Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am 3. Sonntag nach Epiphanias über 2 Kge 5, 1-19a

Liebe Gemeinde!
Der heutige Predigttext mit der Erzählung von der Heilung des Aussätzigen Naaman ist eigentlich nur eine kleine Geschichte - aber sie bietet ein ganzes Bündel von Themen: Gesundheit, Geld, die Rolle einer Sklavin - und die Frage nach der größeren Macht. Aber fragen wir uns zunächst, wer dieser Naaman eigentlich ist. Fragen wir ihn doch selbst:

Herr Naaman, Sie hatten zur Zeit des Propheten Elisa den Oberbefehl über die kämpfende Truppe Ihres Königs, des Königs von Aram.

Naaman: So ist es - und ich will gleich sagen: Dem König von Israel habe ich mit meinen Soldaten mächtig zu schaffen gemacht. Wir haben gute Beute gemacht.

Aber das soll jetzt nicht unser Thema sein, sondern der Vorfall am Jordan. Sie haben sich ja erst gesträubt, in den Fluß zu steigen. Dieses Rumzicken hätten Sie sich auch sparen können.

Naaman: Im Nachhinein ist man immer schlauer. Vorher war es so: Ich wollte die medizinische Kunst des Propheten Elisa kennenlernen. Ich hatte ja Aussatz - eine wahrlich eklige Krankheit.

Zumal für einen syrischen Heerführer...

Naaman: Ja. Meine Soldaten sahen mich schon so seltsam an. Dabei hatte ich noch nicht einmal die ansteckende Form der Krankheit. Wahrscheinlich dachten Sie: »Der macht es nicht mehr lange«, und haben schon überlegt, wer mein Nachfolger werden wird.

Soweit kam es ja nicht. Denn Sie wurden geheilt.

Naaman: In der Tat. Ich staune immer noch. Alles Mögliche hätte ich von dem heilkräftigen Propheten ja erwartet: Daß er mich mit allerlei Salben einreibt, die er nach den geheimsten Rezepten angerührt hat. Daß er mich in einen kerzenerleuchteten Raum führt und meine Haut mit Tinkturen benetzt. Daß er feierliche Gebete mit magischer Kraft über mir spricht. Die ganze Palette der gelehrten Heilkunst halt.

Nichts von alledem trat ein?

Naaman: Nichts. Ich fuhr mit meinem prächtigen Pferdewagen vor - ein Anblick, der die Leute auf den Straßen reihenweise vor Achtung erblassen ließ. Und dieser Elisa kommt noch nicht mal aus seinem Haus raus, um mich zu begrüßen! Statt dessen schickt er mir Diener und lässt mir befehlen, in den Jordan zu steigen und siebenmal unterzutauchen.

Das hört sich nach sanfter Medizin an.

Naaman: Mir war´s jedenfalls zu sanft. In meiner Lage irgendwelchen Quacksalbern zu vertrauen, konnte ich mir nicht leisten. Ich wollte die herkömmlichen Heilmethoden und hätte sie auch bezahlt. Wutentbrannt fuhr ich zurück.

Sie waren also gar nicht im Jordan?

Naaman: Doch. Meine Diener überzeugten mich schließlich, daß ich ja nichts zu verlieren hätte. Ich ließ mich überreden. Hohes Schilf schützte mich vor den Blicken neugieriger Gaffer. Ich legte meine Rüstung ab. Stieg ins Wasser. Und tauchte unter. Je öfter ich es tat, desto befreiender empfand ich es. Nach dem siebten Mal watete ich ans Ufer. Und traute meinen Augen nicht: Die dunkelroten Stellen auf meiner Haut waren heller geworden.

Sag ich doch: Sanfte Medizin kann Wunder tun.

Naaman: Unglaublich, aber wahr. Nach ein paar Tagen hörte der Juckreiz auf. Ich war gesund. Durch ganz normales Wasser.

Toll - und das war alles? War da nicht noch eine Sklavin? Und hat nicht auch der König von Israel dabei eine Rolle gespielt?

Naaman: Ich sehe schon, die Geschichte hat sich herumgesprochen. Also, auf die Idee kam in der Tat eine Sklavin. Diese Israelitin hatte ich als Geisel genommen, als menschliches Schutzschild bei uns Aramäern sozusagen. Das ist aktive Sicherheitspolitik. Sie diente meiner Frau und setzte ihr den Floh ins Ohr - von diesem Heiler in Samaria namens Elisa. Natürlich muß man sowas von oben her angehen, auf oberster diplomatischer Ebene: Also wandte sich mein König an den König von Israel mit der Bitte um Heilung.

Wie? Ihr Feind sollte sich für Ihre Heilung einsetzen?

Naaman: Er sollte ja anständig dafür bezahlt werden. Mehr als anständig. Dennoch fühlte sich der König prompt beleidigt, hat wohl was in den falschen Hals gekriegt. Zum Glück hat sich dieser Elisa dann selbst eingeschaltet. Wie gesagt, Geschichten von Krankheiten sprechen sich bei uns herum.

Und dann Ihr großer Auftritt beim Propheten...

Naaman: Hab ich ja schon erzählt.

Es fiel Ihnen wohl schwer, sich an seine Anweisungen zu halten?

Naaman: Natürlich, was sollte denn am Jordanwasser Besonderes sein? Ich glaubte doch nicht an die magische Kraft von Flüssen in Feindesland. Damaskus hingegen ist berühmt für seine Wasserwirtschaft, für seine Bäder und seine Bewässerungsanlagen.

Ihre Einstellung hat sich ja jetzt wohl geändert, wie man sich in gutunterrichteten Kreisen erzählt?

Naaman: Ich bitte Sie, darum geht es doch gar nicht. Wenn Sie es schon so genau wissen wollen: Das Ganze ist doch eine Frage des Macht: Wenn der Gott Israels mich heilt, dann werde ich ihn auch anbeten. So einfach ist das. Darum habe ich auch gleich Erde aus Israel nach Hause mitgenommen, um in Zukunft IHM opfern zu können. Natürlich muß man dann auch Kompromisse schließen: Mit meinem König zusammen muß ich dienstlich unserem Nationalgott Rimmón opfern - aber für mich gibt es nur noch den, den die Israeliten HERR nennen. Nun weiß ich, daß kein Gott ist in allen Landen, außer in Israel.

Und Geld hat dabei wirklich keine Rolle gespielt?

Naaman: Elisa wollte sich in der Tat nicht bezahlen lassen. Also gab ich einem seiner Diener Kleidung und Silber. Dieser Gehasi unterschlug die Sachen dann. Als Elisa das merkte, verpaßte er ihm meine Krankheit.

Er schickte ihm sozusagen die Pest an den Hals?

Naaman: Wortwörtlich. Aber das ist eine andere Geschichte...

Vielen Dank, Herr Naaman. - Soweit, liebe Gemeinde, der geheilte Aussätzige Naaman. Aber was haben wir davon - abgesehen von einer guten Geschichte? Wir können Aussatz ja heilen, etwa 150 EUR pro Patient reichen. Nun kommt da ja auch schon ein ziemliches Sümmchen zusammen - angesichts von 15 Millionen Leprakranken auf der Welt. Sollten wir da vielleicht auch wieder wie früher auf Wunderheiler vertrauen - besonders angesichts unseres zusammenbrechenden Gesundheitssystems: Ärzte gehen Pleite, wandern aus - und wir zahlen dennoch immer mehr für immer weniger Heilung? Es gibt Christenmenschen, die setzen wieder auf Wunderheiler. Lädt die uralte Geschichte nicht dazu ein?

Andererseits: Hegt man nicht falsche Erwartungen, wenn man Gott an die Stelle der Medizin setzt? Ich kenne da einen Mann in der Nachbarschaft, der ist Gott wirklich dankbar, daß seine Frau eine schwere Operation überlebt hat. Bloß: Was wird er sagen, wenn sie eines Tages stirbt? Wird er dann Gott und die Welt verfluchen?

Gewiß, es geht in der Erzählung schon um die Heilung eines Kranken. Aber das war der Feldherr Naaman - und der bin ich nicht. Und ich habe auch kein Jordanwasser. Und muß mir auch keines aus Lourdes besorgen. Alternative Medizin, selbst seriöse wie Homöopathie, ist hier nicht das Hauptthema. Worum geht es dann? Daß auch Mächtige mal krank werden? Das könnte zu Schadenfreude führen. Geht es vielleicht um die großherzige Slavin, die ihrem neuen Herrn helfen will? Das ist moralisch - aber auch nicht der entscheidende Punkt, weshalb die Erzählung zur biblischen wurde. Und auch nicht, daß hier ein Feldherr Gehorsam lernt, daß er - wenn auch widerstrebend - auf den Propheten einer fremden Macht hört.

Entscheidend ist vielmehr eine neue Gotteserkenntnis. Sie lautet: Der Gott Israels ist nicht nur zuständig für sein Volk, sondern auch für die anderen. Vorher galt: Betrat man ein anderes Land, war ein anderer Gott zuständig. Wie noch heute bei Behörden - erste und wichtigste Frage bekanntlich: —Sind Sie zuständig?ž - mußte man erst einmal die Zuständigkeitsfrage klären, bevor man betete. Allmählich aber erkennt Israel: Der EINE, unser Gott, ist der Gott aller. Und Menschen aus anderen Völkern erkennen das auch: Dieser EINE ist der Gott aller: —Nun weiß ich, daß kein Gott ist in allen Landen, außer in Israelž.

Wir wissen das doch schon längst, denken Sie jetzt vielleicht. Es kann doch nur einen Gott geben - und der wird in den verschiedenen Religionen eben mit verschiedenen Namen genannt: Allah, Jahwe, das Eine, die Macht, Mutter Natur - oder eben Gott. Aber das ist gerade nicht die Erfahrung, die Naaman gemacht hat: Er hat am eigenen Leibe erfahren, daß es der Gott Israels war, der sich auch um ihn kümmerte - den Fremden, den Feind.

Und aufgrund von Erfahrungen wie die, die Naaman machte, können wir den Glauben an den Gott Israels, der durch Jesus Christus auch unser Gott geworden ist, nicht für uns behalten. Der Gott, den Jesus seinen und unseren Vater nannte - der ist der eine und und einzige Gott. Wir können die anderen Religionen nicht mit großer Geste eingemeinden. Da werden andere Götter verehrt. Hinter anderen Namen verbergen sich eben auch andere Götter. Wieso?

Gott ist kein Ding, das man zählen kann: eins, zwei, drei oder so. Gott ist - zumindest nach Auffassung der Christen - nicht ohne seine Beziehung zum Menschen zu denken. Und da gibt es nun verschiedene Weisen des Gottes-Dienstes (oder eben des Götzendienstes). Zu dem einen Gott gehört auch die eine richtige Beziehung: die, die Gott durch sein Tun selber herstellt - und die gibt es eben nur durch Christus, durch seinen Heiligen Geist, der uns erwählt und glauben läßt. Gott selber stellt sie für einen bestimmten Menschen her, macht sich zu seinem Gott, wie er das gegenüber Naaman bewiesen hat - und das natürlich unabhängig von der Zugehörigkeit eines Menschen zu einem bestimmten Volk. Darum ist das Christentum nicht nur für Deutsche bestimmt, wie man manchmal hören kann. Darum ist der christliche Glaube vor Jahrhunderten überhaupt zu uns Deutschen gekommen. Hätten unsere Vorfahren damals gedacht: —Es gibt nur einen Gottž - dann wären sie nicht Christen geworden. Wozu denn auch? Wotan tut es dann doch auch - unter anderem Namen bloß.

Toleranz zwischen den Religionen bedeutet dann, daß wir uns gegenseitig zumuten, an durchaus verschiedene Götter zu glauben. Der Gedanke: —Es kann nur einen gebenž, kommt hingegen ohne Toleranz aus, braucht sie nicht: weil er ja alle Unterschiede leugnet und alles gleich macht. Was wäre da denn da zu tolerieren?

Der jüdisch-christliche Glaube hingegen weiß, daß seine Beziehung zum unergründlichen Geheimnis der Welt von diesem selbst gestiftet wurde. Von uns aus ginge das gar nicht. - Und das bezeugen selbst so kleine Geschichten wie die vom Feldherrn Naaman.
Amen.
 
 


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