Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Sonntag Lätare über Joh 6, 47-51

Liebe Gemeinde!
—Jesus? Ist das was zum Essen?ž Diese Frage soll ein Schüler in seiner ersten Stunde Religionsunterricht gestellt haben. Ich weiß nicht, ob das wirklich passiert ist oder nur gut erfunden - ich weiß nur, daß Jesus im Evangelium des Johannes diese zunächst absurd erscheinende und totale Unkenntnis zeigende Frage mit Ja beantwortet. Jesus spricht: Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist. Wer von diesem Brot ißt, der wird leben in Ewigkeit. Und dieses Brot ist mein Fleisch, das ich geben werde für das Leben der Welt.

Jesus - ein Brot? Wie das? —Bernd das Brotž - das kennen manche von uns, diese Fernsehfigur aus dem Ki.Ka, die das Leben mit coolen Sprüchen kommentiert. (Kurze Information für die, die —Bernd das Brotž noch nicht kennen: Bernd ist eine Comicfigur, ein Kastenweißbrot mit viel zu kurzen Armen und meist völlig deprimiert. Bernd hat einen fatalistischen Charakter und seine Lieblingsbeschäftigungen bestehen darin, zu Hause seine Südwand anzustarren, das Muster der Rauhfasertapete auswendig zu lernen, seine Lieblingszeitschrift Die Wüste und du zu lesen oder seine Sammlung der langweiligsten Eisenbahnfahrtstrecken auf Video zu erweitern. Sehr häufig und geradezu inbrünstig verwendet er den Ausdruck: —Mist!ž Bernd gehört nach eigenen Aussagen zur Gattung des —homo brotus depressivusž (—depressiver Brot-Menschž). Bernd das Brot hat viele erwachsene Fans gefunden und auch viel Medienaufmerksamkeit erhalten. 2004 wurden die Sendungen mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet. Während Bernd für seine Fans Kultstatus erreicht hat, kritisieren andere das Ganze als Blödelei, mit der sie wenig anfangen können. Aber gestern beispielsweise warnte Bernd vor der Abzocke bei Telegewinnspielen.) Blödelei also - oder ein schräger Blick auf unser Leben? Warum kommt gerade Bernds depressive Art so an? Er weiß ja immer schon, daß alles, was seine Freunde, Chili das Schaf und Briegel der Busch, ihm vorschlagen, nichts bringt. Drückt Bernd etwas von dem aus, was man eine Grundstimmung unserer Zeit und unseres Landes nennen könnte? Moll-Stimmung statt strahlendes Dur?

Jesus das Brot hat es dagegen schwerer. Jesus verheißt ja Freude (Laetare), also Leben, sogar ewiges Leben. Aber wer will schon ewiges Leben? —Besser ewiger Schlaf als ewige Müdigkeitž, stöhnten wir schon als examensgeplagte und übernächtigte Studenten - nach bester Bernd-Manier. Das vor Jesus, im Alten Bund bei den Patriarchen vorherrschende Ideal, lieber alt und lebenssatt zu sterben, feiert heute wieder fröhlich Urständ. Wirklich hundert und mehr Jahre alt werden, das wollen nur die wenigsten - und auch die fügen schnell hinzu: —... aber natürlich nur gesund und ohne Armut.ž Und dann noch ewig leben? - Nein, danke.

Dabei ist die johanneische Redeweise vom ewigen Leben der für damals gelungene Versuch, Jesu Botschaft vom Kommen der Herrschaft Gottes in die Vorstellungswelt des Alten Griechenland zu übersetzen. Die alten Griechen litten nämlich sehr unter der Erfahrung der Vergänglichkeit: Alles was sie tun, vergeht. Ihre großen Errungenschaften, ihre Bauwerke, der Ruhm der Feldherren, selbst die Erfindung der Demokratie: Alles vergänglich. Dagegen setzt Johannes die Verheißung ewigen Lebens - und landet einen Volltreffer. Damals bietet sich das Christentum mit seiner Hoffnung aufs Ewige Leben erfolgreich als Heilmittel gegen das Leiden an der Vergänglichkeit an. Heute scheint das nicht so anzukommen.

Gottlob gibt es da noch andere Bilder von der Zukunft Gottes mit den Menschen: Werden die Christen gefragt, worauf sie denn hoffen, sprechen sie meist ja vom Himmel, vom In-den-Himmel-Kommen. Mit Himmel ist natürlich nicht der physische oberhalb der Ozonschicht gemeint, sondern der Raum Gottes. (Das Englische unterscheidet bekanntlich zwischen sky und heaven.) Wenn also - mit Jesus gesprochen - Gottes Reich oder Herrschaft kommt, dann heißt das, der Himmel kommt zur Erde, Gott kommt zu uns. Und genau das sagt Johannes mit dem Bild von Jesus dem Brot: Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist. In Jesus kommt Gott zu den Menschen. - Ob wir nun vom Himmel, vom Kommen der Herrschaft Gottes oder von Jesus dem Brot sprechen - natürlich sollen wir dabei auch an das Abendmahlsbrot, an Jesus in Brot und Wein denken - in jedem Fall geht es um die Frage: Was haben wir von Gott in Jesus zu erwarten? Anders gesagt: Heil - was meint das?

Neulich am Alex. Der übliche Trubel. Der gewohnte Mix von Berlinbesuchern und Kauflustigen. Lärm in der Luft. (Das ist die —Berliner Luftž heute ja vor allem - laut.) Auf einmal höre ich: —Jesus nimmt dir deine Sünden. Jesus vergibt dir deine Schuld - weil er der Sohn Gottes ist, der für dich gestorben ist.ž Eine christliche Missionierungsveranstaltung beschallt den weiten Platz. Gut, das zu hören, denke ich, bei all dem öffentlichen Atheismus hier in der Stadt. Wo kommt bloß die Musik her, wo steht der Prediger? Ich brauche eine Minute, um mich umzusehen. Schließlich bemerke ich eine Stelle, die völlig leer ist, wo sich absolut kein Mensch aufhält - außer dem Prediger und seiner Band... Auch das also, die Verheißung von Vergebung, sie zieht nicht, sie öffnet nicht die Herzen. Was dann?

Hören wir dazu noch einmal auf Johannes: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer glaubt, der hat das ewige Leben. Ewiges Leben ist also nichts, was erst mit dem Tod beginnt, sondern es macht das Leben schon jetzt lebenswert, dieses Leben, das manchmal mehr vom Tod als wirklich vom Leben bestimmt ist. Bernd das Brot weiß davon ein Liedchen zu singen - und vielleicht können wir es nur in solcher Karikatur ertragen zuzusehen, wie tot wir sein können, obwohl wir doch zu leben scheinen. Leben und Tod vertauschen bei Johannes geradezu die gewohnte Ordnung: Wer in Jesus lebt, der lebt, auch wenn er - menschlich gesprochen - tot ist. Und wer - menschlich gesehen - höchst lebendig zu sein scheint: Ohne Jesus ist er tot. Mausetot. Das ist die eigentliche Provokation der Botschaft des Johannes. Sie ist zwar auch kein Universalschlüssel zum Herzen der Ungläubigen, nichts, was der öffentlichen Mission eher zum sichtbaren Erfolg verhelfen könnte als die Rede von der Vergebung, aber sie provoziert noch mehr, weil sie noch mehr zuspitzt: Ohne Jesus ist alles nichts. Nur Jesus selbst ist das Heil. Ihn muß man haben.

Johannes untermauert das durch einen Vergleich aus der Geschichte Israels: Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben. Dies ist das Brot, das vom Himmel kommt, damit, wer davon ißt, nicht sterbe. Die alte Geschichte vom Auszug aus Ägypten wird also überboten durch eine neue Tat Gottes. Sie schenkt Leben für immer - nicht nur für einen Tag: Und dieses Brot ist mein Fleisch, das ich geben werde für das Leben der Welt.

Jesus spricht hier von seinem Tod am Kreuz. Von da her haben wir seine Gabe, die Gabe des Lebens. Da kommt das Leben her - von seinem Gegenteil, dem Tod. Und nur Leben, was den Tod besteht, ist wirklich ewiges Leben. Solches Leben gibt Jesus. Ein Mensch wie Brot - weil wir im Glauben an Jesus von Gottes Leben leben.

Wenn Johannes hier vom ewigen Leben spricht, dann meint er also nicht die lange Dauer, die immer was von Langeweile an sich hat. Wer wollte da nicht wie der —Münchner im Himmelž - statt dauernd Halleluja zu singen - lieber wieder auf die Erde, um die Staatsregierung mit göttlicher Erleuchtung zu beglücken? Wenn Johannes vom ewigen Leben spricht, dann meint er jenes Leben von Gott, das den Tod in jeder Form - Schuld, Sünde, Unheil, Leid - verdrängt. So können wir wirklich leben und den Tod verspotten.

Die Karikatur von Bernd, dem depressiven Brot, zeigt diese Macht der Blödelei. Christen können im Ernst so blödeln. So protestieren sie gegen die sich so wahnsinnig und tödlich ernst nehmende Welt. Und das vertreibt den Tod im Alltag - manchmal vielleicht sogar wirksamer als das große Wort vom ewigen Leben. Müßten wir wirklich weltlich immer gut drauf sein, müßten wir allem immer noch etwas Gutes abgewinnen und so letzlich mit der Welt einverstanden sein. Sind wir aber nicht. Genausowenig wie Bernd.

Aus der Begründung der Jury für die Verleihung des Grimme-Preises: Bernd vertritt —das Recht auf schlechte Launež. Er widersetzt —sich stellvertretend für uns dem Gute-Laune-Terror, der unaufhörlich aus dem Fernseher dröhnt und quilltž und benennt —die volksverdummenden Mechanismen [...] eines Teils des TV-Geschäftsž. Nehmen wir dazu Episode 231 der Serie —Tolle Sachež, der sogenannten —einzigen Werbesendung im Ki.Kaž. Für alle Hobby-Gärtner haben Chili das Schaf und Briegel der Busch heute die ideale "Tolle Sache" im Angebot: Der "Regenwölkchen-Generator 2004 GX Plätscher XL Pro" sorgt auch bei Sonnenschein für regennasse Abkühlung. Dummerweise entwickelt sich das selbstgemachte Regenwölkchen zu einem waschechten Wolkenbruch, der das Studio zu fluten droht. Chili, Briegel und Bernd ergreifen die Flucht. Wieder nichts verkauft. Und so geht es eigentlich immer aus. Eine absurde Werbesendung... —Mist!ž Soweit Bernd das blödelnde Brot.

Da will ich Ihnen doch lieber nichts verkaufen, sondern gleich was verschenken - am heutigen Sonntag Lätare. Da gab es im Mittelalter ja den Brauch, daß der Papst eine Goldene Rose präsentierte - als Hinweis auf die Freuden des kommenden Osterfestes. Ein verdienter Mitarbeiter bekam sie dann zum Geschenk. Machen wir den Brauch für uns evangelischer: Jeder und jede bekommt jetzt eine gelbe Rose - als Vorzeichen für Ostern, als Lebenszeichen - nichts zum Essen, aber doch ein Lebens-Mittel, weil es Freude verbreitet. Nur Vorsicht: Auch diese Rosen haben Dornen. Auch österliches Leben, ewiges Leben ist ja gefährlich, sogar lebensgefährlich - besonders für den Tod.
Amen.
 
 


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