Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Sonntag Judika über Mk 10, 35-45

Liebe Gemeinde!
"Ihr wißt, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an." Wenn jetzt nur dieser Ausspruch Jesu vor unseren Augen wäre - was bliebe uns anderes zu tun, als grimmig zu nicken: Ja, genauso ist es? Der Kampf um Bagdad, er beweist es mal wieder: Die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. Jesus aber spricht noch weiter: Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein. Wie meint er das?

Dienen statt herrschen oder dienen, um zu herrschen? Der Knecht als die Nummer 1? Ist auch das nicht längst Wirklichkeit? Wenn in einer Firma die Putzfrau die Stimmung bestimmt, kann der Chef noch so eindrucksvoll an seinem großen Schreibtisch sitzen - die wirkliche Macht hat er nicht. Welche Macht haben dagegen Pflegerinnen und Krankenschwestern, Sekretärinnen, Sachbearbeiter, Hausmeister.... - besonders Hausmeister, mit ihrer Schlüssel-Gewalt! Und die sich mit ihrem Dienen unentbehrlich machen, können die anderen so abhängig machen, daß letztlich das Verhältnis von Dienen und Herrschen in der Tat umkippt. Trotzdem erleben sie sich selbst meist als ohnmächtig. Der Einzelne ein Knecht, ein Befehlsempfänger, ein Rädchen im Getriebe - und offensichtlich doch jemand, der den Mechanismus der Machtausübung in Schwung hält.

Herrschen und Dienen scheinen voneinander abhängig zu sein. "Warum sind Sie im Irak?" wurden die gefangenen amerikanischen Soldaten vor der Kamera gefragt. "Wir gehorchen Befehlen...". Schon der Alte Fritz verstand sich als Erster Diener seines Staates - was ihn nicht hinderte, Macht auszuüben. Heute herrschen Minister - Diener - und sind als Politiker abhängig von Umfrageergebnissen - oder machen sie sich davon abhängig? Geht das überhaupt, reines Dienen? Ist Dienst nicht immer auch Herrschaft?

Bei Bertold Brecht hat der Herr Puntila seinen Knecht Matti - der Knecht Matti macht seinen Herrn zum Knecht. Sind die Grenzen von Herr und Knecht mittlerweile unsichtbar geworden - doch ohne das das Problem von Macht und Machtmißbrauch, von Gewalt und Herrschaft dadurch gelöst wäre?

Laut Grundordnung der EKiBB ist jedes Amt der Leitung Dienst. Aber wie dient man als Leitender, ohne daß das purer Etikettenschwindel wird? Altbischof Kruse meinte gegen Ende seiner Amtszeit, Kirchen-leitung sei unter den heutigen Verhältnissen beinahe unmöglich, weil die, die da leiten sollen, verbal von allen Seiten Prügel beziehen, sobald eine Entscheidung auch nur einem nicht in den Kram paßt. Er wünschte sich damals, selbst auch nur einmal so reagieren zu dürfen, wie das bei anderen an der Tagesordnung sei: Man verweigert sich, bleibt zu Hause, tritt aus. Heute hingegen hat sich der Ton der Kirchenleitung verschärft: Als ein Kollege aus Prenzlau in der Tageszeitung einen kritischen Leserbrief gegen die Politik der USA schrieb (Überschrift: "Ich bin kein Amerikaner.") wurde er ins Konsistorium einbestellt und öffentlich bloßgestellt. Sein Pech war, daß er den Leserbrief nicht etwa heute geschrieben hatte - dann hätte er zu den 80% der Kriegsgegner gehört - sondern schon vor anderthalb Jahren, gleich nach dem 11. September. Da war unsere Leitung noch anders eingestellt.

Liebe Gemeinde, was geschieht da eigentlich? Ist das Verhältnis von Herrschen und Dienen völlig aus den Fugen geraten - in Staat und Kirche? Oder können wir so schlecht dienen, weil unsere Leitenden so hilflos und orientierungslos geworden sind, sich nach den politischen (Mehrheits-)Verhältnissen strecken? Wie können wir dann das heutige Wort Jesu überhaupt noch sinnvoll beherzigen?

Jesus sprach ja zunächst nur von sich selbst: Der Menschensohn kommt nicht als Herrscher daher, sondern als Diener, d.h. er leidet und stirbt - was uns zu gute kommt. Sein Tod ist wie die Zahlung eines Lösegeldes. Darauf kommen alle frei. Aber trotzdem hat auch ihr Lebensweg Ähnlichkeit mit dem Weg Jesu, ist er ein Weg des Dienens: Sie müssen den Becher des Martyriums trinken, die (Blut-)Taufe des Sterbens für Jesus erleiden. Allerdings hat ihr Leiden keinen Verdienstcharakter mehr: Sie sind ja frei, das Lösegeld ist ein für allemal gezahlt.

Das war in der Tat der Lebensweg vieler Jünger in den jungen Gemeinden. Später war es zwar nicht mehr so, daß die Christen für ihren Glauben sterben mußten, aber zu leiden hatten sie immer wieder mal. Unter dem Eindruck der Worte Jesu vom Dienen und seines Schicksals kam es dabei zu einer Neubewertung des Leidens: Leiden ist kein Zeichen mehr dafür, von Gott verworfen zu sein, gestraft zu sein für seine Sünden - Leiden ist Zeichen der Nachfolge, der Erwählung. Der Gerechte muß viel leiden.

Aber hier stellt sich in der Tat die Möglichkeit des Mißbrauchs ein: Nicht jeder, der leidet, ist gerecht. Die Bereitschaft, zu den Schwachen und Kleinen zu gehören, zu denen, die dienen, ist nur ein notwendiges, kein hinreichendes Kriterium für die wahre Nachfolge Jesu. Konkreter: Dienen ist kein Selbstzweck. Man kann den falschen Herren dienen oder als Diener zum heimlichen Herrn werden. Die christliche Tugend des Dienens - die in vielen Ländern zu wirtschaftlich erfolgreichen und starken Dienstleistungsgesellschaften beigetragen hat - kann mißbraucht werden, die dahinterstehenden religiösen Einstellungen werden zu Markte getragen. Mormonen beispielsweise sind von ihrer religiösen Einstellungen her aktiv, engagiert - und gesund: Sie rauchen und trinken nicht. Im Wettbewerb um einen Arbeitsplatz hat man in den USA darum als Mormone Vorteile. Dienen lohnt sich. Aber hat Jesus das gemeint?

Liebe Gemeinde, ich befürchte: Den Mißbrauch des guten christlichen Gedankens vom Dienen werden wir weder im Staat noch in der Kirche abstellen können - so daß weiterhin andere an unserem Dienen verdienen und leichter und erfolgreicher herrschen können. Aber wir sollten versuchen, unser Dienen nicht in das Schema von Befehl und Gehorsam zwischen Herr und Diener allgemein zu bringen, sondern unser Dienen immer auf den Gehorsam gegenüber dem einen Herrn beziehen. Denn mein Dienst ist nicht dasselbe wie Christi Dienst. Mein Dienen ist nicht so wichtig. Mein Dienst ist kein Heilsweg. Christlich ist Dienst nur, wenn er auf dem Weg der Nachfolge Jesu bleibt, Gottes Herrschaft dient. Der Weg der Nachfolge Jesu allerdings ist nicht immer identisch mit dem behördlichen Dienstweg.

In Tschechien hat es in den letzten Wochen fünf Fälle von Selbstverbrennungen junger Leute "aus Verzweiflung über den Zustand der Welt" (Zitat aus einem Abschiedsbrief) gegeben, so daß der Staatspräsident sich genötigt sah, in einem Appell zu erklären, niemand müsse sich in einer Demokratie verbrennen, um seine Meinung zum Ausdruck zu bringen. Was aber, wenn die Verzweiflung über die unterdrückende Macht von Zentralregierungen überhand nimmt - nicht nur bei jungen Leuten? Welcher Dienst ist dann angebracht?

Die beste Methode, den rechten Dienst zu ermitteln, ist die immer wieder neue Besinnung, ja der beständige Streit darüber, was denn nun wirklich dem Evangelium dient - das können wir unseren Oberdienern nicht ersparen, Kanzler und Bischöfe müssen damit leben. Etwas Besseres zur Lösung von Problemen haben wir noch nicht gefunden. Die Alternative wäre, dem "Knecht der Knechte Gottes" zu gehorchen. Wer das ist? Es ist einer der Titel des Bischofs von Rom, besser bekannt als der Papst. Wenn einer den Titel "Knecht der Knechte Gottes" zu tragen berechtigt ist, ist das Jesus Christus selbst. Er diente unserer Versöhnung mit Gott.

Damit das aber nun ein fruchtbarer Streit wird, der Streit ums rechte Dienen - und kein furchtbarer - brauchen alle Beteiligten die christliche Gelassenheit und das Wissen, daß eben jeder dem Herrn auf seine Weise dient: die Leitenden und die Geleiteten. Mutiges Leiten und mutiges Dienen ist nötig - aber ohne Rechthaberei, ohne Wettbewerb, wer den der beste Diener sei. Doch das scheint unaufhebbar zu sein - wie der Rangstreit unter den Jüngern zeigte, die schon vor seinem Leiden die Ministerposten im Paradies verteilen wollten. Wie war das im heutigen Evangelium? Jakobus und Johannes wollten die Ehrenplätze zur Rechten und Linken Jesu, die anderen haben sich darüber geärgert. Jesu läßt sie alle mit ihren Wünschen abblitzen, verweigert sich ihren Ansprüchen und geht in die Offensive: Ihr wißt, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. So ist es. Aber so ist es unter euch nicht... Leider doch.

Ein alter katholischer Witz - Achtung: kein Brüller, einer zum Nachdenken, ein Wortspiel - erzählt von zwei seit Jahrhunderten um den rechten Dienst für den Herrn rivalisierenden Orden, Dominikanern und Jesuiten. Sagt ein Jesuit zum Dominikaner - scheinbar um Versöhnung bemüht: "Es dient eben jeder von uns dem Herrn auf seine Weise, Sie auf die ihre und wir - auf die Seine."

Beenden wird den Streit erst der Herr selbst - auf seine Weise, als Richter über unsere Taten. Judika! Richte, Herr! Schaffe Recht!
Amen.
 
 


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