Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
Anschrift: Jakobikirchstr. 6 - D-10969 Berlin
E-Mail: dr@rainerhauke.de
Telefon: (030) 614 60 63
Fax: +49 30 614 60 63

Predigt am Palmsonntag 2007 über Joh 17, 1.6-8

Liebe Gemeinde!
Ja, ist denn bald scho wieder Weihnachten? Kein Aprilscherz jedenfalls ist das Adventslied, das wir eben gesungen haben, sondern es ist, was es ist: ein Adventslied, also ein Lied vom Kommen Gottes. Christen wundert das nur wenig: In Jesus kommt ja Gott in unsere Welt, so daß wir das Kommen Gottes besingen, wenn wir ein Lied auf Jesus singen - auf das Kind in der Krippe und erst recht auf den Prediger von der beginnenden Herrschaft Gottes. Heute, am Palmsonntag, heißt das: Der Erlöser zieht ein in Jerusalem. Hier wie dort: Advent, Ankunft, Ankommen.

Beim Einzug Jesu in Jerusalem, damals vor 2000 Jahren, war das allerdings noch höchst umstritten: Wer kommt denn da? Seine Anhänger begrüßen ihn wie den langerwarteten messianischen Herrscher - mit Eselsritt und Palmzweigen als Winkelementen. Aber ist Jesus wirklich der Messias? Wenige Tage später wird man ihn hinrichten, ja kreuzigen - wie einen Terroristen und religiösen Fanatiker. Nach Ostern erst, nach der Erfahrung seiner Auferstehung von den Toten, ändert sich die Sicht auf die Ereignisse: Mit dem Einzug Jesu beginnt nicht der Anfang vom Ende, sondern endet sein Anfang: Der Prediger vom nahen Reich Gottes wird erkannt als der bevollmächtigte Bote Gottes, ja als Gottes Sohn. Und was das nun für die Menschen damals wie heute bedeutet, das läßt der Evangelist Johannes Jesus selbst sagen:

Jesus hob seine Augen auf zum Himmel und sprach: Vater, die Stunde ist da: verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrliche. Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Sie waren dein, und du hast sie mir gegeben, und sie haben dein Wort bewahrt. Nun wissen sie, daß alles, was du mir gegeben hast, von dir kommt. Denn die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben, und sie haben sie angenommen und wahrhaftig  erkannt, daß ich von dir ausgegangen bin, und sie glauben, daß du mich gesandt hast.

Jesus schaut in diesen Worten auf sein Leben und Wirken, auf seine Mission, zurück und zieht Bilanz. In der Tat: Er hatte eine Mission, und davon spricht er: Er hat den Menschen Gott erschlossen, er hat ihnen gezeigt, wer Gott ist. Und die Menschen glauben. Sie glauben an Jesus. Und weil sie an Jesus glauben, glauben sie an Gott, an den Gott, den Jesus seinen Vater nannte. Das hat Jesus erreicht. Mission erfüllt.

Hat Jesus das wirklich erreicht? Es glauben doch längst nicht alle Menschen an Gott als den Vater Jesu Christi - heute nicht und damals schon gar nicht. Wie kann Johannes Jesus da so sprechen lassen? žIch habe deinen Namen den Menschen offenbartÓ, sagt Jesus. Ja, hatte Gott denn nicht schon längst seinen Namen geoffenbart, und zwar seinem Volk, dem Volk der Juden? Sie kannten ihn, den Gott ihrer Väter Abraham, Isaak und Jakob, doch seit Mose mit seinem Namen, mit Namen Jahwe - auch wenn sie diesen Namen aus lauter Ehrfurcht nicht aussprachen.

Offensichtlich ist der Evangelist Johannes nicht der Meinung, das das reicht. Denn Johannes spitzt zu: Gott gibt es nicht ohne Jesus, nicht an ihm vorbei. Gottes Name, der Name, den Jesus uns gebracht hat, ist «VaterŽ. Und das ist mehr als ein Name. Namen für Gott und das Göttliche gibt es ja viele in der Welt der Religionen: Allah, Brahma, das Eine. Und die sind nicht alle egal, nicht alle gleich gültig, auch wenn hier und da von Gott als Vater gesprochen werden kann. Christlich gesehen ist das mit «Gott dem VaterŽ anders: Vater ist Gott, weil Jesus von Nazareth sein Sohn ist; weil, wer Gott sehen will, auf Jesus schauen muß. Im Menschen Jesus ist Gott für uns da. So wird selbst der Name Jahwe durch die Mission Jesu noch übertroffen. So Vater sein - das ist nicht normal für einen Gott, so exlusiv und so menschlich.

Diese Einschätzung greift tief ein in die Welt der Religionen und verändert, was auch wir uns häufig vorstellen, wenn wir von einer Ökumene der Religionen träumen nach dem politischen Muster der Vereinten Nationen: Da hat dann eben jede Gottesbezeichnung ihren Platz, hat Recht und sozusagen Stimme - weil die Menschen eben verschieden sind und unter den verschiedenen Namen doch nur die Verehrung desselben Göttlichen zum Ausdruck bringen wollen. Eine Welt - aber jeder hat eben seine Religion.

So dachte man durchaus auch damals schon, unter den modernen Weltbürgern im Reich der römischen Kaiser mit aufgeklärter Weltkultur. Im Evangelium des Johannes aber läuft es auf ganz etwas anderes hinaus: Gott ist Anfang und Ende, Schöpfer und Vollender der Welt - aber nur durch Jesus haben wir seinen Geist, haben wir Gott selbst.

Die Alte Kirche hat lange darüber nachgedacht, was das heißt, und kam zu dem Ergebnis, daß Jesus ein neues Gottesbild geprägt hat, das Bild von Gott als Vater, Sohn und Geist. Und das ist nicht nur ein Bild, ein Bild, neben dem es durchaus auch andere geben könnte, sondern so, wie sich Gott hier zeigt, so ist er auch.

Und das hat Konsequenzen: Nur durch Jesus haben wir Zugang zu Gott. Aber durch Jesus, im Glauben an ihn, ist Gott bei den Menschen. Die zwei getrennten Welten, die Welt der Götter und die der Menschen - in Jesus werden sie zusammengeführt. Gottes Leben ist jetzt bei den Menschen. Darum ist sein Kommen Advent, Ankunft Gottes.

Die praktischen Folgen: Tod und Leben verändern sich, ja, sie tauschen geradezu ihren Namen. Es gibt nicht mehr zwei getrennte Welten, die Welt des unsterblichen göttlichen Geistes und die Welt des geschöpflichen Todes, sondern das Leben Gottes kann auch hier bei uns stattfinden. So wird der Tod Jesu zur Stunde seiner Verherrlichung und zur Stunde der Verherrlichung Gottes. Gott kann nicht nur im Himmel sein, er «kannŽ auch Welt, er «kannŽ auch Tod. Das macht ihn groß. Das macht seine besondere Größe aus. Und Johannes schildert die Karwoche, die Woche des weltlichen Leidens Jesu, als Aufstieg, als Aufstieg zu Gott, seinem Vater.

Darum steht für ihn auch nichts mehr auf dem Spiel. Der Sieg Jesu steht fest, der Sieg über den Tod - weil in Ihm Gott angekommen ist in der Welt, weil er sich auch hier durchsetzen kann. Darum kann Johannes Jesus schon jetzt Bilanz ziehen lassen. Schon vor Jesu Leiden und Sterben ist klar, wer siegreich aus den Konflikten mit den Mächten der Welt hervorgehen wird. Sportler bekommen gleich nach dem Kampf die Mikrofone vorgehalten, um Bilanz zu ziehen, Jesus kann das schon vorab. Das kann nur der Größte, der diesen Titel wirklich verdient: Gottes Sohn. Sein Erfolg ist garantiert. Jesus kann bilanzieren: Mission erfüllt.

Christen hat diese Haltung den Vorwurf eingebracht, sie nähmen auf dem Weg der Nachfolge Jesu den Tod nicht ernst. Wir hätten doch schließlich nur ein Leben - und das endet eben unweigerlich im Tod. žDer Tod ist groß. Wir sind die Seinen.Ó So titelte die Tage ein Journalist pathetisch seinen Bericht über das geplante Sterbehilfegesetz. Johannes kann auch so reden: Wir haben nur ein Leben. Aber Leben ist nicht das, was biologisch und physikalisch mit uns geschieht, sondern Leben ist Leben mit Gott durch Jesus. Und dieses Leben bleibt. Der Tod hingegen... ihn gibt es nur noch als Unglaube, als Sünde.

Leiden ist zwar da, jede Menge, auch Erfolglosigkeit, Erfolglosigkeit auch, was die Ausbreitung des Glaubens an Jesus Christus angeht - aber das alles muß nicht mehr trennen von Gott. Dieser Glaube begrenzt die Wirkung des Todes. Der Tod kann uns nur noch ins irdische Grab bringen - mehr nicht. Er ist nicht der Größte. Wir sind nicht die Seinen. Wir sind Jesu.

Diese Einsicht muß einen nicht zum penetranten Optimisten machen oder zum Verächter dieses Lebens. Eher sieht man sich Menschen nahe, die sich gut johanneisch als ŽGast auf ErdenŪ verstehen - wie mein etwas lebensüberdrüssiger Friseur, kein Udo Walz, eher ein Verlierer der Wende und der wirtschaftlichen Entwicklung in einem Berliner Bezirk, der ansonsten vor Siegern nur so boomt. žAlles ist nur geliehenÓ, meinte er neulich, das Leben ingesamt und insbesondere sein bescheidenes Ein- und Auskommen: žWir kommen und wir gehen wieder.ž Ein Gedanke nach Art des Johannes. Auch die Gemeinde des Johannes dachte da wohl ähnlich. Weltlich gesprochen, waren sie eher Verfolgte als Siegertypen, keine Menschen, die mit ihrem Glauben an Jesus, den Sohn Gottes, hätten auftrumpfen können.

Johannes verzichtet im übrigen darauf, seiner Gemeinde den Gedanken vom begrenzen Wirken des Todes mit dem ihnen vertrauten Bild vom sterblichen Körper und der unsterblichen Seele klarzumachen. Er zieht nur die Konsequenzen, die Konsequenzen aus dem Kommen Gottes in Jesus. Das aber radikal. Er setzt darum noch einen drauf und läßt Jesus sagen: Der Tod ist das Leben, der Tiefpunkt ist der Höhepunkt: ÓVater, die Stunde ist da; verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrliche.Ó Das Kreuz Jesu, jenes altrömische Folterinstrument für politische Aufrührer, demonstrativ, zweckmäßig und billig, wird zum Siegeszeichen. Von diesem ein für allemal errungenen Sieg können die Menschen leben - auch, wenn sie das nicht einmal wissen. Sie können leben - auf Jesu Kosten.

Und darum können wir in dieser Woche das Sterben Jesu feiern. Wir gedenken nicht eines Justizmordes vor knapp 2000 Jahren oder eines guten Menschen, der, erfüllt vom Glauben an Gott, sein Leben für eine gute Sache gab, der in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft für die Menschen starb - sondern wir feiern die Rückkehr Jesu zu Gott seinem Vater und das Kommen Gottes zu uns in seinem Geist, der in uns wohnt und uns glauben läßt. Advent, Karfreitag, Ostern und Pfingsten - alles an einem Tag. Wir toppen noch das Vorgehen der BBC. Die zeichnete neulich ja - angeblich aus Ersparnisgründen - unmittelbar hintereinander mit denselben Leuten einen Weihnachts- und einen Ostergottesdienst auf. Zeitungstitel: —BBC fusioniert christliche Festež. Wir setzen noch einen drauf: Das Kommen Gottes in Jesus ist Advent, Karfreitag, Ostern und Pfingsten - alles an einem Tag. So feiern wir eine Erfolgsgeschichte, seine Erfolgsgeschichte.
Amen.
 
 


Zurück zum Seitenbeginn

Zurück zur Indexseite