Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am 1.10.2006 (Erntedanktag) über 1 Tim 4, 4-5

Liebe Gemeinde!
Laßt uns heute etwas üben, etwas wieder einüben, etwas, was wir als Kinder alle ganz früh gelernt haben. Es geht um die berühmten zwei Worte, die Zauberworte, die Worte ... (bitte/danke). Es geht auch um deren richtige Reihenfolge und darum, was passiert, wenn wir sie gebrauchen. Unser Predigttext hat uns schon daran erinnert: Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird; denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet.

Es geht also darum, daß wir mit Danksagung empfangen. Empfangen, das heißt: Ich bekomme etwas, was ich noch nicht hatte - etwas Neues also: Und dafür danke ich dann. Wie heute: Da danken wir den Kunden von KaiserŽs, die —Eins mehrž gegeben haben und den Kindern der Kita St. Morus in Kleinmachnow, die so viel mitgebracht haben, daß die Helferinnen und Helfer von —Laib und Seelež reichlich an Bedürftige verteilen können. Danke also. Und dazu auch mein Dankeschön an die Gemeinde - für die drei Monate Studienurlaub: Danke besonders denen, auf denen in dieser Zeit besonders viel Arbeit gelastet hat.

Danke sagen hat man uns ja schon als Kindern beigebracht: Danke sagen, wenn man etwas bekommt. Oder besser: schon danken, bevor man etwas bekommt. Vielleicht bekommt man dann ja mehr, weil man so höflich und gut erzogen ist. Nicht immer —bitte, bittež quängeln. Die Folge: Danke sagt man eigentlich immer - selbst wenn man sich etwas verdient hat, wenn man einen Anspruch darauf hat. Und das ist auch gut so. Denn Danke sagen verändert diese Anspruchshaltung: Es übt etwas ein, die grundsätzliche Haltung der Dankbarkeit. Dankbarkeit als Haltung meint: Es ist nicht selbstverständlich, daß du etwas bekommst - auch nicht das, was du da bekommst und wofür du dankst. Also: immer schön brav —dankež sagen - und vielleicht noch einen Diener machen? Im Umgang miteinander gewiß. Aber so harmlos, so brav und bürgerlich geht es in der Bibel nicht zu. Wenn da im ersten Timotheusbrief von der Danksagung die Rede es, dann ist damit eine ganz spezielle Situation gemeint: Es geht um den Dank an Gott. Und Gott verändert hier noch ganz anders, der verändert wirklich: Gottes Wort wirkt wirklich wie ein Zauberwort. Er nimmt das Gift raus aus einer verdorbenen Beziehung, aus der verdorbenen Beziehung von Gott und Mensch. Konkret geht es hier ums Essen. Zur Erinnerung: Manche Sachen sind damals verboten, Schweinefleisch zum Beispiel. Warum das denn? Nicht weil es im Alten Orient ohne Kühlkette so schnell verderblich wäre - das ist das moderne Verständnis, was den Ernst des Problems auf Fragen der Hygiene reduziert - nein, Schweinefleisch ist verboten, weil Gott verboten hat, es zu essen. Basta. Warum hat Gott es verboten? Weil wir jenseits von Eden leben, nicht mehr im Paradies.

Die alten Geschichten vom Paradies, die auch heute noch jedes Kind kennt, es sind ja Geschichten über uns, die wir nicht im Paradies leben: Denn wir Menschen habenŽs vermasselt. Wir haben die gute Beziehung von Gott und Mensch verdorben. Und weil das so ist, ist auch nicht alles gut für uns, darum kann nicht jeder machen, was er will, darum brauchen wir Regeln - wie diese Speisevorschriften.

Müssen wir jetzt also die Gaben vor dem Altar untersuchen? Prüfen, ob da nichts Verbotenes liegt, kein Schweinefleisch, mehr noch: überhaupt nichts, was nicht koscher wäre? Nein - und der Predigttext sagt, warum: Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut.

Gut? Alles ist gut? Ich glaub, ich bin im Fernsehn. Da heißt es doch dauernd: —Alles wird gut...ž. Nein, liebe Gemeinde, es wird nicht erst alles wieder gut. Kein «Heile, heile, Gänschen, sŽwird alles wieder gutž - irgendwann, wenn mal wieder bessere Zeiten kommen. Die Frohe Botschaft des Neuen Testamentes lautet: Es ist schon wieder gut - jenes verdorbene Verhältnis von Gott und Mensch, das dazu führte, das wir Regeln brauchen, Vorschriften, die man beachten mußte, um sein Verhältnis zu Gott in geordneten Bahnen zu halten, Vorschriften wie jene Speisevorschriften. Es ist schon wieder gut - weil Jesus Christus es wieder gut gemacht hat. Durch sein Kreuz hat er die religiösen Vorschriften, die alten Regeln durchkreuzt. Die Folge: Wir können nicht nur alles essen, wir können auch ganz entspannt und ohne Zwang, aus vollem Herzen, —Dankež sagen, —Dankež - und auch: —Bittež.

"Nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird; denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet." Im Verhältnis der Menschen zu Gott hat sich was verändert, hat er was verändert: Jesus Christus, das Wort Gottes, und unser Beten und Bitten in seinem Namen. Er ist das Zauberwort - und das Danken und Bitten bei Gott sind die guten Worte, die das verdorbene Verhältnis von Gott und Mensch hinter sich gelassen haben. Daran erfreut sich der chrstliche Glaube.

Und was wird da aus den alten Regeln, den Speisevorschriften von einst? Für viele gelten sie ja noch heute. Wie ist es z.B. mit der Schweinewurst in der Berliner Kita? GibtŽs nicht. Längst verdrängt, wegen der Muslime. Und wir haben uns daran gewöhnt, nicht mehr darum zu streiten. Gut so - auf den ersten Blick jedenfalls.

Leider hat das den Streit der Religionen nur verdeckt, nicht wirklich geschlichtet. Permanent sehen sich Muslime vom Westen beleidigt. Da gehtŽs nicht mehr nur um eine Wurst aus Schweinefleisch, da gehtŽs nun wirklich um die Wurst. Der Papst steht am Pranger, weil er in Form eines Zitates die Frage stellte, die sich die Christen seit mehr als tausend Jahren stellen: Was hat der Islam gebracht? Hat er etwas gebracht? Dabei ist das doch nur dieselbe Frage, die dem Christentum seit langem gestellt wird: Was bringt dieser Glaube? Und häufig schwingt in der Frage mit: Nichts hatŽs gebracht: Guckt Euch die Welt doch mal an!

Wir können die Frage der Zweifler guten Gewissens anders beantworten: Dieser Glaube hat Gott in Jesus zu den Menschen gebracht, zu allen. Und das hatte Auswirkungen: kleine und große. Denn wer das glaubt und sich auf ihn verläßt, der braucht die alten religiösen Regeln nicht mehr. Er ist frei, so frei, daß er sie theoretisch auch halten könnte: Keiner muß ja Schweinefleisch essen. Wichtig bloß: Sein Heil hängt nicht daran, nicht am Schweinefleisch - und nicht an den Regeln und Geboten überhaupt. Der Weg zu Gott hat nun einen Namen, den Namen eines Menschen, seinen Namen: Jesus Christus.

Andere allerdings brauchen solche Regeln für ihren Glauben - und noch ganz andere Regeln, die uns fraglich erscheinen, wenn wir hören, wie wichtig sie sein sollen. Und wenn wir sie beim Nachlesen so gar nicht im Koran finden, obwohl man uns versichert, sie ständen da - die Sache mit dem Kopftuch zum Beispiel - dann muß man doch darüber reden. Christlich gesehen, hat der Islam etwas gebracht - die Wiederkehr alter Regeln für die Beziehung von Gott und Mensch. Und er hat etwas genommen: die befreiende Tat Jesu Christi. Wie schade.

Und das, liebe Gemeinde, müssen wir doch sagen dürfen - ohne unser Leben zu gefährden. Notfalls allerdings müssen wir das auch sagen, wenn wir unser Leben damit in Gefahr bringen würden, weil beleidigte Mitmenschen ihre Wut nicht unter Kontrolle zu bringen vermögen. Und wir müssen das auch sagen, wenn man uns im Namen der aufgeklärten Toleranz verfolgt, einer Toleranz, die keine christliche Meinung mehr duldet.

Erntedank läßt uns denken ans Essen und Trinken. Das - so meint man - haben doch alle Menschen gemeinsam. Und so wurde Erntedank scheinbar ein multireligiöses und multikulturelles Fest, ein Fest selbst für Ungläubige. Und - wie passend - fallen nicht in diesem Jahr auch andere bedeutende religiöse Feste in diese Zeit? Seit einer Woche ist Ramadan und heute abend beginnt Yom Kippur, der jüdische Versöhnungstag. Sind das nicht alles Tage und Zeiten des Betens und Dankens? Haben nicht alle diese frommen Menschen seit Kindesbeinen gelernt, was auch wir gelernt haben - zu danken und zu bitten?

Vor fünf Jahren, nach dem 11. September, saßen wir hier ziemlich beunruhigt zusammen. Keiner wußte, was da noch alles auf uns zukommt. Sind wir nun klüger? Wohl kaum. (Nur der Staat, überhaupt die Staaten, sie sind stärker geworden - und vor allem teurer für uns Bürgerinnen und Bürger.) Vor fünf Jahren stellte einer in unserer Runde die Frage, die bis zu jenem Tag wohl die meisten mit Ja beantwortet hätten: —Haben wir nicht alle denselben Gott?ž

Mir geht sie seitdem nach, und ich habe die vergangenen drei Monate genutzt, um auch darüber nachzudenken. Ergebnis: Nein, wir haben nicht alle denselben Gott.

Mit Martin Luther - Sie kennen sein Wort: —Woran du ... dein Herz hängst und [worauf du dich] verlässest, das ist eigentlich dein Gott.ž - bin ich der Überzeugung, daß wer sein Herz nicht an Jesus Christus hängt, daß der sein Herz an einen anderen Gott hängt. Allah bleibt unberechenbar. Er will gebeten werden. Er ist barmherzig - aber er kann auch anders. Auf jeden Fall könnte er anders, wenn er wollte. Der in Jesus Christus offenbare Gott aber kann nicht anders - nur den Menschen nahe sein, sie in seine vergebende Nähe einladen.

Und das verändert auch unser Danken und Bitten. Aus dem religiösen Durcheinander von Bitten und Danken - bitten um Hilfe, danken für Hilfe, vor dem nächsten Bitten aber lieber erst mal wieder danken - wird ein erlöstes, befreites Nacheinander: Erst kommt das Danken, der Dank für Jesus Christus, das Wort Gottes - und dann das Bitten, das Bitten um das Kommen von Gottes Herrschaft: —Dein Reich komme...ž

Erntedank können wir das einüben, den christlichen Dank und das christliche Bitten - mit Hilfe von Timotheus: Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird; denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet - oder auch ganz einfach - mit dem alten Kinder- und Abendmahlsgebet:
Komm, Herr Jesus, sei unser Gast...
(G. und segne, was du uns bescheret hast.)
Danke.
G. Bitte.
P. Amen.
 
 


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