Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Sonntag Quasimodogeniti über 1 Petr 1, 3-9

Liebe Gemeinde!
—So sah Jesus aus: 1,81 m groß, 80 kg, Blutgruppe AB. 100 Jahre Forschung: Das TURINER GRABTUCH ist echt ­ was es beweist, was es widerlegt.ž So titelte der Focus zu Ostern: vor sechs Jahren allerdings. Letztes Jahr hingegen hieß es in Turin, es sei vom Ende des Mittelalters, der berühmte Michelangelo habe es gemalt. Und im nächsten Jahr? So oder so: Allem Anschein nach gibt es immer wieder Neuigkeiten über Tod und Auferstehung Jesu Christi.

Vor sieben Jahren war es, da wollte uns ein Professor davon überzeugen, daß das Grab Jesu nicht leer war, sondern voll. Für die Christen eine schlechte Nachricht, denn ließe sich das beweisen, was wäre dann mit dem Glauben an die Auferstehung Jesu Christi von den Toten? Der Professor selbst sah darin nur noch ein Symbol für das alltägliche neue Anfangen. Moral und eine Prise Esoterik also: Bei allen Niederlagen heißt es: Aufstehen! Laß dich nicht hängen, mach weiter! Über seine Gedanken war anfangs viel zu lesen - aber nachhaltig haben sie nicht gewirkt. Man hat dergleichen ja auch schon oft genug gehört. Manch angeblich Neues ist in Wirklichkeit sehr alt und wird durch Wiederholung nicht überzeugender. Man fragt sich ja immer schon: Das soll dann alles bei Jesus gewesen sein? Welch großer Aufwand ­ Leiden und gewaltsames Sterben eines guten Menschen ­ für eine so kleine Erkenntnis! Jesus bloß einer, der moralische Lebensweisheiten predigt!? Folgerichtig wird auch sein Tod, der Tod am Kreuz, unwichtig, und es heißt, er sei nur scheintot gewesen. Wer so von Jesu Tod und Auferstehung denkt, der sollte sich für sein alltägliches neues Anfangen vielleicht lieber auf das morgendliche Klingeln des Weckers verlassen als auf Jesus Christus.

Ganz anders sah der Osterglaube aus, von dem die ersten Christen erfüllt waren. Unser heutiger Predigttext gibt uns einen Einblick in ihre Denkweise:
—Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen  Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten, zu einem unvergänglichen und unbefleckten und unverwelklichen Erbe, das aufbewahrt wird im Himmel für euch, die ihr aus Gottes Macht durch den Glauben bewahrt werdet zur Seligkeit, die bereit ist, daß sie offenbar werde zu der letzten Zeit. Dann werdet ihr euch freuen, die ihr jetzt eine kleine Zeit, wenn es sein soll, traurig seid in mancherlei Anfechtungen, damit euer Glaube als echt und viel kostbarer befunden werde als das vergängliche Gold, das durchs Feuer geläutert wird, zu Lob, Preis und Ehre, wenn offenbart wird Jesus Christus. Ihn habt ihr nicht gesehen und habt ihn doch lieb; und nun glaubt ihr an ihn, obwohl ihr ihn nicht seht; ihr werdet euch aber freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude, wenn ihr das Ziel eures Glaubens erlangt, nämlich der Seelen Seligkeit.ž

Wie anders klingt das, wie hier von Tod und Auferstehung Jesu die Rede ist: Gelobt sei Gott! Warum? Weil Gott uns durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten zu einer lebendigen Hoffnung wiedergeboren hat. Mit überschwenglichen Worten wird diese Hoffnung gepriesen, die aus Tod und Auferstehung Christi erwächst. Worin besteht diese Hoffnung? Sie besteht darin, daß der Glaube an Jesus als den Gekreuzigten und Auferstandenen unsere Seligkeit bedeutet. Und das nun zu erklären haben die Christen seitdem unternommen.

Den überschwenglichen Lobpreis, mit dem der erste Petrusbrief beginnt, konnte man vor dem Hintergrund einer Geschichte anstimmen. Es ist die Geschichte der großen Taten Gottes, die wir in der Feier der Drei Tage von Gründonnerstag bis zur Osternacht begangen haben: Gott, der Himmel und Erde erschaffen hat, hat sich des kleinen Volkes der Juden angenommen, es aus der Sklaverei in Ägypten herausgeführt und mit ihm einen Bund geschlossen. Wenn das Volk von diesem Bund abfiel, sandte Gott immer wieder neue Boten, um den Bund zu erneuern. Dieser Bund bedeutet Leben, Leben, auch wenn die Welt zerbricht und aus den Angeln fällt. Am Ende steht Gottes Herrschaft im Himmel und auf Erden fest. Und Gottes Herrschaft über den Tod hat in Tod und Auferstehung Jesu Christi bereits begonnen: Christus ist der —Erste der Entschlafenenž. Damit ist er der erwartete Retter, der Messias. So erzählten die ersten Christen ihrem Volk von Gottes großen Taten im Rahmen der Geschichte ihres Volkes.

Sie verkündeten dies nicht nur ihrem Volk. Die Geschichte von Tod und Auferstehung Jesu Christi geht alle Welt an, denn sie zeigt die Überwindung der Sterblichkeit. Sterblichkeit, das war der Weltschmerz, an dem die Antike litt.

Ihre großen Leistungen in Kultur und Wissenschaft ­ alles bedroht durch den Tod, alles fad, in Auflösung begriffen, vergänglich. Nichts bleibt. In diese Welt hinein verkündet das Christentum die gute Nachricht vom Leben, spricht es von der Seelen Seligkeit. Überwindung des Leidens an der Sterblichkeit, Erlösung vom ewigen Tod zu verkünden aber setzt voraus, daß Jesus Christus als der —Erste der Entschlafenenž verkündet wird: sein Tod und seine Auferstehung müssen als Tat Gottes verstanden werden, die an ihm vorwegnahm, was aller Welt angeboten ist.

Zur Menschwerdung des Gottessohnes gehört aber nicht nur sein Erscheinen im Fleisch nach Art der griechischen Göttermythen, sondern auch sein wirklicher Tod. Erst so erhält die Behauptung: Der Tote lebt, ihre Kraft. Christus ist der Auferweckte Gekreuzigte. Die Kirchenväter formulierten deshalb knapp nach Art eines Lehrbuchsatzes: —Was nicht angenommen ist, ist nicht erlöst.ž Erst Jesu Fluchtod machte dem Tod den Garaus. Und wie kann das sein?

Anders als die alten und modernen Bestreiter von Tod oder Auferstehung Jesu Christi kommt der christliche Glaube dabei nicht ohne Gott aus; denn nur Gott der Schöpfer kann aus dem Tod ins Leben erwecken. Nur Gott machtŪs möglich. Eine sprachliche Eigenart der Bibel gibt uns einen Hinweis darauf: Wenn die Bibel von Gott und seinem Handeln redet, dann redet sie häufig anders von ihm als vom menschlichen Handeln, dann spricht sie in der grammatikalischen Form des Passiv: —Jesus wurde auferwecktž, so lautet die ursprüngliche Form der Osterbotschaft - und für den in der Bibel Bewanderten ist klar, was damit angedeutet wird: Hier hat Gott gehandelt.

Sagt der alte Rabbi zu Gott: "Mein Sohn ist Christ geworden und hat sich taufen lassen. Was soll ich tun?" Sagt Gott zu ihm: "Auch mein Sohn hat sich taufen lassen. Mach es wie ich - mach ein Neues Testament!" Ein jüdisch-christlicher Witz? Kein Witz: Gottes Handeln geht ja weiter - für uns. Wir alten Heiden sind plötzlich zu Erben geworden, wir haben - ganz unerwartet und ohne der Erblasser zu Lebzeiten kennengelernt zu haben - eine Erbschaft zu erwarten. Aber wer ließe sich das nicht gern gefallen?

Wir brauchen bei dieser Erbschaft nicht einmal ein schlechtes Gewissen haben: Anders als der gewöhnliche Erbschleicher auf den Tod von Onkel Willi warten wir ja nicht ungeduldig auf den Tod des Erblassers. Unser Erblasser Jesus Christus hat seinen Tod ja schon hinter sich. Auch ist das Testament schon eröffnet. Wir nennen es das "Neue". Unser Erbe liegt also schon bereit, im Himmel. Der 1. Petrusbrief spricht von einem unvergänglichen und unbefleckten und unverwelklichen Erbe, das aufbewahrt wird im Himmel für euch. Jetzt muß es uns nur noch zugeteilt werden. Da kann ein wenig Geduld nicht schaden: "Alle, die in den Himmel kommen wollen, sollen aufstehen!" ruft ein Prediger begeistert. Die ganze Gemeinde steht auf - nur einer bleibt sitzen. "Willst du denn nicht in den Himmel kommen?" fragt der Prediger. "Jetzt gleich? Nein!" Recht hat er. Aber darauf können wir uns schon heute freuen - quasimodogeniti (wie die neugeborenen Kinder) - auch wenn's einen im Leben manchmal hart angeht.

Wer an Jesus als den Christus, als den Sieger über den Tod glaubt, der darf wissen, daß die Worte aus unserem alten Text des Friedensgebetes wahr sind: —Weil du, Gott, mit uns gehst, werden wir unser Handeln nach deinem Gesetz nicht vor den Spöttern rechtfertigen müssen. Weil du mit uns gehst, werden wir unsere Erfolge nicht zählen müssen. Weil du mit uns gehst, muß unser Versagen uns nicht vor Mutlosigkeit stumm machen.ž So ist das verheißene Leben nach dem Tod schon jetzt mit dem Frieden in Christus verbunden, gibt der Glaube daran schon jetzt Gelassenheit und Zuversicht: —Ihn habt ihr nicht gesehen und habt ihn doch lieb; und nun  glaubt ihr an ihn, obwohl ihr ihn nicht seht.ž

Mit Jesu Grabtuch hätten wir bestenfalls sein Abbild gesehen. Und selbst ein leeres Grab - für sich genommen, ohne die Erscheinungen des Auferstandenen - ist stumm. Solch kleinen Glauben können wir getrost lassen. Uns ist weitaus mehr zu unserer Hoffnung zugesagt: Ihn selbst zu sehen ­ von Angesicht zu Angesicht.

Das sind die letzen, die quasi ultimativen Osterneuigkeiten von Jesu Tod und Auferstehung: Sein Tod ist unser Leben. Der Tod ist tot. Wer etwas Wichtiges zu sagen hat, macht keine langen Sätze. Er sagt nur noch:
Amen.
 
 


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