Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am 20. Sonntag nach Trinitatis über 1 Thess 4, 1-8

Liebe Gemeinde!
Heute geht es um Sex und Geld. Das ist eine brisante Mischung und ein Männer-Thema. Angestiftet hat das nicht die gestrige Berliner Venus-Messe, sondern der Apostel Paulus. Und das natürlich schon vor 2000 Jahren, als er seinen ersten Brief an die Christen in Saloniki schrieb, den ältesten Text des neuen Testamentes, also ein ausgesprochenes Frühwerk. Er wendet sich darin an die Männer der Gemeinde:

"Weiter, liebe Brüder, bitten und ermahnen wir euch in dem Herrn Jesus, da ihr von uns empfangen habt, wie ihr leben sollt, um Gott zu gefallen, was ihr ja auch tut -, daß ihr darin immer vollkommener werdet. Denn ihr wißt, welche Gebote wir euch gegeben haben durch den Herrn Jesus. Denn das ist der Wille Gottes, eure Heiligung, daß ihr meidet die Unzucht und ein jeder von euch seine eigene Frau zu gewinnen suche in Heiligkeit und Ehrerbietung, nicht in gieriger Lust wie die Heiden, die von Gott nichts wissen. Niemand gehe zu weit und übervorteile seinen Bruder im Handel; denn der Herr ist ein Richter über das alles, wie wir euch schon früher gesagt und bezeugt haben. Denn Gott hat uns nicht berufen zur Unreinheit, sondern zur Heiligung. Wer das nun verachtet, der verachtet nicht Menschen, sondern Gott, der seinen heiligen Geist in euch gibt."

Nach grundlegenden Ausführungen über die baldige Wiederkunft Christi, wird es praktisch. Wie soll einer leben, der damit rechnen muß, das Jesus bald wieder zurückkehrt und damit Gottes Herrschaft, das Reich der Freiheit und des Friedens, beginnt?

Er soll Gott gefallen und immer vollkommener werden. Dazu gilt es, Gottes Gebote zu beachten, die auch Jesus bestätigt hat. In auffälliger Weise hebt Paulus zwei Beispiele hervor - Geld und eben Sex. Was sagt er da? Meidet die Unzucht!

Unzucht, gr. porneia - was genau meint er damit? Ganze Bücher sind schon darüber geschrieben worden, mit Hurerei wird der Ausdruck auch übersetzt. Man denkt zunächst an Sex außerhalb der Ehe: an Prostitution und das sogenannte Fremdgehen. So richtig verstehen aber kann man den Ausdruck erst vor dem Hintergrund der Welt, in die hinein Paulus schreibt:

Männer hat damals eine Lebenserwartung von gerade mal 25 Jahren, nur Reiche und Privilegierte konnten sich sexuell so austoben wie in den Bildern, die sich die Neuzeit von der Antike gemacht hat: —Toll trieben es die Alten Römerž. Die anderen bekamen Kinder - und starben.

Und der Staat machte Druck: Er brauchte Kinder - Soldaten. Von daher gab es eine rigide staatliche Moral, die populäre Philosophenschulen, wie die der Stoiker verbreiteten: Jede Frau mußte wenigstens fünf Kinder in die Welt setzen - und erziehen! Wer bloß auf sexuelles Vergnügen aus war, gehörte zu einer kleinen, höchst unpopulären Minderheit. So zu leben, mußte man sich erst einmal leisten können. Ewiges Leben hingegen bedeutete: Nachwuchs haben.

Wer nun gegen diesen staatlich verordneten Fortpflanzungsdruck aufstand und Askese und Enthaltsamkeit, Verzicht auf die Ehe predigte, machte sich verdächtig. Was wir bei Paulus lesen und heute vielleicht für den Beginn der vielverschrienen sogenannten christlichen Leibfeindlichkeit halten (von Paulus zu Buttiglione) war ein Akt des Protestes gegen den Staat und galt damals als durchaus aufrührerisch.

In seinem Brief nach Saloniki geht Paulus aber gar nicht so weit: Ein jeder von euch suche seine eigene Frau zu gewinnen! Auch dieser Satz muß erst einmal verstanden werden: Wörtlich heißt es: —Jeder erwerbe sich sein eigenes Gefährt!ž Der Ausdruck meint wirklich kaufen - und was Luther mit Frau übersetzt, meint wörtlich: Gerät, was zur Fortbewegung gehört, auch Ausrüstung, Waffe oder Bekleidung. Paulus befürwortet damit aber nicht etwa Triebabfuhr durch Individualverkehr: —Kein Sex, kauf dir ein Pferd!ž, sondern bedient sich einer verhüllenden jüdischen Redewendung, die mit dem Wort Gerät oder Gefährt in der Tat von der Frau redet. Sich eine Frau erwerben - auch das wird einen jüdischen Hintergrund haben, das berühmt-berüchtige langjährige Dienen Jakobs um Lea und Rahel. Fragen der Sexualität werden ja auch heute noch gern sprachlich verhüllend ausgedrückt: Kommt ein junges Paar zum Pastor und klagt: —Unsere Eltern haben verboten, daß wir zusammen schlafen...!ž Sagt der Pastor: —Ihr schlaft ja nicht, ihr Schlingel!ž

Zurück zu Paulus. Ein Mann soll also seine eigene Frau haben. Das klingt bieder und ist auch wirklich nicht gerade eine Empfehlung des heutigen Brauchs der Lebensabschnittsgefährtinnen, obwohl früher Tod im Kindsbett durchaus dazu führen konnte - nur ist die Zielrichtung damals eine ganz andere. Es geht mit dieser Moral ja gegen das Heidentum. Und das hatte ganz andere Ideale. Von der staatlichen Bevölkerungspolitik haben wir schon gehört. Es gab aber auch die elitäre Vermeidung von Nachkommenschaft: Philosophen gestand man sie durchaus zu. Die waren anders. Aber auch mit denen macht Paulus sich nicht gemein. Er lehnt nur die gierige Lust ab.

Und damit ist er in damals guter Gesellschaft, auf der Höhe der Wissenschaft. Auch der große Mediziner Galen wunderte sich, daß die Götter beschlossen hätten, die menschliche Spezies mittels eines so heftigen Vergnügens zu erhalten, denn —eine sehr große Lust ist mit dem Gebrauch der Zeugungsorgane verbunden und ein rasendes Begehren geht ihrem Gebrauch voranž. Man beschrieb den körperlichen Vorgang wie die Funktion einer Espressomaschine: Da gerät alles in Hitze, und die antiken Vorfahren von Oswald Kolle und Teresa Orlowski mahnten besonders die Männer zur Beherrschung: Zuviel Umgang mit Frauen mache sie —weibischž - zu defekten Menschen. Sportler erhielten Sexverbot. Männlichkeit galt nicht als naturgegeben, sondern als permanent bedroht und mußte durch passendes Verhalten bewahrt werden. Der Arzt Soranus meinte: —Männer, die keusch bleiben, sind stärker und besser als andere und verbringen ihr Leben bei besserer Gesundheit.ž Alles in allem liefen die Empfehlungen der Medizinerschaft für die jungen Paare auf Selbstkontrolle hinaus, das habe positive Wirkungen auf die Nachkommenschaft, bevorzugt auf die männliche. Der Mann war der gelassene Herr einer ihm untergebenen Welt.

Will Paulus nun einfach dahinter nicht zurückbleiben, hinter dem damaligen Stand der Wissenschaft, wenn er sich gegen die gierige Lust  ausspricht, nicht zu den Hinterwäldlern gehören? Weiß er ein realistisches Mittelmaß zu wahren?

Daß seine Absicht eine andere ist, zeigt das zweite Beispiel für christliche Heiligung: Niemand ... übervorteile seinen Bruder im Handel! Nach Sex nun Geld: Und wieder landet Paulus einen Treffer. Die Gemeinde bestand wohl aus vielen kleinen Händlern, die Paulus zum korrekten Handeln auffordert. Das war wohl ebenso nötig wie der moralische Hinweis für Männer. Ob mit Bruder nun nur der Mitchrist oder auch der Mitbürger, vielleicht sogar der Mitmensch allgemein gemeint ist, läßt Paulus offen, ihm geht es ja um das Gericht Gottes. Das gilt allen. Und das kommt bald - mit der Wiederkehr Christi. Und da muß man eben andere Prioritäten setzen...

Bald merkt Paulus, daß Christus aber noch auf sich warten läßt - und dann erst recht die Junge Kirche: Sie muß sehen, wie sie sich mit der Welt arrangiert. Jahrhundertelang setzt sie auf Enthaltsamkeit und Askese - wenigstens für diejenigen, die es mit ihrem Christsein ernster nehmen als andere, für Mönche und Priester. Der britische Historiker Peter Brown interpretiert das in seinem Buch —Die Keuschheit der Engelž mit Emphase: —Die Keuschheit kündete ... von der Morgenröte der Endzeit, nach Jahrtausenden verfehlten Geplänkels mit dem Tod durch ehelichen Verkehrž. Sachlicher gesprochen: Angesichts des nahen Reiches Gottes kann der Christ darauf verzichten, den anderen sexuell oder ökonomisch auszubeuten.

Sex und Geld aber bleiben die beiden großen Lebenswirklichkeiten, mit denen sich auch Christenmenschen damals wie heute herumschlagen müssen. Was Paulus dazu sagt, ist nicht umfassend, gibt keine Regeln für jeden Einzelfall - aber doch Tips zur Heiligung: Ein jeder von euch suche seine eigene Frau zu gewinnen! Und: Niemand gehe zu weit und übervorteile seinen Bruder im Handel! - Eigentlich ganz simpel, was Paulus da sagt, irgendwie cool - nicht so aufgedreht und hysterisch wie das Leben bei Sex and the City. Überhaupt: Meine Aufklärung durch den kirchlichen Schriftenstand (die Älteren unter uns kennen das noch) war auch nicht so viel schlechter als die durch Dr. Sommer in der Bravo - ganz zu schweigen vom öden Sexualkundeunterricht mit seinem Biologismus: Da wird zwar alles Mögliche beschrieben - aber wie man dadurch glücklich wird: Das erfährt man auch nicht! Wie auch? Paulus immerhin nimmt uns allen schädlichen Leistungsdruck.

Und andererseits: Aus der Aufforderung zum fairen Handel, aus der Kollekte für die Armen wurden die verschiedenen Solidarsysteme als Grundlage unseres Gemeinwesens heute. So schlecht, wie Paulus häufig gemacht wird, war er damals, ganz am Anfang auch nicht.

Bloß das mit der Absage an die gierige Lust (wie die Heiden, die von Gott nichts wissen) - also, Bruder Paulus, sei nicht zu streng mit uns! Ich finde, ein bißchen Lust darf schon sein - auch für die, die von Gott was wissen.

Auch Martin Luther war da ja nicht so ganz einig mit Paulus. Sein bekanntes Wort an die Männer lautet: —In der Woche zwier schadet weder dir noch ihr.ž Zwier ist ein altes Wort für zwei. Zwei also - und nicht vier, ihr Männer!
Amen.
 
 


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