Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Sonntag Okuli über 1 Petr 1, 18-21

Liebe Gemeinde!
Ihr wißt, daß ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid von eurem nichtigen Wandel nach der Väter Weise, sondern mit dem teuren  Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten  Lammes. Er ist zwar zuvor ausersehen, ehe der Welt Grund gelegt wurde, aber offenbart am Ende der Zeiten um euretwillen, die ihr durch ihn glaubt an Gott, der ihn auferweckt hat von den Toten und ihm die Herrlichkeit gegeben, damit ihr Glauben und Hoffnung zu Gott habt.

In einem einzigen Satz präsentiert uns der unter dem Namen des Apostels Petrus überlieferte Brief das Basis-Wissen des christlichen Glaubens: das Wissen um die Erlösung durch Christi Tod. Lösen wir den Bandwurmsatz zum besseren Verständnis einmal in kleine Sätze auf - eine Übung, die ich gern mit Konfis mache, wenn es ums Apostolische Glaubensbekenntnis geht. Dort wie hier - Schachtelsätze. Also einmal Stück für Stück (Die Worte behalte ich weitgehend bei, stelle sie nur um.):

Euer Wandel nach der Väter Weise war nichtig.
Davon seid ihr erlöst -
aber nicht mit vergänglichem Silber oder Gold,
sondern mit dem Blut Christi.
Der war wie ein unschuldiges und unbeflecktes Lamm.
Er wurde schon vor Erschaffung der Welt dazu erwählt.
Am —Ende der Zeitenž wurde das offenbart - euch zugute.
Durch ihn glaubt ihr an Gott.
Der hat ihn auferweckt von den Toten und ihm seine Herrlichkeit gegeben - damit ihr Glaube und Hoffnung auf Gott habt.

Und nun erzähle ich das nach - mit eigenen Worten:
Gott hat mit Jesus einen Plan ausgeführt, den er immer schon gehabt hatte. Daraufhin gibt es ein Vorher und ein Nachher. Vorher galt es zu opfern. Das hat aber nichts gebracht. Die Christen leben nun im Nachher, in einer anderen Zeit. In dieser neuen Zeit wird nicht mehr geopfert. Vom Zwang zum Opfern sind sie erlöst. Diese Erlösung geschah nicht durch ein Geldgeschäft, nicht durch ein Sichfreikaufen wie bei einer Entführung, sondern wie durch das Opfern eines Lammes. Was geschah da? Gott hat Jesus von den Toten erweckt. Jetzt ist er wie Gott, im Besitz von Gottes Macht. Die Folge dieser Erlösungsaktion: An Gott glaubt man nun durch Jesus.

Alles klar, liebe Gemeinde? Wohl immer noch nicht - denn viele der Motive, die sich hier obendrein noch ineinanderschieben, sind uns heutzutage ja nicht mehr geläufig, jedenfalls nicht im ursprünglichen Sinn. Vor allem geht uns das so mit dem Thema Opfer. Von Opfern spricht man ja nur noch im Zusammenhang mit Krieg und Straßenverkehr, also von Verkehrs- und Kriegsopfern. Und neuerdings ist —Du Opfer!ž unter jungen Leuten eine geläufige Beleidigung. Hat das alles noch was mit dem Opfern im Alten Bunde zu tun? Warum und wie hat man damals geopfert?

Geopfert wird nach der Ernte - und zwar das beste Stück: Bauern opfern Feldfrüchte, Hirten ein Tier. Das kann ein Teil sein oder ein Ganzes. Dann spricht man vom Ganzopfer, gr. vom Holocaust. (Zur Bezeichnung der Massenvernichtung der Juden durch die Nazis ist das also ein äußerst problematischer, nein eigentlich ein untauglicher Begriff - mag er sich auch seit einigen Jahren durch die amerikanische Fernsehserie gleichen Namens durchgesetzt haben.) Opfern geschieht durch Töten und Verbrennen. Eigener Besitz wird so aufgelöst und vernichtet. Er wird damit symbolisch Gott zurückgegeben, dem man es verdankt. Am Anfang steht das Dankopfer.

Der Apostel Paulus kritisiert eine scharf eine andere Art des Opferns, eine bestimmte Absicht: opfern, um von Gott eine Gegenleistung zu bekommen. —Ich gebe dir, damit du mir gibst.ž (do, ut des) (Unter uns Menschen ist das ja ein geläufiges Verhalten.)

Im Tempelkult hingegen ging es vor allem um das Sühneopfer: Da ist das Opfern verbunden mit dem Gedanken der Reinigung und Entsündigung. Man könnte sagen, hier wird das Opfern geistiger verstanden:
Der äußere Vorgang bleibt zwar gleich, aber er wird interpretiert durch die Begriffe Schuld und Vergebung. Wenn der Hohepriester am Versöhnungstag ein makelloses Lamm opfert, dann steht dahinter der Gedanke: Gott wird uns daraufhin unsere Schuld vergeben. Warum? Eigentlich müßte der schuldige Mensch selbst sterben. Gott akzeptiert aber das geopferte Tier als Ersatz, als Ersatz für den Menschen. Opfern heißt also eigentlich: sich selbst opfern. Das Blut des Lammes symbolisiert mein eigenes Blut.

Wenn man sich diese Opfer-Logik noch näher ansieht und auch den Vorgang dieses Opferns genau vor Augen führt, dann geht es im Kern um die Vorstellung, durch das Opfern mit Gott wieder in Kontakt zu kommen. Die Besprengung der Deckplatte auf dem Thronsitz der Lade mit Blutstropfen des Sündopferstiers am Versöhnungstag führt das Volk zur rettenden Gottes begegnung. —Unter stellvertretender Lebenshingabe wird Israel in den Kontakt mit Gott selbst gebracht. In einer Zeremonie, die das Nahekommen zu Gott bis zur letzten materiellen Berührung verdichtet und doch die äußerste Sublimität der Berührung in der Sprengung eines Tropfens wahrt, wird das Urphänomen der heiligenden Gottesbegegnung vollzogen, der Kontakt des sich offenbarenden Gottes und des sich ganz und gar hingebenden Menschen.ž Identifikation von Geber, Gabe und Gott - das ist die Pointe beim Opfern.

Uns ist das sicher fremd. Wenn das das echte Opfern ist - dann ist es höchst merkwürdig und ein gotteslästerlicher Fehlgriff, von Kriegs- und Unfallopfern zu sprechen. Welchem Götzen würden wir da opfern, wenn wir im Ernst Krieg und Straßenverkehr als Opfergeschehen interpretierten. Oder gar einen Satz wie: —Opfer müssen gebracht werden!ž Da werden menschliche Interessen religiös überhöht. Das wäre wirklich Gotteslästerung. Natürlich hat sich solches Reden vom Opfern längst von dem Gedanken an Gott gelöst und meint jetzt nur noch Opfern im Sinne von Verzichten. Das gilt auch für den kirchlichen Sprachgebrauch - wenn von der Kollekte als Dankopfer oder von karitativer Tätigkeit als Fastenopfer die Rede ist. Das kann man nur noch als bildliche, abgeleitete Redewendung durchgehen lassen.

Dennoch führt das dazu, daß wir den ursprünglichen Sinn des Opferns und damit auch den Tod Jesu nicht mehr verstehen, wenn der im Neuen Testament - wie hier - als Opfer verstanden wird.

Schon der Tod Jesu ist ja kein Opfer im klassisch-religiösen Sinn: Er fand ja nicht im Tempel statt, nicht im Kult, da war auch kein Priester tätig. Und Jesus galt in den Augen derer, die ihn hinrichteten, ja auch nicht als unschuldig. Erst nachdem Gott selbst durch die Auferweckung des Gekreuzigten hier eingegriffen hat und der Glaube das verstand, machte es Sinn, hier von einem Opfer zu reden. Wieso? Hier kam der Mensch mit Gott wieder in Kontakt. Jesu Blut wird zum Zeichen der Sühne und Versöhnung - wie das Blut der im Tempel geschlachteten Lämmer. Dabei stirbt Jesus nicht bloß wie diese Lämmer, sondern hier passiert noch entwas anderes: Die Nähe des Menschen zu Gott ist nun stabil und sicher. Hier wird nicht nur ein gestörtes Verhältnis repariert, sondern eine feste Brücke von Gott zu Mensch gebaut: Im 2. Petrusbrief ist von der Teilhabe des Menschen an der göttlichen Natur die Rede.

Was uns schon im 1. Petrusbrief daraufhin so nachdrücklich ans Herz gelegt wird, ist: Nun ist es aus mit allem Opfern. Opfern ist vorbei. Schluß und aus! Der Kontakt von Mensch und Gott ist durch Jesus wieder da - ein für allemal. An die Stelle des Wiederholungszwangs - —Opfer müssen gebracht werden!ž - tritt der Glaube an Jesus Christus: als das letzte Opfer.

Und wie steht es mit der neumodischen Beleidigung: —Du Opfer!ž? Religiös gesehen ist das Mumpitz. Durchschauen wir, was damit gemeint ist, nämlich: —Du bist schwach Ich kann dich fertigmachen.ž Strenggenommen ist das keine Beleidigung, sondern eine Drohung - und als solche muß man auch damit umgehen: den verbalen Angriff öffentlich machen, sich Freunde zur Verstärkung holen, Eltern, Lehrer - und wir alle sollten wissen: Dahinter steht ein Kult der Stärke, dem man mutig entgegentreten muß. Als bloße Beleidigung kann man das locker an sich ablaufen lassen: —Wer andere zum Opfer erklärt, wird selber eins.ž Warum?

Wer mit solchen Sprüchen von gestern droht, muß vorsichtig sein, daß er nicht auch Reaktionen von gestern provoziert: Man trifft ja immer auf einen noch Stärkeren.

Vor Jahren, kurz nach der Wende, gab es eine solche Szene in unserer Jugendetage. Da drohte eine gewaltbereite Clique, den Laden zu übernehmen. Nach versöhnlichen Worten habe ich damals gedroht: —Wer so weitermacht, kriegt Stress!ž Am Ende mußten wir eine Zeitlang schließen - bis die Clique sich zerstreut hatte. Haben die Gewaltbereiten damals gesiegt? Wer war hier das Opfer? Ihren Treffpunkt hatten die jungen Leute jedenfalls verloren. Dabei dachten sie gar nicht wirklich in der alten, überholten, vorchristlichen Opferlogik. Wenn es danach gegangen wäre, hätten sie ja bereit sein müssen, sich selbst zu opfern.

Die Bereitschaft, Menschen zu Opfern zu machen, ist seitdem jedenfalls nicht verschwunden. Im Gegenteil, manchmal werde ich den Verdacht nicht los, daß hinter den weltlichen Gewaltorgien auch wieder religiöse Einstellungen stecken: dieses penetrante und provozierende Sieger-sein-müssen - bis hin zur wirklichen Bereitschaft, sich zu opfern, für irgendeinen Kikikram wie die Familienehre oder so. Wer andere opfert, um selbst in einer besseren Position zu sein, leistet Götzendienst - mögen manche das auch für die Verteidigung ihrer Ehre ausgeben.

Christen jedenfalls brauchen sich solchen Deutungen nicht auszuliefern. Dadurch würden sie auch nur wieder unfrei und gäben die Freiheit auf, zu der sie Jesus Christus erlöst hat. Wer andere wieder zu Opfern macht, lebt auf ihre Kosten - dabei lädt uns das Evangelium von Jesus Christus ein, auf Kosten Gottes zu leben. Wir können uns zwar nicht selbst erlösen - aber uns wieder in die alte Abhängigkeit der Opferlogik begeben, das können wir ganz schnell. Dagegen geht der 1. Petrusbrief mit seinem langen Bekenntnissatz an. Kurz gesagt: Ihr seid erlöst von eurem nichtigen Wandel nach der Väter Weise. Oder noch kürzer: Du bist kein Opfer!
Amen.
 
 


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