Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am 15. Sonntag nach trinitatis über 1. Mose 2, 4b-9.15

Liebe Gemeinde!
Es beginnt wie im Märchen: Es war einmal... —Es war zu der Zeit, da Gott der Herr Erde und Himmel machte.ž Und dann erzählt unser heutiger Predigtext die uralte Geschichte von der Erschaffung des Menschen. Man kennt sie, wie man ein Märchen kennt, nicht alle Einzelheiten - aber doch so, daß man die Geschichte weitererzählen könnte: wie Gott den Menschen formt aus Lehm, ihm seinen Atem einhaucht und in einen schönen Garten versetzt, damit der Mensch diesen —bebaue und bewahrež. Eine schöne Geschichte, diese Geschichte vom Anfang in einem Garten in Eden. Kulturelles Erbe der Menschheit.

- Textlesung -

Die Geschichte von der Schöpfung des Menschen. Mit dieser Geschichte ist es wie bei anderen guten Geschichten auch: Viele machen sie sich zu Nutze. Der Renault Clio ist so gut, er hat teil am Mythos des göttlichen Anfangs: Er ist Made in Paradise - sagt die Werbung. Auch wer die Zerstörung der Umwelt beklagt, spricht von der Schöpfung: Er beruft sich auf den Auftrag des Menschen, die Schöpfung zu bewahren. So bleibt die Rede von der Schöpfung buchstäblich in aller Munde, bis zur Erschöpfung - nur der Schöpfer, der scheint verschwunden zu sein.

Das Verschwinden des Schöpfers begann schon vor einigen Jahrhunderten, als das wissenschaftliche Weltbild aufkam. Zunächst brauchte man noch einen Schöpfer: als ersten Anstoßgeber, damit die Welt ins Laufen kommt, danach aber kann sie ablaufen wie ein Uhrwerk. Dann wurden sich die Menschen über die ungeheuren Zeiträume seit dem Anfang klar - der Schöpfer verschwand immer mehr in den Fernen der Vergangenheit. Der Schöpfer? Ist es nicht die Natur, die nach Regeln funktioniert, die sie sich selbst erarbeitet hat, durch Versuch und Irrtum, die auf dem Weg der Evolution unvorstellbar große Mengen von Biomasse verschwendet hat, bis der Mensch sich als Krone der Schöpfung etabliert hatte?

Krone der Schöpfung? Ist die Herrschaft des Menschen über die Natur nicht ein falscher Traum, ein Fehlschlag obendrein, der die Natur an den Rand des Abgrunds gebracht hat, so daß sie nun zurückschlägt - mit Flut und Sturm, Erdbeben und Vulkanausbrüchen?

—Die Erde braucht den Menschen nicht - der Mensch braucht die Erde!ž Wieder der Mensch also, kein anderer ist in Sicht. Der Mensch also soll, er muß es packen - die Rettung der Welt, die er selbst ruiniert hat. Und wo ist Gott?

Kurz nach dem 11. September letzten Jahres begann die Zeitung Der Tagesspiegel eine wöchentliche Kolumne mit diesem Titel. Dahinter stand die Frage, ob die Islamisten Recht haben, wenn sie den Westen gottlos nennen. Neben wissenschaftlichen Thesen fanden sich persönliche Erfahrungen - und immer wieder Angehörige bestimmter Berufe, die sich zu dieser Frage äußerten: Schriftsteller, Maler, Filmemacher. Neulich schrieb ein Freund des Weines, Restaurantleiter in Frankfurt. Überschrift: Im Duft des Weines.

—An einem Geburtstag entkorkte ich mit Freunden einen —Petrusž, Jahrgang 1975. Joschka Fischer, noch nicht Außenminister, war auch dabei. Ich trinke, schmecke, rieche, und —Petrusž öffnet mir den Himmel. Joschka stimmte an: - singen - —Großer Gott, wir loben dich, Herr, wir preisen deine Stärke.ž (Kommentar des Schreibers:) Katholisch bleibt man auch wieder Willen. (Er fährt fort:) Und wenn ich in ein Weinglas schnuppere, einen guten Braten koste, ein fränkisch-katholisches Seidla Bier wegzische und —Allmächtigerž stöhne, dann freut sich der Weinpfarrer Hans Denk und mahnt: —Ja, ihr Heiden, da kommt Andacht auf!ž

Gott - wiedergefunden im Duft des Weines? Preußisch nüchtern gefragt: Hatte der Mann schon zu tief in seine Flaschen geschaut, als er so ins Schwärmen geriet? Oder woran liegt es, daß die Frage nach Gott noch längst nicht abgetan ist: für die einen als beantwortet, weil sie zu meinen wissen, daß es keinen Gott gibt, für die anderen als unbeantwortbar, weil man das eben gar nicht wissen, sondern nur glauben kann, so daß die Frage viel zu persönlich ist, als daß man über sie sprechen dürfte?

Die westliche Kultur hat ja das Experiment mit den verschiedenen Möglichkeiten des Atheismus (gibtŽs nicht, weiß nicht, das muß jeder selbst wissen) gemacht - und verloren. Obwohl der Unglaube die besseren Argumente zu haben schien: Der Glaube an Gott ist nicht totzukriegen. Er schleicht sich wieder ein - ins Fühlen der Menschen, auf die Zunge der heidnischen Weinfreunde. Oder auch: —Philadelphia - der himmlische Geschmackž.

Und das - denke ich - ist wohl der einzige Beweis für Gott, der nie und niemals widerlegt werden kann: Es gibt Menschen, die an ihn glauben. Eigentlich beweist sich Gott also selbst - mit Hilfe seiner Geschöpfe. Er bringt uns immer wieder auf den Geschmack - an sich selbst.

—Von nischt kommt nischtž, weiß der Berliner - und meint damit auch, daß die Natur, die ihn umgibt, doch einen Ursprung haben muß. Die Namen, die die Religionen dem geben, sind ihm herzlich egal, aber die Ordnung der Welt, die gerade dem besonders am Herzen liegt, der mehr und mehr ihre Unordnung erfährt - die muß doch irgendwo herkommen. —Wär das Aug nicht sonnenhaft, wie könnte es die Sonne sehen?ž Das viel zitierte Wort Schillers - nur Schall und Rauch? Oder doch ein Hinweis, ein Hinweis auf die Nähe von Schöpfer und Geschöpf? Ist der Mensch nicht doch unheilbar gläubig? Weiß er nicht deshalb um seinen Schöpfer, weil der ihm so nahe bleibt?

Die Bibel spricht ganz allgemein ja vom Menschen, von Mann und Frau, als Bild Gottes. Der heutige Predigttext spricht konkreter vom Atem, den Gott dem Menschen —in seine Nase eingeblasenž hat. - Was meint dieses Bild? Der Mensch hat sein Leben von Gott, er lebt aus dem Leben Gottes. Wenn der Mensch lebt, dann nur, weil Gottes Gabe in ihm ihn am Leben hält.

So gesehen, ist der Schöpfer nur scheinbar verschwunden. Er ist nicht fern. Er ist uns nahe, zu nahe, als das wir ihn wahrnehmen müßten. Schon Augustin, der große Theologe der Alten Kirche meinte: —Gott schuf nicht die Welt und ging davon. ... Er ist uns näher, als wir uns selbst nahe sind.ž

Gott ist nicht aufdringlich - da haben die —religiös unmusikalischenž Menschen recht. Man muß ihn nicht nennen - und lebt doch von ihm. Er ist der —Atem unserer Liederž, wie Huub Osterhuis dichtete.

Warum aber versteckt er sich dann? Spielt er etwa mit uns Verstecken? Die Bibel hat eine Antwort darauf. Aber die hören wir nicht gern. Sie lautet: Es ist der Mensch, der sich vor ihm versteckt hat, der sich vor ihm versteckte, als er merkte, daß er gesündigt hatte. Die schöne Geschichte vom Garten in Eden endet ja —jenseits von Edenž, mit der Vertreibung aus dem Garten.

Aber die Geschichte Gottes mit den Menschen geht auch da noch weiter. Sie berichtet von der Suche Gottes nach denen, die ihn aus dem Auge verloren haben, einer Suche, die darin gipfelt, daß Gott selbst im Menschen Jesus zur Welt gekommen ist, um sein Geschöpf ins Paradies zurückzuholen.

Das ist seitdem die Gute Nachricht für den Lehmklumpen namens Mensch, der noch immer atemlos durch die Welt hechelt, sich vor Gottes Suchen versteckt - und deshalb nicht mitbekommt, daß Gott ihn in Christus schon immer gefunden hat. Wiedergefunden, könnte er stattdessen dem ältesten Gewerbe der Welt nachgehen (nicht was sie jetzt denken) - ich meine die Arbeit eines Gärtners (—bebauen und bewahrenž).

—Es war zu der Zeit, da Gott der Herr Erde und Himmel machte...ž Im Gewand eines Märchens erzählt die Bibel die Wahrheit über den Menschen und seinen Schöpfer. Seine Botschaft: —Ich kriege euch alle - wieder.ž
Gott sei Dank. - Amen.
 
 


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