einen Traum...
Ich ging am Meer entlang mit meinem Herrn.
Vor dem dunklen Nachthimmel
erstrahlten, Streiflichtern gleich,
Bilder aus meinem Leben.
Und jedes Mal sah ich zwei Fußspuren im Sand,
meine eigene und die meines Herrn.

Als das letzte Bild an meinen Augen
vorübergezogen war, blickte ich zurück.
Ich erschrak, als ich entdeckte,
daß an vielen Stellen meines Lebensweges
nur eine Spur zu sehen war.
Und das waren gerade die schwersten
Zeiten meines Lebens.

Besorgt fragte ich den Herrn:
"Herr, als ich anfing, dir nachzufolgen,
da hast du mir versprochen,
auf allen Wegen bei mir zu sein.
Aber jetzt entdecke ich,
daß in den schwersten Zeiten meines Lebens
nur eine Spur im Sand zu sehen ist.
Warum hast du mich allein gelassen,
als ich dich am meisten brauchte?"

Da antwortete er: "Mein liebes Kind,
ich liebe dich und werde dich nie allein lassen,
erst recht nicht in Nöten und Schwierigkeiten.
Dort, wo du nur eine Spur
gesehen hast - da habe ich dich getragen."

Und: "Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Mißhandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten, um Christi willen."
Amen.
 
 


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