Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am 1. Sonntag im Advent über Lk 1, 67-79

Liebe Gemeinde!
Gott kommt - subito. Subito - was heißt das? Ich erinnere mich an leidige Urlaubserlebnisse in Italien: Immer wenn ich endlich erfolgreich einen Kellner herbeigewinkt hatte, meine Bestellung losgeworden war und die mit dem Wort subito (zu deutsch: sofort) kommentiert worden war, immer dann, ja dann hat es echt lange gedauert, bis der Cappucino endlich kam... Aber gekommen ist er immer.

Auch der Evangelist Lukas erzählt eine Geschichte vom Kommen, die vom Kommen Jesu. Und er erzählt das Kommen Jesu so, daß Menschen dabei eine Rolle übernehmen müssen. Sonst funktioniert die Geschichte nicht. Aber es ist trotzdem kein menschlich inszeniertes Spiel, da lauert auch keine «versteckte KameraŽ, sondern es handelt sich um ein von Gott her inszeniertes Stück Welttheater, das auf der Bühne meines eigenen Lebens spielen will. Sofort - oder eben italienisch verzögert: Subito. Wie ist das gemeint?

Das Drama beginnt mit einer längeren Vorgeschichte, ganz nach biblischer Art, voller Anspielungen auf die Geschichte des Volkes Israel. Ein frommes Ehepaar, der Priester Zacharias, von der Ordnung Abija, also von ziemlich weit unten, bloß Rang 8 in der Hierarchie (bloß zwei Wochen Tempeldienst im Jahr) und seine Frau Elisabeth, aus dem Priestergeschlecht der Aaroniten, mit Kinderlosigkeit geschlagen, bekommen im hohen Alter noch ein Kind - wie einst Abraham und Sara. Zacharias hat es daraufhin die Sprache verschlagen. Er verstummt - aber nicht wie schon mal Pavarotti, sondern er verstummt, von Gott dafür gestraft, daß er der Botschaft des Engels keinen Glauben schenkte, der Botschaft vom Kommen eines außergewöhnlichen Kindes.

Das Kind wird geboren, da löst sich Zacharias die Zunge. Bei der Feier der Beschneidung des Kindes stimmt er ein Lied an, einen Lobpreis auf das Handeln Gottes:

Gelobt sei der Herr, der Gott Israels! Denn er hat besucht und erlöst sein Volk und hat uns aufgerichtet eine Macht des Heils im Hause seines Dieners David...

Wir haben dieses Lied als Predigttext gehört, ein Lied vom rettenden Handeln Gottes: Gott kommt und rettet sein Volk. Er wird endlich seine Verheißungen an Abraham wahrmachen: lange erwartet, endlich angekündigt, bald ist er da, der Besucher - wann? —Ich komme - subito.ž Wahnsinn! Wie Worte finden? Wortfetzen rufen alte Hoffnungen auf. Worte sind zu wenig, Lobrufe brechen aus Zacharias hervor. Alles wird gut, endlich, und das macht Gott durch seinen Boten. Das Kind mit Namen Johannes - bald Wegbereiter des Höchsten. Ist Gott also auch schon da? Oder kommt er erst noch? Hat sein Handeln nicht schon begonnen, als Zacharias wieder reden konnte? Oder zuvor, als der Engel kam? Jedenfalls deutet das Loblied des Zacharias das Wirken des Johannes - und weist voraus auf Jesus Christus. Er ist das Licht, das —aufgehende Licht aus der Höhež, das uns besucht hat - wie im Osten die Sonne aufgeht.

Licht ist in der Sprache der Bibel Gottes erstes Geschöpf: —Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht.ž (1. Mose 1, 3) Licht ist aber auch - besonders in der Dichtung der Psalmen - ein Bildwort für Gott selbst: —Der Herr ist mein Licht und mein Heil.ž (Ps 27, 1) Licht wird ein von der Bibel bevorzugter Vergleich für das, was von Gott kommt und beim Menschen ankommt. Licht ist also ein treffender Ausdruck für Gott, wie er unserer Welt nahe ist. Licht verbindet Gott und Mensch. Aus der —Höhež, dem Raum Gottes, kommt es und besucht uns.

Das Johannesevangelium bringt den Lichtvergleich auf den Punkt und spricht im Zusammenhang mit der Sendung Jesu davon, —daß das Licht in die Welt gekommen ist.ž (Joh 3, 19) Uns ist also in Jesus Christus ein Licht aufgegangen, Gottes Licht. In seinem Licht erst können wir sehen - auch das Dunkel. Zwar ist der tröstliche Spruch wahr, daß alle Finsternis der Welt nicht ausreicht, das Licht einer einzigen Kerze auszulöschen, aber auch seine Umkehrung: Erst im Schein einer Kerze nehmen wir die Finsternis als Finsternis wahr (gestern zu erleben: Stromausfall).
Schon die Alte Kirche betete den Lobgesang des Zacharias alle Morgen - im Wissen darum, daß Jesus Christus uns besucht hat wie das am Morgen im Osten aufgehende Licht und wiederkehren wird als das Licht, das die Finsternis endgültig vertreibt. Seitdem hat die Kirche nicht aufgehört diesen Lobgesang zu beten und zu singen - ein Lied geht um die Welt. Besonders in Zeiten der Verfolgung hatten die Christen dadurch den Trost vor Augen: Christus wird kommen, bald - oder eben: subito.

Und genau in dieser Absicht erzählt der Evangelist Lukas diese Geschichte vom Kommen Gottes wie ein Drama, in dem wir eine Rolle spielen, die Rolle unseres Lebens. Wir übernehmen unseren Part, indem wir wie Zacharias das Lob Gottes verkünden, der sein Volk besucht hat. Zacharias —wurde vom heiligen Geist erfülltž, sagt Lukas. Und jetzt gehtŽs los - das ist seine Botschaft. —Ja, ist denn heut scho Pfingsten?ž Ja. Darum blicken auch wir nicht wie Zuschauer zurück auf eine alte mysteriöse Geschichte, sondern wir spielen mit - und zwar live. Die Geschichte geht weiter als unsere Geschichte - wie eine Botschaft, die von Mund zu Mund, von Hand zu Hand geht. Hängt nicht alles davon ab, ob wir dabei mitspielen? Wir jedenfalls haben diese Aufgabe, die Aufgabe des Kellners - so daß auch andere ihre Chance bekommen können, die Rolle ihres Leben zu spielen: Menschen auf das große Kommen Gottes vorzubereiten, darauf, daß der Messias Jesus alle seine Verheißungen erfüllt. Gott sei Dank, der uns mit dem heiligen Geist erfüllt hat, so daß wir das Lied vom Kommen Gottes sprechen können, statt stumm zu bleiben. Ein Lied ging um die Welt - es geht immer noch um die Welt. Jetzt gehtŽs los! - Darum soll das Lied vom Kommen Gottes noch einmal in unserer Kirche erklingen. Erklingen? Dazu brauchen wir unseren Kantor. Lassen wir ihm ganz schnell eine Nachricht zukommen - nicht die große Botschaft vom Kommen Gottes in Jesus, sondern unsere Bestellung: —Herr Kantor, bitte kommen Sie und singen Sie mit uns das Lied vom Kommen Gottes in Jesus!ž (Welche Bankseite ist schneller? oder die Kinder?)

Und wann kommt Gott denn nun endlich, um alle seine Verheißungen wahrzumachen? Bald? Kann sein. Kann aber auch sein, daß wir noch lange warten müssen. Egal: eben Subito. Amen.
Amen.
 
 


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