Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt im Taufgottesdienst am 4. Sonntag nach Trinitatis über Joh 8, 3-11

Liebe Familie Horn, liebe Gemeinde!
Vor der Feier der Taufe hat sich im heutigen Evangelium Jesus auf eine Weise zu Wort gemeldet, die nachdenklich macht - in mancher Hinsicht. Ich meine natürlich die Szene mit der Ehebrecherin. Auf den ersten Blick kein Text für die Feier der Taufe, nicht gerade jugendfrei, sex and crime eben. Bloß: Ehebruch - kann man das heutzutage eigentlich noch so nennen, ohne gegen die Regeln politischer Korrektheit zu verstoßen? - als da sind: Wieso steht hier die Frau im Mittelpunkt der Anklage - und nicht auch der Mann? Selbst im sogenannten —Gesetz des Mosež, auf das man sich hier beruft, heißt es ja: —Wenn jemand die Ehe bricht mit der Frau seines Nächsten, so sollen beide des Todes sterben...ž Beide also. Und: Wieso denn gleich die Todesstrafe? Das ist doch eine Privatsache, nur eine Angelegenheit zwischen den Beteiligten. Was mischt sich da überhaupt das Gesetz ein, und dann auch noch das religiöse? Die Kirche im Schlafzimmer? Wir sind doch nicht im Mittelalter! Und dann auch noch Steinigung: Wir leben doch nicht Anatolien!

Das hat sich wohl auch der junge Marco gedacht, als er sich nach einem angeblich normalen Urlaubsflirt in einem türkischen Gefängnis wiederfand. Und seitdem sitzt die halbe Welt über ihn zu Gericht: Die einen klagen ihn an, die anderen sprechen ihn frei. Da hätten wir einen aktuellen Fall, den die Pharisäer von heute Jesus zur Entscheidung vorlegen könnten. Was würde Jesus wohl dazu sagen? Marcos Fall hat zwar nichts mit Ehebruch und auch nichts mit vermeintlich mittelalterlicher türkischer Justiz zu tun - aber auch nichts mit —aber das ist doch bloß Privatsachež. Er zeigt vielmehr, wie sehr wir Menschen uns bei all unserem Tun in Probleme verstricken, allgemeiner gesagt: daß unsere Taten Folgen haben, mit denen wir nicht gerechnet haben.

Und das geht nicht nur jungen Leuten so. Es sind nicht immer gleich die großen Gesetze, mit denen wir in Konflikt geraten - viel häufiger ist der Fall, daß wir es zu spüren bekommen, wenn wir nicht wie erwartet funktionieren, besonders, wenn es um Beziehungsprobleme geht. Das ist dann wie Krieg-führen. Denn es ist ja nicht wahr, daß wir heutzutage —nicht mehr so sindž. Vielleicht schmeißen wir nicht gleich mit Steinen, aber auch mit Worten (oder durch Schweigen) kann man jemanden fertigmachen. Und was hätte Jesus dazu gesagt?

Werfen wir noch einmal einen kurzen Blick auf die Szene, die Johannes schildert: So realistisch sie wirkt, um einen richtigen Prozeß geht es hier nicht, auch nicht um den berüchtigten kurzen Prozeß - als müßte man damit rechnen, daß hier wirklich gleich die Steine fliegen. Dazu fehlen - wie gesagt - der Mann und auch die Zeugen. Vielmehr geht es um Jesus. Seine Einstellung wird getestet. Jesus weicht zunächst aus. Er —schrieb auf die Erdež heißt es. Was hat er da geschrieben? Darüber hat man viel spekuliert. Hat er nur etwas gekritzelt, wie das kleine (und große) Kinder beim Spielen tun, hat er das Gebot des Mose im Wortlaut geschrieben - in dem (wie gesagt) ja auch vom Mann die Rede ist - oder was? Man weiß es nicht. Wir hören von Johannes nur den Spruch, der bei uns zum geflügelten Wort geworden ist: —Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.ž Eine geniale Antwort - aber ausweichend, unbestimmt. Was besagt sie eigentlich? Die Menschen sehen sich zwar ertappt, durchschaut, dabei hätte ein frommer Pharisäer aber - keineswegs ein Fanatiker - sich in der Tat berechtigt sehen können, den —ersten Steinž auch wirklich zu werfen.

Ein dogmatischer Witz aus katholischen Kreisen spinnt die Geschichte deshalb weiter. Sie geht so: Jesus wendet sich ab, die ersten Leute gehen. Auf einmal rumpelt es ganz fürchterlich. Ein großer Felsbrocken wird herangerollt, fliegt durch die Luft - und macht die arme Frau platt. Jesus sieht auf und sagt: —Aber Mutter...ž (Maria hat nach katholischer Auffassung bekanntlich ohne Sünde gelebt.)

Wir hätten das in der Situation vielleicht nicht getan, was der Witz Maria da unterstellt - aber auch wir fühlen uns doch eher unschuldig, permanent als unschuldige Opfer der Verhältnisse und geben lieber anderen die Schuld. Warum also nicht Steine werfen - oder wenigstens die Frau mit Worten fertigmachen? Das machen wir doch sonst auch - uns gegenseitig anklagen, beurteilen, verurteilen...

Was macht Jesus nun, was macht er wirklich? Jesus aber richtete sich auf und fragte sie: Wo sind sie, Frau? Hat dich niemand verdammt? Sie antwortete: Niemand, Herr. Und Jesus sprach: So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr. Hm, alles klar? Hat er das Verhalten der Frau damit im Nachhinein legalisiert? (Er verdammt ja sie nicht.) Andererseits: Sünde nennt er ihr Verhalten doch. Was also macht Jesus hier, was macht er wirklich??

Jesus hält die Strafe auf. Er gibt der Frau eine Chance. Er begnadigt sie. Er hebt nicht das Gesetz auf, sondern er erläßt die Strafe. Und damit wächst die Szene über das Thema Ehebruch weit hinaus. Sie erzählt, was Gott in Jesus für uns bedeutet: Gott setzt die Strafe aus, er begnadigt uns. Damit ist zunächst gesagt, daß wir Strafe verdient haben. Schon das wird nicht allen gefallen, besonders jenen nicht, die immer Gott die Schuld dafür geben, daß diese Welt kein Paradies ist, sondern voller Leid und Elend. —Wie kann Gott das alles bloß zulassen?ž, stöhnen sie und wollen nicht auf die biblische Botschaft hören, daß wir Menschen es sind, die wir uns von Gott abgewandt haben. Das ist die schlechte Nachricht, das mit der Strafe. Noch weniger Menschen wollen dann allerdings die Gute Nachricht hören. Die lautet: Gott hält die Strafe auf. (Und warum wollen sie das nicht hören? So viel Begnadigung könnte schlecht sein für die Moral...)

Gewiß, wir könnten deshalb natürlich auch all das Leid der Menschen als Strafe Gottes verstehen, aber wenn wir die Gute Nachricht, das Evangelium, an uns heranlassen, dann mag das zwar schädlich sein für die Moral, aber dann wissen wir, daß uns auch all das Leid nicht von Gott zu trennen braucht, daß Leiden kein Anzeichen ist, daß wir von Gott verdammt sind. Leiden ist - christlich gesehen - nur noch Leiden, kein Fluch mehr. Natürlich ist das schlimm genug, besonders wenn es um Beziehungen und das Leiden daran geht. Davon können wir wahrlich ein Liedchen singen. Das alles kann in die Nähe des Todes führen, das ist wie sterben - aber niemand braucht mehr daran zugrundezugehen. Das Gesetz - das Gesetz des Mose, das deutsche StGB oder auch das türkische - mag ihn anklagen und verurteilen - aber sein Leben hat der Verurteilte nicht verwirkt. Jesus hält die Strafe an. Am Kreuz hält er sie sogar aus. (Aber das ist ein anderes Thema.)

So öffnet uns diese kleine Geschichte von heute morgen neue Wege, Auswege aus Verstrickungen - weil Jesus die Strafe anhält. In unserer Bibelausgabe hat sie die Überschrift —Jesus und die Ehebrecherinž. —Jesus läßt lebenž - das wäre die passendere, weil allgemeinere Überschrift. (Aber auch in der Bibel kommen sex and crime wohl besser an.) Die Folge fürs praktische Leben jedenfalls: Christen können zu dem stehen, was sie getan haben - ohne befürchten zu müssen, gesteinigt zu werden.

Valeries Taufspruch bringt diese Gute Nachricht von den neuen Wegen für den Sünder auf den Punkt: Wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan. So eröffnet Gott neue Wege.

Das bringt uns zur Taufe. Sie bringt uns mit Jesus zusammen, mit seinem Leben und führt uns auf seine Wege. Die führen durchs Leid. Aber sie enden dort nicht. Wasser statt Steine, Leben statt Tod. Gut so.
G. Amen.
 
 


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