Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am 2. Sonntag nach Ostern (Miserikordias Domini - Sonntag vom Guten Hirten)

Liebe Gemeinde!
Es war in der Osterwoche vor 12 Jahren: Terroranschlag in Oklahoma, der bis zum 11. September größte in der Geschichte der Vereinigten Staaten. 168 Tote: Männer, Frauen und Kinder. Der Verdacht geht sofort in die Richtung rechtsextremer Weißer einer rassistischen Miliz. Die Bevölkerung ist schockiert, sprachlos, wie gelähmt - ein Schock ähnlich dem, der vergangene Woche beim Amoklauf in Virginia durchs Land ging. Aber schon bei der offiziellen Trauerfeier geht durch ein Ruck die Anwesenden, nein, durch die Nation. CNN sendet live in die ganze Welt, was da geschah: Präsident Bill Clinton gelingt das Kunststück, die passenden Worte zu finden. Seine Ansprache wird zur Predigt. Nach ihm kommt der eigentlich vorgesehene Prediger, Billy Graham - und macht dem Präsidenten ein Kompliment. Er riskiert in dieser traurigen Stunde Amerikas sogar eine scherzhafte Bemerkung: —Mr. President, Sie haben gesprochen wie der Papst. Wenn Sie so weitermachen, werden Sie eines Tages wirklich noch Papst.ž Trotz aller Trauer - ein Lächeln bei den Anwesenden.

Bill Clinton wurde natürlich nicht Papst. Er ist ja nicht katholisch. Aber wie wird man eigentlich Papst? Ich spreche nicht vom Wahlverfahren - das kennt man jetzt ja, seitdem es vor zwei Jahren in aller Munde war, sondern von den Voraussetzungen, die dazu nötig sind. Was muß man mitbringen, welche Fähigkeiten, welche Einstellungen? Da könnten wir schnell eine lange Liste erstellen: Ein angehender Papst muß gläubig und fromm sein, die Tradition wahren und der Welt zugewandt sein, er muß Leitungsqualitäten besitzen und Menschen begeistern können. Das alles traf auf Johannes Paul II. ja durchaus zu. Aber schon wenige Jahre nach seiner Wahl kursierte in katholischen Kreisen ein papstkritischer Witz:
Fragt Gott, der Herr, den Papst: —Wann wirst Du den Zölibat aufheben?ž - —Solange ich Papst bin - niemals.ž —Und wann wirst Du Frauen zu Priesterinnen weihen?ž —Solange ich Papst bin - niemals.ž
Dann fragt der Papst Gott, den Herrn: —Und wann wird wieder ein Landsmann von mir Papst werden?ž Antwortet Gott: —Solange ich Gott bin - niemals.ž
Ein negatives Gottesurteil also, folgt man den vom damaligen Papst enttäuschten Kritikern, die auf grundlegende Reformen in der katholischen Kirche gehofft hatten - und jetzt auf den neuen Papst aus Deutschland hoffen. Aber wird er wirklich Antworten auf die gestellten Fragen finden? Das fragen sich die Menschen nun schon zwei Jahre. (Immerhin hat er gerade den sogenannten Limbus abgeschafft, die sogenannte Vorhölle für die ungetauft verstorbenen Kinder. Nunmehr kommen sie ins Paradies.) Fragen wir uns heute ganz einmal grundsätzlich: Wie sollte einer sein, der ein kirchliches Leitungsamt ausübt? (Solche Ämter haben wir ja auch in unserer Kirche zu besetzen.)

Vielleicht gibt der heutige Predigttext Aufschluß, den wir als Evangeliumslesung gehört haben. Dreimal fragt der Auferstandene den Petrus: —Hast du mich lieb, lieber als mich diese haben, die anderen Jünger?ž Und Petrus wird traurig. Wie er verstehen wir die Anspielung auf seinen vorausgegangenen Verrat. - Als Kind hat mich diese biblische Geschichte immer sehr berührt, diese Magie der dreimaligen Frage und Antwort. Und dann kommt das erlösende Wort: —Weide meine Schafe!ž Berufung eines Verräters - die verwandelnde Kraft des Auferstandenen. Und ich habe gelernt: Der Papst, die Bischöfe, die Priester - alle Hirten in der Kirche - sie müssen Jesus ganz doll lieb haben. Und wenn man Jesus besonders lieb hat, kann man dann auch Papst werden.

Diese kindlich-naive Einstellung vergeht einem natürlich, wenn man sich die Geschichte und Gegenwart der Kirchen ansieht, wie da Menschen in Führungspositionen gekommen sind und kommen. Schon in der Alten Kirche hieß es machtbewußt: Wer das Bischofsamt anstrebt, strebt ein gutes Amt an. Die Folge: Machtmenschen ohne Ende. Und erst als das Papsttum im Mittelalter an seinem weltlichen Machthöhepunkt und geistlichen Tiefpunkt angekommen war, suchten die Kardinäle wieder kindlich-naiv einen sogenannten Engelpapst und wählten 1294 Cölestin V., einen unbedarften Einsiedler. Nach fünf Monaten trat der völlig überfordert zurück - als bisher einziger Papst der Geschichte. Jesus zu lieben, qualifizierte ihn offensichtlich nicht hinreichend fürs Papsttum.

Was ist heute daraus geworden? Wie halten wir es mit den Worten Jesu? Meinen sie wirklich das Amt, das wir als Papstamt kennen - oder geht es hier viel allgemeiner um kirchliche Führungspositionen? Und was genau meint das: —Weide meine Schafe!ž? In der Praxis geht es bei der Besetzung von Ämtern in der Kirche heute ja nicht viel anders zu als bei Führungspositionen in der Welt. Da gibt es sogenannte Ausschreibungen und Auswahlkommissionen - und am Ende meist eine Wahl durch ein großes Gremium. Na ja, ein paar Unterschiede gibt es schon: Man darf beispielsweise nicht zu sehr zu erkennen geben, daß man ein bestimmtes Amt anstrebt. Einer meiner Lehrer meinte deshalb immer humorvoll-bissig: In der Kirche muß man sich immer auf den letzten Platz vordrängen. Bleibt die Frage: Wie sollte einer sein, der ein kirchliches Leitungsamt ausübt?

Dazu macht Jesus noch eine geheimnisvoll klingende Anspielung: —Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst, wo du hin wolltest; wenn du aber alt wirst, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hin willst.ž Führen, wohin du nicht willst - man denkt dabei ans Älterwerden und Altsein. Dann übernehmen ja andere die Regie und sagen, was man wann tun und lassen soll. Deshalb sind Krankenhäuser und Heime ja so gefürchtet, weil man Angst hat, nun fremdbestimmt leben zu müssen: geführt, wohin man nicht will. Unser Predigttext gibt noch eine Erklärung für den geheimnisvollen Satz: Führen, wohin du nicht willst, das sei ein Hinweis auf den Märtyrertod des Petrus, auf seinen späteren Tod als Jünger Jesu. Am Ende holt Petrus also doch noch ein, was er sich durch seinen Verrat am Anfang zu ersparen glaubte - der Tod. Und Jesus schließt mit der Aufforderung an Petrus: —Folge mir nach!ž

Wir erfahren: Die Nachfolge Jesu ist lebensgefährlich. Und das gilt heutzutage nicht nur für die Amtsträger oder für die verfolgten Christen im Sudan oder im Irak, sondern auch hier und heute in Berlin: Da stoßen Christinnen und Christen auf eine Mauer der Abwehr - durch einen dumpfen, aber gesellschaftsfähigen Atheismus, der sich selbst für aufgeklärt und modern hält.

Erzählt mir neulich eine Studentin, ihr Freund meine: Religion? So ein Quatsch! In spätestens 50 Jahren würden uns Computer regieren, keine Menschen und schon gar kein Gott. Darum käme sie jetzt in mein Seminar, um ihrem Freund wenigstens sagen zu können, auch die Theologen denken darüber nach, was uns durch die Computertechnik erwarte - auch wenn wir dabei sehr bescheiden sein müssen, und auch Christen nicht wissen, was uns wirklich erwarten wird, sondern Gottes Führung und Geleit vertrauen.

Das von Gott Geführtwerden, dieses «den eigenen Weg nicht bestimmen könnenŽ - das ist nämlich keine Frage des Alters, das gilt auch nicht nur exklusiv für Petrus, sondern das ist eine Beschreibung dessen, was uns allen auf dem Weg der Nachfolge Jesu widerfährt: Wir wissen nicht, woŽs langgeht. Wir müssen uns von Gott geleiten lassen. Und das fällt Menschen nun einmal schwer.

Am schwersten fällt das aber wohl denen, die dauernd Führungsqualitäten beweisen müssen, die Weg-weiser sein sollen: den Amtsträgern der Kirchen - den Päpsten, Popen und Pastoren. Und deshalb fragt Jesus den Petrus, was er zwar alle fragt, die ihm nachfolgen wollen, besonders aber die, die in seiner Kirche ein Amt innehaben: Hast du mich lieb?

Liebe also ist die entscheidende Voraussetzung - aber es geht Jesus nicht darum, das Führungspersonal mit einem besonderen Treueeid zu binden, wie das die katholische Kirche jetzt praktiziert, auch nicht um den Akt der Einweihung in einen inneren Zirkel wie bei einer Sekte. Im Johannesevangelium ist die Frage nach der Liebe nicht die Frage nach emotionalen Qualitäten. Hier geht es um das Erste Gebot.

Wenn Jesus bei Johannes fragt, hast du mich lieb, dann fragt er, ob ein Mensch ihm das zukommen läßt, was allein Gott zuzukommen hat: —Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt.ž Darum geht es: für Petrus, die geistlichen Führer - und für uns alle: Wer Jesus liebt, wie er Gott liebt, der ist ein Jünger Jesu - und der erfüllt von Jesus her die nötigen Voraussetzungen, in seiner Kirche ein Amt zu bekleiden.
Folgerichtig gründet sich die evangelische Kirche auf dem sogenannten Allgemeinen Priestertum: Von Gott her kann hier jeder Priester sein, alles andere ist eine Frage menschlicher Ordnung. (Die sieht dann gegenwärtig eine bestimmte Ausbildung und für den Bischof eine Wahl vor, bei der es dann natürlich auch sehr, sehr menschlich zugeht.) Die Schafe zu weiden jedenfalls, das meint, sie im Sinne des 1. Gebotes auf Gott als ihren Hirten zu verweisen - und nicht auf irgendwelche Oberhirten.

Provozierend und risikoreich bleibt ein solcher Dienst allerdings trotzdem: Da gilt es immer wieder einzuschärfen: Gott gehört auf Platz 1 - und nicht die Familie, der Beruf, das Hobby. Ein risikoreicher Beruf demnach, Freunde macht man sich damit jedenfalls nicht, schon gar nicht heutzutage. So gesehen aber könnte - wenn er das verwirklicht - auch Bill Clinton durchaus noch Kirchenführer werden. Seine —Antrittspredigtž hat er ja schon vor 12 Jahren in Oklahoma gehalten.

Was hat er da nun eigentlich gesagt, was Billy Graham so lobte? Clinton gab die Antwort, die Jesus von Petrus hören wollte; dieselbe Antwort, die Jesus auch von uns hören will, wenn er fragt: Hast du mich lieb? Die Antwort: —Love will outlast hate.ž (—Liebe wird den Haß überdauern.ž) Liebe - die verwandelnde Kraft des Auferstandenen. Sie vermag Jesus zu geben, was Gott gebührt - und kann sich so Gott überlassen, kann sich von ihm führen lassen. Liebe macht das Amt der Nachfolge Christi möglich. Und in dieses Amt der Nachfolge kann man nur gerufen werden - von Jesus Christus, dem erhöhten Herrn und Hirten.
G. Amen.
 
 


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