Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am 20. Sonntag nach Trinitatis über 1 Kor 7, 29-31

Liebe Gemeinde!
Da habe ich mir gerade den neuen Kalender für 2007 gekauft - und höre, wie Paulus im Predigttext vom Ende der Welt redet. Was tun? (Noch) einmal auf den Putz hauen, essen, trinken, fröhlich sein - oder versuchen, mit Gott und der Welt ins Reine zu kommen? Sich in wilde Aktivitäten stürzen, die ultimative Party feiern - oder sich zurückziehen: zu Freunden, in die Familie, in die Kirche? Oder auch beides: Also das eine tun, ohne das andere zu lassen? Welche Regeln gelten in den letzten Tagen der Menschheit? Sind alle Regeln außer Kraft gesetzt, weil keiner mehr auf ihre Einhaltung pocht - oder wären das Tage, die ersten Tage in der Geschichte der Menschheit, an denen Gottes Gebote gehalten werden - denn vielleicht hilft das ja noch was, um vor Gottes Gericht zu bestehen. Sind vor dem Ende vielleicht alle plötzlich gleich: arm und reich, Ost und West, links und rechts? —Alle Menschen werden Brüder...ž - der alte Traum der Idealisten. Wie werden Sie leben angesichts des kommenden Endes?

Was meint der Apostel Paulus eigentlich dazu? Auch er gibt ja auf die Frage nach dem richtigen Leben angesichts des Endes der Welt eine Antwort. Ich lese unseren heutigen Predigttext, den wir bereits als Epistellesung gehört haben, noch einmal, nun in einer wörtlichen Übersetzung: —Das sage ich aber, Brüder, die Zeit ist zusammengedrängt, damit für die Zukunft die, die Frauen haben, seien, als hätten sie keine, und die weinen, als weinten sie nicht, und die sich freuen, als freuten sie sich nicht, und die kaufen, als besäßen sie es nicht, und die die Welt brauchen, als gebrauchten sie sie nicht. Denn die Gestalt dieser Welt vergeht.ž

Das ist die berühmte Lebensregel des žals ob nichtž: Tue alles so, als ob du nichts davon hättest! Paulus ruft hier zur Distanz von der Welt - aber nicht zur Flucht aus der Welt. Er rät zur Gelassenheit - nicht zur Faulheit. Seine Worte geben zu erkennen: So leicht wird man die Welt und ihre Anforderungen nicht los. Wer aussteigt, wird schneller wieder vom Leben eingeholt, als ihm lieb ist.
Heutzutage erst recht: Wer den Ausstieg versucht, wer sich von allen Verpflichtungen frei machen will, den haben die Ämter meist schnell wieder am Wickel. Ich habe es gerade erlebt: Nicht einmal drei Monate läßt einen unsere Gesellschaft in Ruhe: Da muß man seine Rechnungen bezahlen, Termine einhalten, soll wählen, auch wenn sich nichts dadurch ändert. Leben žals ob nichtÓ - Paulus, sag, warum diese neue Regel?

Paulus ist anfangs noch davon überzeugt, daß der Jesu Christus, der Herr, sehr bald wiederkommen wird. Und deshalb gibt es durchaus Wichtigeres, als z.B. vorher noch rasch zu heiraten. Noch wichtiger aber ist es für Paulus, daß vorher alle wissen sollen, daß der Anfang vom Ende schon da ist. Tod und Auferstehung Jesu Christi waren die Wende. Jetzt leben wir in der Endzeit. Unsere Welt ist schon vergangen - sie hat es nur noch nicht gemerkt.

Diese Überzeugung bleibt Paulus erhalten, auch als er merkt, daß die Zeit bis zur Wiederkehr Christi länger wird, als ursprünglich erwartet. Seine Botschaft lautet: «Die Welt vergeht, weil der Herr kommt! Und weil der Herr im Kommen ist, seid ihr nicht mehr den Zwängen der Welt ausgeliefert.Ž Diese Distanz zur Welt wird von Christus selbst ermöglicht. Wie? Durch die Taufe wurde der Christ schon in die neue Welt eingepflanzt. Darum kann er nicht mehr nach den alten Regeln leben. Neue müssen her. Weil die Welt vergeht, lebt unter der Regel des žals ob nichtÓ! - Was heißt das nun konkret?

Da muß man mit manchen liebgewordenen Vorstellungen aufräumen. Beispiel Ehe: Auf ewig dein? Nein! Der Partner als Objekt der Anbetung? Liebe als neue Religion? —Dein ist mein ganzes Herz...ž. Soll es nicht in erster Linie Gott gehören? —Du sollst den Herrn deinen Gott lieben von ganzem Herzen...ž. Die Ehe jedenfalls gehört zur Ordnung der vergehenden Welt.

Beispiel Besitz. (Geld ist ja immer ein gutes Beispiel): —Soll ich mir mit 90 noch eine neue Couchgarnitur anschaffen?ž Wenn Sie das Geld dazu haben - warum nicht? Gewiß, vergessen Sie nicht die Armen - aber zum Asketen müssen Sie auch nicht werden. Der große Theologe Thomas von Aquin lehrte, keiner müsse so viel abgeben, daß er dadurch selbst bedürftig werde. (Unsere heutigen Solidarsysteme kommen da so allmählich schon in Konflikt mit dieser ethischen Regel: Wenn mehr als 50% des eigenen Einkommens in Gemeinschafts- und Solidaraufgaben wandern...)

Überhaupt: Nicht nur durch Verzicht kann ein Zeichen der Hoffnung auf neues Leben aufblitzen. Da war der Aidskranke, der sich - den Tod vor Augen - noch einmal eine große Freude machte und sein Traumauto kaufte - mit allem drum und dran. Er konnte nur noch ein halbes Jahr damit fahren, aber das konnte er immerhin - und später profitierten dann andere von einem tollen Gebrauchtwagenschnäppchen. Ist das nicht auch eine Art, die Lebensregel des žals ob nichtÓ zu beherzigen?

Selbst ein Fehlkauf kann lehrreich sein: Als Jugendlicher kaufte ich mir unter Einsatz meines ganzen Taschengeldes ein schon damals politisch unkorrektes Spielzeug: einen Panzer mit Transporter, aus Metall, alles maßstabsgerecht. Monatelang war ich zuvor darauf aus. Kaum gekauft, wußte ich: Das war ein Fehler, der war es nicht Wert. Aber ich mußte das Spielzeug erst haben, um das zu merken. Vorher war ich wie besessen davon gewesen. Seitdem habe ich ganz andere Summen bewegt - aber nie wieder hat mich etwas so in seinen Bann geschlagen. žAls ob nichtÓ...

Die Lebensregel des žals ob nichtÓ kann selbst von Milliardären gelebt werden, ohne gleich zur Tarnung für den Wunsch nach immer mehr zu werden. Es kommt ja darauf an, wie einer mit seinem Reichtum umgeht. Man hat da so seine Phantasien: Wenn ich über das nötige Kleingeld (und auch das große) verfügte, würde ich damit z.B. eine Stiftung errichten, die jenen Gehör verschafft, die in Politik, Gesellschaft und Kirche nicht zu Worte kommen. Und das sind eine ganze Menge Leute. (Leider habe ich den großen Jackpot neulich nicht gewonnen.)

Wie Onkel Dagobert im Geld zu baden, ist neurotisch - aber wer kann, wer tut das schon? Geld auf die Hohe Kante legen, schon eher, das soll ja sehr deutsch sein - und es ist nicht in jedem Fall sinnvoller: Dahinter kann auch der untaugliche Versuch stehen, sich und seine Zukunft mit allen Kräften wenigstens finanziell abzusichern - was kaum gelingen kann, denn der Staat tut alles dagegen: Ich sage nur: Steuererhöhungen und zunehmende Staatsverschuldung, veraltete Sozialsysteme! Dagegen kann man nicht ansparen! Selbst ein Berg von 10 000 EUR schmilzt im Pflegeheim dahin wie Butter in der Sonne. Das Problem der meisten unter uns ist doch, das man - wie der Staat - kaum noch finanzielle Spielräume hat: Wie viel auch immer reinkommt - sei es wenig oder viel - es fließt gleich wieder weg: für die Steuer, die Versicherungen, die Miete, die Gesundheit, das Essen. Wie geht da das žals ob nichtÓ?

žSpare, lerne, leiste was, dann haste, kannste, biste wasÓ - das jedenfalls war früher (auch wenn man es morgen am Weltspartag wieder hören wird.) Heute müssen wir einfach in jedem Einzelfall genauer hinsehen, ob konsumieren oder sparen angebracht ist. Da ist die Urlaubsgeschichte von der Frau, die sich im Restaurant weigerte, für ein Heringsgericht 12,80 EUR zu bezahlen: žSehen Sie, hier ist das Geld, ich kann mir das leisten - aber ich sehe nicht ein, so viel für simple Heringe zu bezahlen!Ó Also: die Kontrolle wiedergewinnen - nicht allein über seine Ausgaben: vor allem über sich selbst. Bill Gates soll seine Kinder finanziell ja ziemlich kurzhalten - damit sie lernen, sachgerecht mit seinem Reichtum umzugehen.

Aber egal, ob es nun um Bill Gates geht oder um uns oder um wirklich Arme - gerade Arme sind manchmal besonders vom Alles-Habenwollen besessen - die Freiheitsregel des žals ob nichtÓ meint grundsätzliche Freiheit vom Haben: sich also nicht verbeißen in die Dinge, die man doch zum Leben braucht; sie beherrschen, sich nicht von ihnen beherrschen lassen. Das ist aber nicht bloß eine innere Haltung. Ob man sie hat, diese Freiheit, das läßt sich testen: Wie weh tut mir ein Verlust - die teure Beule am Kotflügel, die gefallene Aktie, die geraubte Handtasche? Ich gestehe: Als ich mir vor Jahren bei unserem alten Daimler selbst das Geburtstagsgeschenk eines neuen Sterns auf der Haube gemacht hatte und der nach kaum sechs Stunden wieder abgebrochen worden war - gut, daß mir der Übeltäter nicht in die Hände fiel. Um von meinem Zorn frei zu werden, mußte ich mich damals erst wieder an einen unserer Studentensprüche erinnern lassen: —Was ist das alles angesichts der Ewigkeit...Ó.

Ach ja, die Ewigkeit. Das war ja unsere Anfangsfrage. Was tun, wenn die Welt untergeht? Paulus empfahl für diese Zeit, für unsere Zeit, die Regel des —als ob nichtž. Weder der sparsame Kleinbürger, der sich durch Verzicht heute die Zukunft erkaufen will, noch der großspurige Verschwender, der sich mit Geld Freunde macht, sind also für uns geeignete Vorbilder - eher schon der Spieler, der alles auf eine Karte gesetzt hat und schon vor dem Ausspielen weiß, das er das siegreiche Blatt in den Händen hält.

Wenn wir also wüßten, daß es schon Ende des Jahres mit der Welt vorbei wäre, dann könnten wir auch genauso weitermachen wie bisher: kaufen oder nicht kaufen. Auch diese Freiheit haben wir. (Lediglich den Kauf des Jahreskalenders 2007 hätte ich mir dann sparen können.)
G. Amen.
 
 


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