Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
Anschrift: Jakobikirchstr. 6 - D-10969 Berlin
E-Mail: dr@rainerhauke.de
Telefon: (030) 614 60 63
Fax: +49 30 614 60 63

Predigt am 14. Sonntag nach Trinitatis über 1 Thess 5, 12-24

Liebe Gemeinde!
Wir haben ihn bereits zweimal gehört, den heutigen Predigttext: zur Besinnung und als Epistel - und das mußte auch so sein, denn es handelt sich ja um einen Brief, der zur Besinnung Anlaß gibt: den Empfängern von damals und uns heute.

Paulus hatte an die Gemeinde in Thessaloniki geschrieben - und am Schluß seines Briefes kommt er auf die übliche Paränese, die Ermahnungen, zu sprechen. Was mit diesem Fachausdruck gemeint ist, ist uns wohl bekannt: Es geht darum, das, was eigentlich bekannt und allen geläufig, ja selbstverständlich ist, noch einmal zu sagen, um es einzuschärfen, einzuüben, Gewohnheit werden zu lassen. Zum Beispiel: Kein Gespräch mit meinem Vater endet, ohne die väterliche Paränese: "Paß auf dich auf, fahr vorsichtig, arbeite nicht zu viel!" Und wie seine Ermahnungen, zwar grundsätzlich beherzigt, im Laufe meines Lebens manchmal auch Schall und Rauch blieben, obwohl es doch um Selbstverständliches geht, ist es so auch den Ermahnungen ergangen, die Paulus zuerst nach Thessaloniki schickte und die dann - aufbewahrt und weitergegeben - in den Gemeinden immer wieder zur Besinnung dienten. Nehmen wir sie uns Satz für Satz noch einmal vor:

Wir bitten euch aber, liebe Brüder, erkennt an, die an euch arbeiten und euch vorstehen in dem Herrn und euch ermahnen; habt sie um so lieber um ihres Werkes willen. Haltet Frieden untereinander.

Wie steht es eigentlich bei uns mit der Achtung für die, die in der Gemeinde ein Amt haben? Die Mitglieder des Gemeindekirchenrates, die Ältesten, und ihr Engagement nimmt man oft gar nicht zur Kenntnis - und wenn sie auch stundenlang an Grill oder Kaffeetheke stehen. Und "Pfarrer Hauke? Den kannst du vergessen - entweder er ist krank oder verreist!" Die syrisch-orthodoxen Gemeindeglieder hingegen küssen ihren Pfarrern die Hand. Das geht mir zwar zu weit - aber deshalb müssen die evangelischen Gemeindeglieder ihren Pfarrern ja nicht gleich in die Hände beißen. Friede also - und ein wenig Anerkennung bitte!

Wir ermahnen euch aber, liebe Brüder: Weist die Unordentlichen zurecht, tröstet die Kleinmütigen, tragt die Schwachen, seid geduldig gegen jedermann.

Zurechtweisen, trösten, mittragen und Geduld - das alles gibt es auch bei uns. Gott sei Dank! Damit diese Mahnungen aber ihr Ziel erreichen, dem Aufbau der Gemeinde wirklich dienen, darf keine von ihnen allein den Ton angeben: Stellen Sie sich eine Gemeinde vor, in der man nur kritisiert würde oder in der Sie nur trösten müßten und tragen - oder allem mit Geduld begegnen... Unerträglich und untragbar wäre das. Die Ermahnungen, die Paulus da nennt, sie gehen eine spannungsvolle Beziehung miteinander ein: Keine Kritik ohne Geduld, kein Trost ohne Kritik. Für uns heute wird leider nicht konkreter, was Paulus hier meint. Wir kennen ja nicht die genaue Situation, in der er spricht. Jedenfalls ist das der Grundsatz, der auf jeden Einzelfall angewendet werden muß.

Seht zu, daß keiner dem andern Böses mit Bösem vergelte, sondern jagt allezeit dem Guten nach untereinander und gegen jedermann. Seid allezeit fröhlich, betet ohne Unterlaß, seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus an euch.

Das Gute muß getan werden, gejagt, sagt Paulus. Und diese Jagd macht an den Grenzen der Gemeinde nicht Halt. Freude, Gebet und Dankbarkeit lautet die Parole. Und auch das hängt zusammen: Wer Gott dankbar ist, der betet - ist ganz auf Gott gerichtet, selbst ohne Worte, auch in Leid und Verfolgung. Kann es eine größere Freude geben? "Gott sei Dank für alles" - das Lebensmotto des größten Predigers der Alten Kirche, des Kirchenvaters Johannes Chrysostomus.

Den Geist dämpft nicht. Prophetische Rede verachtet nicht. Prüft aber alles, und das Gute behaltet. Meidet das Böse in jeder Gestalt.

Paulus schreibt hier zur Ordnung der Gemeinde - oder zur Unordnung? Kann jeder machen, was er will, jeder sein eigener Prophet sein? Das hat man sich bei diesen und ähnlichen Worten des Apostels gefragt. Wer aber prüft die Geister?
Wo kommen wir denn hin, wenn man allen Raum gibt, die sich berufen fühlen, ihre Begeisterung auszuleben? Woher kommt die Ordnung? Von oben, von unten?

Paulus meint: Der Geist Gottes regiert. Der kommt von ganz oben, und er kommt von Gott her bei uns an - so daß der Geist Gottes die eigentliche Prüfinstanz darstellt. Er prüft, wenn wir an ihm prüfen, wes Geistes Kind wir sind.

Vermutlich hat Paulus hier eine ganz konkrete Situation vor Augen. Da gab es in Thessaloniki wohl Menschen, die ganz sicher wußten, was Gott von ihnen und den anderen wollte - und die fingen an, das Kommando in der Gemeinde zu übernehmen. Paulus fordert nun auf, diese Geister zu prüfen, sie an dem zu messen, was er als die Botschaft des Evangeliums von Jesus Christus überliefert hat. Und da muß er feststellen, daß sich das Böse eben auch in der Form prophetischer Rede einschleichen kann.

So war das damals. Und heute? Der Ruf zum Kampf gegen das Böse kommt heute ja direkt aus dem Weißen Haus - verbunden mit der Ankündigung kommenden Unheils, wenn dem nicht bald entsprochen werde. Ist das wahre Prophetie, also Deutung der Gegenwart vom Willen Gottes aus? Will Gott diesen Krieg? Ist das die Botschaft am 1. September, dem traditionellen Antikriegstag, ein Jahr nach jenen Ereignissen, die auch jetzt nur scheu mit dem Datum benannt werden, dem 11. September?

Statt einer Antwort die letzten Worte des heutigen Predigtextes. Sie werden zu einem Segenswort:
Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch und bewahre euren Geist samt Seele und Leib unversehrt, untadelig für die Ankunft unseres Herrn Jesus Christus. Treu ist er, der euch ruft; er wird's auch tun.

Liebe Gemeinde, wir können also nicht zum Krieg aufrufen, jedenfalls nicht im Namen Gottes, des Vaters Jesu Christi. Wir führen keinen Heiligen Krieg. Wir sind keine Muslime. Die Welt wird nicht heilig durch unser Tun. Gott ist es, der uns heiligt und für die Ankunft Jesu Christi bewahrt.

Dieser Glaube allerdings, daß Gott uns heiligt und uns bewahrt an Geist samt Seele und Leib unversehrt - und nicht das Einhalten von Speisevorschriften - kann uns selbst in die Verfolgung führen, uns selbst zu Opfern machen.

Neulich im Kindergarten. Elternabend. Eine christliche Erzieherin, eine christliche Mutter, die anderen Moslems. Es geht um das Frühstück. Natürlich gibt es für alle nur Geflügelwurst, um die muslimischen Speisevorschriften nicht zu verletzen. Aber einigen Müttern ist das nicht genug. Vielleicht hat der Fleischer ja vorher auch Schweinefleisch angefaßt, also soll es türkische Wurst geben. "Aber die ist meinen Kindern zu scharf, die mögen das nicht." "Schwein ist verboten, wie kannst du das essen, du fettes christliches Schwein, du mit deinem Jesus, diesem Lügner." Ein Wort gibt das andere. Die christliche Erzieherin läuft weinend hinaus. Die Mutter erläutert, daß sie den Islam und seine Überzeugungen respektiere, bittet um Toleranz, erzählt von guten türkischen Freunden, und dann gebe es eben gar kein Frühstück - nichts hilft. Am Ende wird ihr derart Druck gemacht, daß sie die Kinder jetzt aus der Kita nehmen will. Fast wären die Frauen handgreiflich geworden. Draußen vor der Tür noch ein Letztes: Die Kinder singen ein Spottlied gegen die Christen. Geschehen in diesen Tagen in der Stallschreiberstraße.

Christenverfolgung. Oder ist das Wort zu stark, ging es da wie beim Streit über Peter Strieders Thesen nicht um Religion, sondern um soziale Gegensätze? Jedenfalls hat die Frau in der folgenden Nacht nicht geschlafen und kämpft nun mit sich, daß ihr nicht alles verlorengeht, was in unserer Stadt an Miteinander zwischen den Kulturen und Religionen besteht. Sie will bei Frieden, Toleranz und Christus bleiben. Was sie erlebt hat, ist leider kein Einzelfall. Nur, daß es hier nicht mehr bei provozierenden Worten blieb. Wie können wir ihr helfen, wie können wir unsere Kinder und jungen Leute schützen - ohne in die rechte Ecke gestellt zu werden?

Die Mutter versucht jetzt, ihre Kinder für eine evangelische Schule anzumelden und die Gemeinde als Zufluchtsort für sich zu entdecken. Vor Jahren haben wir ja versprochen, Schutz vor rassistischen Verfolgungen zu bieten - und dabei natürlich an Ausländer gedacht, die solchen Schutzes bedürfen:
- Zettel "Noteingang" zeigen -
Wer hätte da gedacht, daß christliche Mitbürger das einmal in Anspruch nehmen?

Nach einem anderen Fall von antichristlichem Mobbing, in einer Schule, an dem nicht Ausländer, sondern deutsche Mitbürger beteiligt waren, sagte mir das Opfer: "Manchmal kann man sich nur noch an der Bibel festhalten." Das stimmt - und das muß auch so sein; denn nur so können wir vermeiden, nun selbst "Heilige Kriege" anzuzetteln.

Denn allen schrägen Blicken und bösen Worten zum Trotz: Wir bekennen Jesus Christus als Herrn und Richter der Welt - auch als Herrn und Richter jener, die als Christen oder Muslime Kriege ausrufen. Wir bekennen das voller Freude, in Gebet und Dankbarkeit, denn wir können uns gesagt sein lassen:
Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch und bewahre euren Geist samt Seele und Leib unversehrt, untadelig für die Ankunft unseres Herrn Jesus Christus. Treu ist er, der euch ruft; er wird's auch tun.

Das aber, liebe Gemeinde, ist keine Paränese, keine bloße Ermahnung mehr - sondern Gottes Zusage an uns. "Gott sei Dank für alles."
Amen.
 
 


Zurück zum Seitenbeginn

Zurück zur Indexseite