Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Sonntag Septuagesimae über Mt 9, 9-13

Liebe Gemeinde!
Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. Na dann: Wie gehtŽs denn so, gesundheitlich, meine ich? —Man kann nicht genug klagenž. Oder: —Besser, aber nicht gutž. Oder: —Da muß man eben durchž. So oder so, Gesundheit - das ist ein weites Feld. So richtig gesund ist ja wohl keiner: Je feiner die medizinische Diagnostik wird, desto deutlicher wird uns das vor Augen geführt: Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. Also alle. Das Resultat: Die medizinische Versorgung wird immer teuer.

Versorgung, was heißt hier eigentlich noch —Versorgungž? Das ist solidarisch kaum mehr zu leisten - weil nicht mehr zu bezahlen. An die Stelle der —Versorgungž durch die Gesellschaft tritt die persönliche —Vorsorgež, die der Einzelne leisten muß. Bloß: Wie bekommt man die beste? Da muß man sich schon sehr sorgfältig überlegen, wie man sein Leben lebt; es ändert, so daß für die eigene Gesundheit Sorge getragen wird. Gewissenserforschung ist angesagt: Nicht nur das Skilaufen oder der Abenteuerurlaub sind infragegestellt (soll man das wirklich riskieren?) - Rauchen und Trinken sowieso - die ganze Einstellung zum Leben, zum Thema Gesundheit, steht gegenwärtig zur Debatte. Muß eigentlich jeder Abteilungsleiter das perfekte Gebiß haben - mit weißen Zähnen wie ein Hollywoodstar?

Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. Eben: In Wirklichkeit ist unsere Suche nach Gesundheit doch Ausdruck unserer Krankheit. Wir sind beim Thema Gesundheit so hochgradig sensibilisiert, daß man bei Zahnschmerzen am liebsten den Notarzt riefe und jeden gereizten Blinddarm in der —Schwarzwaldklinikž operieren lassen möchte. Als gesundheitsbewußt, ja gesundheitsbesessen wird unsere Gesellschaft beschrieben - gerade jetzt, da uns das Geld ausgeht, all die teuren Wünsche zu befriedigen. Wir sind eben krank. An dieser Diagnose führt kein Weg vorbei. Wir suchen Heilung. Wo ist Heilung?

Da bemüht man natürlich auch alternative Medizin, traditionelle einheimische, indianische und chinesische. Selbst der Glaube - wie immer man ihn auch versteht - wird zu Heilungszwecken eingesetzt. Und in der Tat, manche Mitmenschen berichten von Erfolgen. Hat Jesus nicht selbst gesagt: Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken? Damit hat er sich doch als Heiler ins Spiel gebracht - obgleich der Satz im Zusammenhang sicher auch bildlich gemeint ist, mehr noch meint als bloß körperliche und geistige Gesundheit.

Gesundheit an Leib und Seele jedenfalls - in der Tat, schon für diese Frage sehen sich seit alters auch die Religionen zuständig: Der berühmte hippokratische Eid der Ärzte steht im Zusammenhang mit ihrem Dienst für die Götter: —Ich schwöre bei Apollon dem Arzt, Asklepios und Hygeia und Panakeia und rufe alle Götter und Göttinnen zu Zeugen an, dass ich nach bestem Vermögen und Urteil diesen Eid und diese Verpflichtung erfüllen werde.ž (Damals galten sie noch nicht selbst als die —Götter in Weißž.) Und eben auch Jesus ist im Dienst seiner Botschaft vom nahen Reich Gottes als Heiler aufgetreten, hat Menschen gesund gemacht - selbst da, wo es gar nicht um Medizin im engeren Sinne geht, wie in der kleinen Episode, die wir heute als Predigttext gehört haben:

Jesus sah einen Menschen am Zoll sitzen, der hieß Matthäus; und er sprach zu ihm: Folge mir! Und er stand auf und folgte ihm. Und es begab sich, als er zu Tisch saß im Hause, siehe, da kamen viele Zöllner und Sünder und saßen zu Tisch mit Jesus und seinen Jüngern. Als das die Pharisäer sahen, sprachen sie zu seinen Jüngern: Warum ißt euer Meister mit den Zöllnern und Sündern? Als das Jesus hörte, sprach er: Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. Geht aber hin und lernt, was das heißt (Hosea 6,6): »Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer.«  Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten.

Eigentlich geht es hier um die Berufung eines Jüngers aus dem Kreis der verachteten Zöllner - und im Zusammenhang damit um eine gesellschaftlich-religiöse Streitfrage: Darf ein frommer Mann, ein Prediger, ein Rabbi mit Menschen Gemeinschaft haben, die als Sünder aus der Gemeinschaft der Synagoge ausgeschlossen sind, beispielsweise mit den mit der römischen Besatzungsmacht kollaborierenden Steuerpächtern und Zöllnern? Wo ist das Problem?

Nicht genug damit, daß die in die eigene Tasche wirtschaften, sie geben sich auch dauernd mit Heiden ab. Damit sind sie Hindernisse, ja Feinde für das Kommen Gottes. Ein gesetzestreuer Jude sollte mit solchen Leuten keine Gemeinschaft haben. Jesus aber tut genau das, er ißt mit ihnen, hält Tischgemeinschaft. Und Tischgemeinschaft - die ist wie Gottesdienst, beginnt das Essen ja mit dem Segensgebet. Damit provoziert Jesus seine Mitmenschen gewaltig.

Seine Begründung ist zunächst aber noch zurückhaltend, traditionell. Es geht um Barmherzigkeit, um die Rettung der Sünder: Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten. Bildlich gesprochen: Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. Uns provoziert das allerdings nur noch wenig. Wir haben ja keine Vorurteile, wir sind für Minderheiten und Ausgestoßene. Da haben wir doch längst keine Berührungsängste mehr, Jesus sei Dank.

Mal abgesehen von der Frage, ob das wirklich so ist, ob wir uns da nicht was vormachen (jedenfalls hat noch in meiner Jugendzeit der Pfarrer lieber seine Frau mitgenommen, wenn er mit den Mädchen in der Stahlstraße sprach, dem Bochumer Rotlichtviertel, und ich meide das —Ritterstüblž, weil ein lieber, mittlerweile verstorbener Kollege dort zu häufig gesessen hat) - es fällt schwer, für die damalige Provokation Jesu ein Beispiel aus der Gegenwart zu finden. Wir sind wie ja vernarrt in alle möglichen Minderheiten. Außenseiter - willkommen! Zu Parties der Schönen und Reichen werden die —Luderž bewußt eingeladen, um etwas Pep in das Ganze zu bringen - nur bei Kinderschändern, da hört der Spaß auf.

Nur mühsam finde ich ein vielleicht noch passendes Beispiel: Vor 30 Jahren, als Bischof Scharf die verurteilten Terroristen in ihrer Zelle in Tegel besuchte, sind noch große Teile der Berliner Bürger im Protest dagegen aus der Kirche ausgetreten - ein Aderlaß, dessen Folgen wir heute noch merken - aber: Die Terroristen waren bei den Bürgern vielleicht so verachtet wie die Zöllner zur Zeit Jesu, sie hatten aber auch ihre Sympathisanten, anfänglich selbst in Teilen der Kirche. Auch waren die Zöllner zur Zeit Jesus alles andere als Verfolgte, sie gehörten zu den Reichen und Mächtigen.
Vielleicht wirkte Jesu Verhalten damals eher so wie das meines Freundes Martin: Da nehmen die Mansfelder Arbeiter nämlich Anstoß, wenn der Herr Pfarrer eine Einladung zum Essen annimmt bei dem nach der Wende zurückgekehrten Adeligen, dem Nachfahren der alten Herren. Den muß man doch immer noch ächten. Zu solch feinen Leuten sollte der Pfarrer sowieso nicht gehen - hält er sich etwa für was Besseres?

Aber war Jesus sich denn zu fein für die feinen Leute? Unsinn. Er hatte doch auch Umgang mit Pharisäern. Darum: Selbst, wenn der Salzburger Weihbischof sich beim Wiener Bauunternehmer Richard Lugner, genannt —Mörtelž,  zum Essen einlädt (das ist der, der jedes Jahr mit einem Promi zum Opernball geht, in diesem Jahr mit Paris Hilton), obwohl er den doch gerade für exkommuniziert erklärt hat, weil der ein Einkaufszentrum mit einer Abtreibungsklinik eingerichtet hat - selbst dann nähme man doch an, er wollte ihm nur - sozusagen dienstlich - ins Gewissen reden.

Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten. Tja, das Verhalten Jesu läßt sich schwerlich auf heute übertragen. Vielleicht würde Jesus sich ja zu den —Normalosž setzen, zur Familie mit den zwei Kindern, die gesellschaftlich zwar zahlt, draufzahlt - aber nicht zählt. Keine Kamera beachtet sie, kein Sozialarbeiter wird für sie losgeschickt, kein Streetworker. Wie langweilig - das wäre doch keine Provokation, käme Jesus zu ihnen.

Eben, liebe Gemeinde, der wahre Grund für die Schwierigkeit, einen aktuellen Vergleich zu finden, ist der, daß schon Jesus sich hier weniger provokativ als vielmehr programmatisch verhält. Und damit geht er über die sein Verhalten begründenden Worte - Barmherzigkeit und Einladung zur Umkehr - hinaus. Das Kommen des Reiches Gottes schließt auch seine Feinde ein, es überrollt sie sozusagen mit Gottes zuvorkommender Liebe. Jesus demonstriert ungebührliches Verhalten, den Bruch mit den geschriebenen und ungeschriebenen Gesetzen, weil sie überholt sind, überholt durch das Kommen von Gottes Herrschaft. Feindesliebe - die beweist Gott zuerst.

Darum: Wenn Gott kommt, dann gelten die ängstlichen alten Regeln nicht mehr, die Regeln der Trennung der Reinen von den Unreinen. Die Sorge, man könnte sich gewissermaßen —ansteckenž - frei nach dem alten Dichterwort (auch Paulus zitiert es) —schlechter Umgang verdirbt die Sittenž - diese Sorge ist wie weggeblasen. Jesus kommt - und mit ihm Gottes Herrschaft. Da sitzen alle an einem Tisch - die Schwachen und die, die sich für stark halten.

Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. Mit diesem Bildwort teilt Jesus die Menschen nämlich nur vorläufig-vordergründig in zwei Gruppen ein: Angesichts des Kommens Gottes kann sich nämlich keiner von uns zu den Gerechten zählen, bildlich gesprochen: zu den Gesunden. Medizinisch wissen wir das, davon sprachen wir anfänglich, nun hören wir auch noch die Diagnose des Arztes Jesus: Ihr seid Sünder allesamt.

Jesus - der Arzt. Wie bei jedem Arzt geht auch seiner Diagnose die Anamnese voraus, die Krankengeschichte. Das Prophetenzitat fragt danach: Lernt, was das heißt (Hosea 6,6): »Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer.« Unsere Barmherzigkeit ist gefragt - wie steht es damit? Ein beständiges Auf und Ab - wie eine Fieberkurve. Mal richten wir uns nach Gottes Willen, mal nicht. GZSZ - gute Zeiten, schlechte Zeiten: Sünderzeiten. Solcher Anamnese folgt die Therapie: die Aufnahme in die Tischgemeinschaft Jesu.

Das Beste aber kommt noch, kommt zum Schluß: Wenn uns dereinst die Rechnung präsentiert wird, die Rechnung für unser Leben, für das Gelungene und das Falsche - dann werden wir feststellen: Sie ist schon bezahlt. Jesus hat uns eingeladen. Da werden manche überrascht sein.

Jesus - ein Arzt, der sein Honorar selber zahlt. Gute Versorgung. Und selbst die Vorsorge übernimmt er für uns: Der Ruf in die Nachfolge Jesu, wie er dem Gottesfeind Matthäus galt, gilt ja auch uns. Und wer ihn hört, der weiß schon jetzt, daß alles bezahlt ist. Das nenne ich eine wirklich gute Vorsorge.
Amen.
 
 


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