Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am 23. Sonntag nach Trinitatis über 1. Mose 18, 20-33

Liebe Gemeinde!
Wenn Menschen zur Verhandlungsmasse werden, dann hinterläßt das bei uns immer ein eigenartiges Gefühl. Ob es um Geiselnahmen oder 'nur' um betriebsbedingte Kündigungen geht - über Menschen und ihr Leben sollte man doch nicht bestimmen müssen, meinen die Gutmenschen.

Ein frommer Wunsch, der leider nichts mit der Wirklichkeit unserer Welt zu tun hat. Immer wieder müssen wir verhandeln, sogar über uns selbst verhandeln, um in der Welt zu bestehen. Ob Rente, Lohn oder Schulnoten - alles ist verhandelbar: Was kriege ich für eine Note, wenn ich mich jetzt in Deutsch bessere - werde ich dann doch noch versetzt? Muß die Krankenversicherung denn steigen, wenn wir jetzt alle eine Nullrunde einlegen? Selbst beim Einkaufen (zumindest bei Innova): "Fast alle unsere Preise sind verhandelbar." Und da soll über Tod und Leben nicht verhandelt werden können?

Die Bibel - befremdlich, wie sie häufig ist - hat uns heute morgen die Geschichte einer solchen Verhandlung erzählt. "Abrahams Fürbitte für Sodom" ist sie in unserer Bibelausgabe vornehm überschrieben - dabei sieht sie eher aus wie ein Fall unterlassener Hilfeleistung. Auf jeden Fall aber wie ein Prozeß vor Gericht. Aber der Reihe nach:

Bei Gott ist ein Hilferuf angekommen, die Klage, Recht zu schaffen gegen die Einwohner der Stadt Sodom. Ihre Sünden sind schwer, sagt die Klage. Die Rechtsgemeinschaft des Volkes Israel müßte eigentlich Recht schaffen, hat es aber nicht getan. Jetzt muß Gott ran. Und Gott macht sich auf, die Berechtigung der Klage zu prüfen. Da trifft er auf Abraham. Und Abraham protestiert: "Willst du denn den Gerechten mit dem Gottlosen umbringen?" Abraham meint: Das kann Gott doch nicht wollen, das wäre doch ungerecht. Gott kann doch Gerechte und Gottlose nicht gleich behandeln. Und in der Tat, das Argument verfängt. Daraufhin verhandelt Abraham weiter. Am Ende sind es zehn Gerechte, um derer willen Sodom verschont würde.

Wir wissen natürlich, wie es weitergeht: Sodom geht unter - wie unter einem Vulkanausbruch, mit Feuer und Schwefel.

Aber damit beginnen unsere Fragen erst: Hat es denn wirklich keine zehn Gerechten in Sodom gegeben? Was ist mit Lot und seiner Familie, die Gott gerettet hat? Waren das zusammen weniger als zehn - oder zählten die nicht als Einwohner? Und warum verhandelt Abraham nicht weiter, vielleicht hätte am Ende ja ein einziger Gerechter ausgereicht? Wie viele Gerechte braucht die Welt? Oder waren das nur Scheinverhandlungen, wollte Gott dieses "Ergebnis" von Anfang an? Warum aber läßt er Abraham dann sich derart abstrampeln?

Andererseits: Wie kommt Abraham eigentlich dazu, so mit Gott zu verhandeln? Hätte er Erfolg gehabt, wäre doch der Hilferuf gegen die Sünden der Sodomiter unerhört geblieben. Und das ist doch auch ungerecht, wenn 10 Gerechte verhindern könnten, daß die anderen ihre gerechte Strafe kriegen und der Hilferuf um Gerechtigkeit unerhört bleibt. So klagen wir Menschen von heute ja über das Ausbleiben von Gottes Hilfe, fragen (fast nur noch rhetorisch, weil wir Gott ja die Schuld geben wollen): "Wie kann Gott als das Unrecht auf der Welt zulassen?" - und drohen ihm mit Unglauben,

Schon die jüdischen Ausleger haben heftig über diese Geschichte diskutiert, und der Gedanke von den 10 Gerechten hat für den jüdischen Glauben eine große Rolle gespielt.

Natürlich ist auch ihnen zuerst das Ungleichgewicht aufgefallen: "Für zehn Gerechte wird der ganzen Stadt vergeben, aber für zehn Ungerechte oder Bösewichte würde sie nicht zerstört." Einige jüdische Gelehrte sehen darin die Antwort auf die Frage, warum Gott all das Unrecht auf der Welt zulasse: nämlich um der zehn Gerechten willen, die es in der ganzen Weltgeschichte immer und zu jedem Zeitpunkt unter den Menschen der Welt gegeben habe und gebe. Deshalb ehren sie die "Gerechten unter den Völkern", beispielsweise Menschen, die im Nationalsozialismus Juden gerettet haben.

Andere sagen, es reiche aber nicht aus, daß die zehn Gerechten im Verborgenen leben, sie müßten buchstäblich - wie es im Text heiße - "in der Stadt" leben, das heiße: im öffentlichen Leben eine Rolle spielen, sich aktiv für Gerechtigkeit einsetzen.

Eine moderne Jüdin formuliert darum zugespitzt: "Das Prinzip des jüdischen Glaubens wird hier deutlich: Nur durch Tun kann sich der Mensch Gott nähern und erkennen, daß Gott ist. ... Vertrauen auf Gottes Gnade genügt nicht, um ins Reich Gottes zu gelangen. Der Weg zum Reich Gottes führt über das Tun von Zedakah und Mischpat, das heißt Wohltätigkeit und Gesetzeserfüllung. Daran fehlte es in Sedom und Amora." "Deshalb empfehlen die Rabbinen, daß man aus einer Stadt, die weniger als zehn Gerechte hat (in der man kein Minjan zusammenbringen kann), wegziehen soll, damit man dem schlechten Einfluß nicht erliegt und selbst zum Bösewicht wird".

Zehn Gerechte also retten die Welt. ... James Bond hat ein Team - und alles wird gut - ? 10 Männer bilden die Voraussetzung zum öffentlichen Gottesdienst - das ist der Minjan - darunter geht nichts? (Hätten wir heute morgen eigentlich diese 10 Männer beieinander?) Ist das die ganze biblische Botschaft? 10 Mann gegen das Unrecht der Welt? Und: Wer ist eigentlich wirklich gerecht vor Gott?

Martin Luther ist angesichts dieser Frage bekanntlich beinahe verzweifelt. Er selbst war es jedenfalls nicht - und er sah auch keine Chance, vor Gott gerecht zu werden, nicht einmal als Mönch. Mit Gott handeln und verhandeln, um einen Abschlag, einen Nachlaß, einen Ablaß zu bekommen? Keine Chance!

Der Blick in die Welt bietet ein noch viel krasseres Bild: Putin hat sogar den Tod von über 100 Unschuldigen in Kauf genommen und mehr als 700 Leben riskiert. Ganz zu schweigen von den modernen Kriegen, die immer mehr Unbeteiligten als Soldaten das Leben kosten. Doch auch dieser Tod von Millionen hat nicht zu mehr Gerechtigkeit in der Welt geführt.

Weltlich ist Abrahams gut gemeinter Versuch, die Ungerechtigkeit zu begrenzen, indem er bei Gott eine Art "Stillhalteabkommen" erzielte, gescheitert - und biblisch? Zählt Gott wirklich immer noch bis zehn (bis er also zehn Gerechte zusammenhat) - und greift er deshalb nicht ein? Hat er uns damit unserem selbstgemachten Schicksal überlassen?

Nein, Jesus hat diesem Geschäft die Grundlage entzogen: Fürs öffentliche Gebet genügen zwei oder drei (weniger als für eine Skatrunde nötig)  - "wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind, da bin ich mitten unter ihnen" - und gerecht vor Gott war er allein. Und dieser eine Gerechte hat die Welt gerettet. Nur einen Gerechten brauchte die Welt - und der hat sich für die anderen geopfert, den hat Gott selbst ins Spiel gebracht. In Jesus hat Gott selbst wieder in den Lauf der Welt eingegriffen. Den Vorwurf unterlassener Hilfeleistung ("wie kann Gott das alles zulassen?") muß Gott sich also nicht machen lassen. Er hat zu unserem Heil alles getan.

Jesu Christi Tod bewahrt uns zwar nicht davor, weltlich zur Verhandlungsmasse zu werden, unser Verhältnis zu Gott aber ist auf eine neue Basis gestellt worden:

Begnadigung heißt sie, nicht Arbeit. Arbeit und Mühe haben wir nur noch miteinander (und füreinander) - nicht mehr mit Gott. Da muß nichts mehr verhandelt werden. Da braucht nichts mehr verhandelt zu werden. Ungerechtigkeit ist nur noch ein weltliches Problem, für das wir weltliche Lösungen suchen müssen - vor Gott zählt allein ... (der Glaube).

Gewiß, allein der Glaube. Aber auch der darf nicht als menschliche Arbeitsleistung beim göttlichen Rettungsdienst verstanden werden. Darum die Taufe. Der Mensch sagt "Ja, mit Gottes Hilfe." Mehr nicht - und läßt sich gefallen, was Gott tut. Was uns rettet - im "Geschrei über Sodom und Gomorra, daß ihre Sünden sehr schwer sind" - macht Gott allein.

Dennis, Dein Taufspruch trifft den Nagel auf den Kopf: "Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin." (1 Kor 15, 10a). Gott kommt, ist da und bleibt da: "Siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende. Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. ...".
G. Amen.
 
 
 


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