Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Sonntag Trinitatis über 4. Mose 6, 22-27

Liebe Gemeinde!
—Der Herr segne dich und behüte dich;
der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;
der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.ž

Das sind die vertrauten Worte des Segens, die unseren Gottesdienst beschließen. Was aber ist das eigentlich - Segen? Und wer segnet?

Feierlich klingen die Worte, nach orientalischer Manier wird das Tun Gottes gleich dreimal gedeutet, wird wiederholt gesagt, was es uns bringt: behütet werden, begnadet werden und befriedet. Wie von einem Menschen heißt es hier von Gott: Im Segnen sieht Gott uns an, er schaut nicht weg, er läßt uns nicht außer acht. Denn: Nicht beachtet zu werden - das ist für viele heute das Schlimmste. Segen tut gut.

Im heutigen Predigttext kommen jene Worte des Segens als Gottes Auftrag an Aaron, den Bruder des Mose, und seine Söhne vor:
—So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnetž.
Danach heißt es:
—Denn ihr sollt meinen Namen auf die Israeliten legen, daß ich sie segne.ž

Segnen ist also ein Auftrag, ein Auftrag an Menschen - zum Reden und Handeln: Gottes Namen auf sein Volk legen, damit Er bei ihnen ankommt. Wenn wir gesegnet werden, dann wird also Gottes Name auf uns gelegt, und Gottes Name - das ist Er selbst, wie er bei uns ist. Im Verständnis des Alten Bundes ist Gott fern - in seinem Namen aber bei uns. Wenn Er kommt, dann sind wir gesegnet. Der Segen ist also menschliches Sprechen, damit Gott kommen kann. Beim Segnen kommen Gott und Mensch zusammen.

Der Segen gehört dabei so selbstverständlich zum christlichen Handeln wie das berühmte Amen in der Kirche, obwohl erst Luther jene biblische Formulierung aus dem AT bevorzugt hat. Bis dahin segneten die Christen mit verschiedenen Formulierungen, besonders mit der Formel —Vater und Sohn und Heiliger Geistž, die wir vom Beginn des Gottesdienstes und von der Taufe her kennen. Dabei ist diese neue alte Formulierung ja nicht nur jüdischen Ursprungs, gesprochen nach dem ersten Opfer des Volkes, sondern dort auch reserviert für die Priester: für Aaron und seine Söhne. Nur die sprechen den Segen über das Volk - unter der dazu gehörenden Gebärde der ausgestreckten Arme mit den gespreizten Fingern. So wird sichtbar, was auch die Christen glauben: —... doch der Segen kommt von obenž (Schiller).

Wer segnet also, wann und wie? —Bless me, fatherž, heißt es im englischen Sprachraum. So redet dort auch der Katholik, wenn er zum Beichten kommt, während wir singen: —Komm, Herr, segne uns.ž —An Gottes Segen ist alles gelegenž, weiß der Volksmund. Die Konfirmation heißt auch Einsegnung, und Brautpaare melden sich zur Trauung an mit den Worten: —Wir wollen Gottes Segen für unsere Ehe erbitten.ž (Manchmal heißt es auch: —Wir wollen Ihren Segenž - zum Pfarrer gewandt; und der betont dann, in wessen Namen er segnet, wer also in Wahrheit segnet, wenn er segnet.) Am Grab erwartet uns die Aussegnung: —Mit kirchlichem Geleit wurde bestattet...ž. Manchmal soll die Kirche —ihren Segen dazu gebenž, wenn es um bestimmte Entscheidungen in der Gesellschaft geht - oder der Wähler soll absegnen, was Politiker beschlossen haben. —Glück und Segen zum Geburtstag!ž Oder ganz weltlich: —Hatschiž, macht der eine. —Bless you!ž, ist die Antwort. Segen kann sprachlich viele Gestalten annehmen: —Grüß Gott!ž Segen hat sich weit von seinem Ursprung im Auftrag an Aaron und seine Söhne entfernt. Woran liegt das?

Das liegt an der christlichen Taufe. Segneten mit den Worten des aaronitischen Segens ursprünglich nur Aaron und seine Söhne, also der Stamm der Priester, so weiß sich das Volk des Neuen Bundes, die Christen, als Ganzes als ein priesterliches Volk. Gottes Name ist in der Taufe bleibend auf uns gelegt worden, sein Geist hat in uns Wohnung genommen. Darum sind wir nicht nur gesegnet, sondern können auch selber segnen: die Mutter ihre Kinder, der Vater seine Familie..  Die Gebärde des Segnens verspricht Schutz, sie gilt dem Volk als ganzem, aber auch dem Einzelnen. Das dich der Anrede (—der Herr segne dichž) meint normalerweise das ganze Volk, christlich gesprochen: die Gemeinde, in besonderen Situationen aber auch den Einzelnen, dem die Hand aufgelegt wird: bei Taufe und Ordination, bei Einsegnung - und Aussegnung.

Magisch hat man manche Erwartung an den Segen genannt, meist war das kritisch gemeint - aber magisch (oder jedenfalls geheimnisvoll) ist er wohl auch: Was bewirkt das Segnen?

Wer empfangen hat, der kann auch austeilen. Wer Gottes Geist empfangen hat, der kann ihn auch weitergeben. Aber diese Weitergabe geschieht nach christlichem Verständnis nicht wortlos, sondern als Gebet, als Bitte an Gott, er möge sich einem Menschen zuwenden. Wer so segnet, wird zum Wegweiser: Er verweist von sich weg auf Gott - und so kommt Gott zum Zug: Sein Name wird ausgerufen. Segnen läßt Gott in unserer Welt vorkommen.

Darum segnen wir auch immer wieder - während die Taufe einmalig ist. In der Taufe empfangen wir die Vollmacht zu segnen. (Schade, daß auch in den Kirchen der Reformation der Segen wieder pfarr-herrlich geworden ist und selbst Vikarinnen gelegentlich zu hören bekommen: —Liebe Schwester, nehmen sie doch beim Segnen bitte eine andere Formulierung, den aaronitischen Segen sollten nur ordinierte Pfarrer verwenden.ž - Diese seltsame Entwicklung liegt wohl an einer merkwürdigen, seit einigen Jahren wieder neu zu beobachtenden Selbst-Katholisierung unserer Kirche.) Wer getauft ist, kann segnen, soll segnen, kann selbst zum Segen werden.

Darum lassen uns Gesegnete auch die Probleme der Welt nicht kalt: Wenn in diesen Tagen gegen die negativen Folgen der Globalisierung der Welt demonstriert wird, kann man dem nur zustimmen - hilfreicher allerdings wäre es, konkrete Ideen und Vorschläge einbringen zu können, wie man jene negativen Folgen wirklich und erfolgreich mindern kann.

Schon in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts forderte beispielsweise Ivan Illich in Mexiko - heute würde man ihn einen frühen Globalisierungsgegner nennen - nicht mehr, sondern weniger Entwicklungshilfe ­ weil man schon damals wissen konnte, daß von Entwicklungshilfe vor allem einer profitiert: der Geber. Der schafft sich auf diese Weise nämlich Märkte, um seine Produkte loszuwerden. Täten wir das heute nicht, wäre es um unseren schönen Aufschwung längst geschehen. Schuldenerlaß nützt auch dem Geber.

Umgekehrt sind mittlerweile, eine Generation später, die führenden Industriestaaten nicht nur Täter, sondern selbst auch Opfer der Globalisierung. Ich sage nur: Auslagerung von Arbeitsplätzen. Die Folge: Es tobt ein gigantischer wirtschaftlicher Verdrängungskrieg. Und daraus weiß gegenwärtig niemand einen Ausweg. Und das ist nun wirklich ein Problem - für die ganze Welt. Da käme Gottes Segen wirklich gelegen - ein Wirtschaftssystem, das jedem ein Einkommen und das Auskommen mit dem Einkommen und den Kindern Zukunft verspricht.

Ivan Illich, von christlichen Gedanken und Erfahrungen geprägt, schlug damals vor, kleinere, überschaubare Wirtschaftsräume zu bevorzugen, in denen beispielsweise unser Mineralwasser nicht von Schottland nach Berlin gebracht wird, sondern aus der Nachbarschaft stammt. Im Mittelalter hat dieses Prinzip in den Klöstern funktioniert. Die konnten sich selbst versorgen. Heutzutage hingegen kann sich selbst kaum ein Staat der Welt noch allein versorgen, so daß wir die weltweiten Probleme auch nur miteinander lösen können. Und zusehends verzweifelt den Weg dahin suchen... Ob das Streben nach kleineren Einheiten und lokalen Wirtschaftsräumen für die Grundversorgung nicht doch auch für uns ein Weg sein könnte?

Nur wenig kann die Politik noch wirklich steuern und beeinflussen. Vater Staat ist schwach geworden. Dabei könnten wir die Christinnen und Christen wahrlich ein Segen für die Menschheit sein, denn wir müßten angesichts des Berges ungelöster Probleme auch mit Kompromissen und vorläufigen Lösungen leben können.

Wir wissen ja: Das Heil der Welt können wir ihr ja ohnehin nicht kreieren - und müssen das ja auch nicht: Das können wir getrost Gott dem Herrn, dem Kommen seiner Herrschaft, überlassen. Sehr wohl aber können wir uns kümmern um das Wohl der Menschen auf der ganzen Welt - auch wenn da gegenwärtig eher die Ratlosigkeit groß ist, auch bei den militanten G8-Gegnern. Wie helfen, so daß man wirklich hilft - und nicht durch Abgabe unserer Altkleider lokale Produktion zunichte macht?

Auf unserem Wirtschaften ruht gegenwärtig wahrlich kein Segen - aber dabei muß es nicht bleiben. Christlich gesehen, ist Segen nämlich nicht nur Ausdruck unserer Gotteserkenntnis - Gott als Vater, Sohn und Geist - sondern Segen ist Ausdruck unserer Glaubensgewißheit ­ der endzeitlichen Rettung für alle Welt. Jeder Segen also gilt urbi et orbi, der Stadt und dem Erdkreis. Segen hebt und hält und macht Hoffnung. So schützt Segen vor Resignation und Verzweiflung und läßt so bei allem CO2 Ausstoß hier und heute immer noch ein wenig Luft zum Durchatmen, zum Nachdenken und Durchhalten ­ im Einsatz für noch etwas Zukunft.

Gott sei Dank für seinen Segen.
Amen.
 
 


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