Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Sonntag Miserikordias Domini über 1 Petr 5, 1-4

Liebe Gemeinde!
Heute hören wir einige Sätze aus einem Brief, der uns unter dem Namen des Apostels Petrus überliefert ist: Es handelt sich um sogenannte Ermahnungen, mit dem Fremdwort gesagt: um Paränese. O je! Ermahnungen. Haben wir gar nicht gern. Das sollte lieber ein Fremdwort bleiben. - Zum Glück sind sie gar nicht an alle von uns gerichtet. Sie richten sich vielmehr ausschließlich an die Ältesten in der Gemeinde. Interessant. Was der Apostel unseren Ältesten wohl Ermahnendes zu sagen hat? Hören wir zu:

Die Ältesten unter euch ermahne ich, der Mitälteste und Zeuge der Leiden Christi, der ich auch teilhabe an der Herrlichkeit, die offenbart werden soll: Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist; achtet auf sie, nicht gezwungen, sondern freiwillig, wie es Gott gefällt; nicht um schändlichen Gewinns willen, sondern von Herzensgrund; nicht als Herren über die Gemeinde, sondern als Vorbilder der Herde. So werdet ihr, wenn erscheinen wird der Erzhirte, die unvergängliche Krone der Herrlichkeit empfangen.

Nanu, da sind ja wohl gar nicht die an Lebensjahren Ältesten angesprochen - eher geht es da um die Gemeindeleitung, die GKR-Mitglieder. Auch wir nennen sie ja gelegentlich Älteste. - Dann haben Sie mit diesen Sätzen ja gar nichts am Hut - und ich ziehe mich jetzt (mit Herrn Groos) zur persönlichen Beratung darüber zurück...

Aber jetzt haben Sie ja schon mitgehört und wollen vielleicht auch wissen, worum es hier geht. Überhaupt: Briefe, die nicht an einen selbst gerichtet sind, liest man ja aus Neugierde schon einmal gerne mit, besonders wenn einen die —Ermahnungenž gar nicht betreffen. Und hat der Apostel nicht sowieso Recht? Freiwillig sollen die Ältesten ihres Amtes walten, nicht aus Gewinnsucht, als gute Vorbilder eben. Das ist doch selbstverständlich. Warum betont es der Apostel so? Gab es damals etwa Leute, die aus Zwang oder Gewinnsucht in ein kirchliches Amt strebten? Für die Zeit der Alten Kirche vermag man sich das gar nicht vorzustellen. Später dann gab es das sicher. Da war Kirche ein Sprungbrett, eine Karrierechance. Da konnte man schon mal vom Sohn kleiner Moselfischer zum mächtigen Kardinal aufsteigen - aber heute?

Oder geht es hier um eine andere Art von Zwang, den Zwang, ja die Sucht, etwas gelten zu wollen? So daß man deshalb in der Kirche eine Aufgabe sucht? Um sich damit brüsten zu können? - Das steckt dann ja in uns allen. Die wahre Währung des 21. Jahrhunderts sei die Anerkennung, hat mal ein Beobachter unserer Zeit gesagt. Wer suchte nicht - manchmal wie verzweifelt - nach Anerkennung? Und wer es in der Schule, im Betrieb, in der Verwaltung, ja in der Familie nicht schafft, versucht es dann eben in der Kirche, in ihren Gruppen und Gremien. Überall gibt es Kämpfe um Anerkennung und Machtkämpfe. Bei der Kirche sind die allerdings häufig versteckter - denn Herrschen in der Kirche ist nicht erlaubt, sagt ein biblischer Kommentar zur Stelle lakonisch. (Deshalb sprechen wir vom Dienst der Leitung.) Wer in der Kirche nach oben strebt, muß es raffinierter anfangen: den Leuten nach dem Munde reden, seine Herrschaft nicht sichtbar machen, durch scheinbaren Dienst hervorragen - Protokolle schreiben, sich von Fall zu Fall beauftragen lassen, sich unentbehrlich machen. Manche halten das dann für Bescheidenheit. Junge Leute verraten sich hingegen schneller: Immer wenn ich mit Konfirmanden in die Kirche gehe, gibt es einen Ort, der zuerst erobert wird.... Natürlich: die Kanzel.

Die Ermahnungen des Apostels - wir können uns also nicht zurücklehnen und unbeteiligt bleiben und so tun, als gingen sie uns nicht doch alle an. Jahrelang habe ich hier gestaunt über die Vielfalt der kleinen Dienste, das enorme Ausmaß an Nachbarschaftshilfe in unserer Siedlung - auch in unserer Gemeinde. Dann erst habe ich gemerkt, in wie vielen Fällen da Geld im Spiel ist. Und in fast jedem Brief, der auf meinem Schreibtisch landet, sucht jemand Geld oder Anerkennung, macht er oder sie auf sich aufmerksam. Jede zweite Email, jeder dritte Anruf hat einen Untertext: Laß mich wichtig sein! - Ertappt? Falls ja - dann sind die Ermahnungen des Apostels auch für Sie bestimmt, nicht nur für die gewählten Ältesten.

Die stehen bei uns sowieso nicht Schlange, die muß man erst gewinnen für diese undankbare Aufgabe - weshalb ich gerne nach Sitzungen im Scherz sage: —Danke. Danken wir uns gegenseitig - es tut ja sonst doch keiner.ž Weder Geld noch Anerkennung sind da zu kriegen - eher die Erfahrung eigener Machtlosigkeit.

Da kann man beschließen, was man will - aber es dauert unendlich lange, bis was passiert. Und dann ist wieder kein Geld da. Aber alle wissen es besser. Wenn dann - wie gegenwärtig - die nächste Sparrunde eingeläutet wird und es ans Eingemachte geht, sehen sich die Ältesten alleingelassen, weil alle sagen: Bei uns soll alles so bleiben, wie es ist. Ändern soll es sich bei den andern. Wie soll man als Ältester da das vom Apostel gewünschte Vorbild sein?

Tja, Vorbildsein, wie geht das? Vorbilder müssen heutzutage «funktionierenŽ, die dürfen nur etwas darstellen, was auch ich prinzipiell erreichen kann. Da greift man nicht mehr nach den Sternen. Mutter Teresa - nichts für mich. Aber jeder Autofahrer ein Schumi, jedes kreischende Kid ein Daniel Küblböck. Das sind die Vorbilder von heute - sie stellen dar, was auch ich prinzipiell könnte (wenn ich bloß entdeckt würde). Vorbilder - das sind heutzutage nicht mehr die anderen, denen man ähnlich zu werden bestrebt ist, große, aber ein wenig fremde Gestalten, sondern Projektionsfiguren für die eigenen Vorstellungen, Ich-Verstärker. Unerreichbare Ideale - nein, danke.

Dabei stellen die Ermahnungen des Apostels am Ende sogar eine Belohnung in Aussicht: So werdet ihr, wenn erscheinen wird der Erzhirte, die unvergängliche Krone der Herrlichkeit empfangen. Eine Krone. Wie sagte daraufhin mein katholischer Patenonkel, der langjährige Sänger im Kirchenchor? —Für mein Singen kriege ich im Himmel doch bestimmt Wolke 7 - mit einem besonders weichen Kissen.ž

Gibt es im Himmel aber wirklich ein Mehr oder Weniger, also Abstufungen, ein Oben und Unten? Manche haben das so verstanden und sich den Himmel als Abbild der Erde vorgestellt: mit einer Hierarchie, einer gestuften Herrschaft - so daß man schon auf Erden bestrebt ist, später dann ganz nach oben zu kommen. Das war eine Verlängerung des irdischen Wettlaufes nach Anerkennung. Selbst Christen in der Tradition Martin Luthers, denen es klar war, daß man sich den Himmel nicht erarbeiten kann, sprachen von «Graden der SeligkeitŽ. Aber das ist es nicht, was der Apostel hier andeutet.

Die «Krone der HerrlichkeitŽ kennzeichnet vielmehr jeden Erlösten, nicht nur die Ältesten und Oberhirten. Wer sich das Leben der Erlösten nur als Verlängerung des irdischen Wettkampfes vorstellt mit Sieg und Platz und Medaillen - der —hat einen in der Kronež. Die «Krone der HerrlichkeitŽ bedeutet Teilhabe an Gottes Herrlichkeit - und das genügt. Das genügt auch, um sich wichtig zu fühlen - ohne sich wichtig tun zu müssen.

Nach all diesen Ermahnungen: Was bleibt - den Ältesten und allen Mitchristen? Was bleibt der Herde und den Hirten? Christus - der Erzhirte, der wahre Oberhirte, der gute Hirte. Wir arbeiten für Gottes Lohn, sagten die Menschen früher. Gottes Lohn - das ist er selbst. Er kommt, sagt der Apostel, und wird dann seine Herrschaft über alle antreten, alle in die Schranken weisen, die uns jetzt mit ihrer Herrschaft in Staat und Kirche belästigen.

Aber das ist noch nicht alles. Ein alter erfolgloser katholischer Priester, mehr als nur bloß ein bißchen genervt von allen, die in seiner Gemeinde und Kirche die Herrschaft ausübten, tröstete sich täglich damit: —Jeden Morgen kann ich in der Messe beim lieben Gott sein. Das ist die schönste Stunde am Tag.ž Das war ihm genug. Wichtiger brauchte er nicht zu sein - und sich auch nicht wichtig zu tun.

Und wir? Jesus Christus, den guten Hirten, liebe Gemeinde, können auch wir schon jetzt über uns herrschen lassen - wenn wir ihn zu uns kommen lassen unter den Zeichen von Brot und Wein.
Amen.
 
 


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