Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Sonntag Septuagesimae über 1 Kor 9, 24-27

Liebe Gemeinde!
Der Apostel Paulus führt uns heute in die Welt des griechischen Sports. In seinem ersten Brief an die Gemeinde in Korinth vergleicht er das christliche Leben mit einem Wettlauf. Aber das ist nicht alles. Mit seitdem viel zitierten Bildern heißt es:
Wißt ihr nicht, daß die, die in der Kampfbahn laufen, die laufen alle, aber einer empfängt den Siegespreis? Lauft so, daß ihr ihn erlangt. Jeder aber, der kämpft, enthält sich aller Dinge; jene nun, damit sie einen vergänglichen Kranz empfangen, wir aber einen unvergänglichen. Ich aber laufe nicht wie aufs Ungewisse; ich kämpfe mit der Faust, nicht wie einer, der in die Luft schlägt, sondern ich bezwinge meinen Leib und zähme ihn, damit ich nicht andern predige und selbst verwerflich werde.

Typisch Paulus! Da überschlagen sich mal wieder die Gedanken. Also der Reihe nach: Paulus beginnt mit einer Frage: Wißt ihr nicht...? Die Antwort ist klar: Natürlich wissen das alle, das mit dem Siegespreis. Sie leben ja in Korinth. Und da brauchte man nicht ins ferne Olympia zu schauen, um sich die Regeln und Gepflogenheiten antiker Sportkultur vor Augen zu führen, da gibt es seit 586 vor Christus alle zwei Jahre die —Isthmischen Spielež, auf der Meerenge von Korinth, dem sogenannten Isthmus von Korinth. Sie gehören zu den vier großen panhellenischen Festspielen - neben den Olympischen Spielen, den Pythischen und den Nemeischen - und finden statt zur Ehre des Meergottes Poseidon.

Ein heiliger Fichtenhain umfaßt sein Heiligtum und die Kampfplätze, nämlich das Hippodrom für das Wettrennen mit Rossen, ein Stadion für den Wettlauf, ein Theater und das Kraneion, ein Gymnasium, ein Gymnasium im antiken Sinn - also einen Sportplatz. Die Feierlichkeiten, während derer Gottesfriede herrscht, beginnen mit einem Opfer für Poseidon. Direkt im Anschluss eröffnet ein Herold mit einem Trompetensignal und einer bestimmten Formel die Wettkämpfe. Zu den klassischen Wettbewerben zählen der Kurz-, Mittel- und Langstreckenlauf, sowie die Disziplinen Weitsprung, Diskuswurf, Fünfkampf, Pankration (eine Mischung aus Box- und Ringkampf), Reiterspiele und Wagenrennen.

Die Spiele sind aber nicht nur sportlicher, sondern auch musikalischer und dichterischer Art - also eine Mischung von Cannes, Venedig und Berlinale mit den Berliner Festwochen, —Jugend musiziertž und Olympia. Für die Wettkämpfe werden die Athleten in Altersklassen eingeteilt, in die der Knaben, Unbärtigen und die der Männer. An den Isthmischen Spiele konnten aber auch schon Frauen teilnehmen.  Als Siegespreis wird ein Palmzweig in die Hand des siegreichen Athleten und ein Fichtenkranz auf dessen Haupt ausgelobt. Zur Ehre des Siegers gereicht aber weit mehr als der eher symbolische Wert dieser Auszeichnungen: Die Zuschauern bejubeln, die Heimatstadt verehrt und die Dichter verewigen ihn.

Also stellt Paulus mit den Worten: Wißt ihr nicht, daß die, die in der Kampfbahn laufen, die laufen alle, aber einer empfängt den Siegespreis? eine ausgesprochen rhetorische Frage. Sie muß gar nicht erst beantwortet werden, sie will die Zuhörer zur Zustimmung veranlassen: Klar, Paulus, wir wissen Bescheid. Wir Korinther wissen sogar, daß unsere Festspiele auch nicht mehr das sind,was sie früher einmal waren: Das Festgetriebe ist im Laufe der Jahre immer bunter geworden, das Treiben gleicht bald schon dem eines Jahrmarktes: Beim Apollontempel schreien Sophisten, diese besserwisserischen Philosophen, einander an; Schriftsteller lesen geschmacklose Artikel vor; Dichter suchen ihre Zuhörer mit Reimen zu ergötzen; Hexenmeister, Wahrsager, Advokaten und Krämer bieten ihre Dienste an. Die Feier artet aus. Und der Ruhm der Athleten ist vergänglich.

Paulus packt seine Leser in Korinth mit der Erinnerung an die —gute, alte Zeitž: Da lief man noch um eines bescheidenen Preises willen, man trainierte hart, Disziplin war Ehrensache - und Siegeswille: Jeder aber, der kämpft, enthält sich aller Dinge. Also kein Sex vor dem Wettkampf, kein Doping, keine Bestechung.

Und da hakt Paulus dann ein: Einer empfängt den Siegespreis. Lauft so, daß ihr ihn erlangt.  Wie das? Bei den Spielen geht das doch gar nicht. Da kann doch nur einer gewinnen. Offensichtlich verläßt Paulus hier das Bild vom Sport. Er schickt die Gemeinde hier gerade nicht in den Wettkampf für die Isthmischen Spiele und ins vorbereitende Trainingslager, sondern mitten hinein in Religion.

Das haben zu Recht auch unsere Sportler befürchtet, als wir vor einer Reihe von Jahren - ich hatte in der Gemeinde gerade meinen Dienst begonnen - ein Sportfest veranstalteten. Natürlich fing das mit einem Gottesdienst an, und Predigttext war - natürlich - diese Stelle aus dem ersten Korintherbrief. Aber alles ging schief. Während des Gottesdienstes waren die meisten Sportler schon dabei, sich auf die Spiele vorzubereiten, und die in der Kirche haben rasch den Braten gerochen: Was Paulus da vom Sport erzählt, hat eigentlich nur wenig mit Sport zu tun. Ihm geht es eigentlich gar nicht um Sport, sondern um den Sieg der Christen. Die werden aufgefordert, so zu laufen, so zu leben, daß sie alle gewinnen und dereinst singen können: —We are the champions.ž Unsere Jacobi-Sportler damals aber hatten ihre sonntäglichen Volleyballsiege vor Augen und die - durchaus löbliche - Absicht, die Gemeinde zum Mitspielen zu motivieren. Entsprechend gering war seinerzeit ihre Begeisterung für den Gottesdienst.

Nun gut, hier und heute planen wir kein Sportfest und sind wir auch nicht im Trainingslager für Olympia. Uns stellt sich allenfalls die Frage: Und wie, lieber Paulus, sollen wir leben und laufen, damit wir den —unvergänglichen Kranzž erlangen? Doch der ist schon wieder beim nächsten Thema und erzählt von sich: Ich aber laufe nicht wie aufs Ungewisse; ich kämpfe mit der Faust, nicht wie einer, der in die Luft schlägt, sondern ich bezwinge meinen Leib und zähme ihn, damit ich nicht andern predige und selbst verwerflich werde. Offensichtlich kehrt Paulus hier kurz zurück zum Bild vom Lauf, aber das Bild ist geprägt von der christlich gemeinten Sache, vom Ziel des christlichen Lebens: Das ist nämlich sicher. Im Unterschied zum Sportler, der nie wissen kann, ob er gewinnt, ist der Ausgang dieses Laufes für Paulus gewiß.

Und dann - wieder ein sportliches Bild - spricht Paulus vom Boxen, meint aber offensichtlich weder Schattenboxen (Tai-Chi) oder andere meditative Bewegungen des alten China - das alles war in Griechenland wohl nicht bekannt - sondern prägt das Bild vom Faustkampf mit seinen Fehl-Schlägen um in eine Erfolgsstory, in sein persönliches Rezept für das Verhalten des christlichen Predigers: Der soll anderen nichts anderes predigen als sich selbst. So kämpft, so agiert man dann effektiv.
Das Beispiel dafür ist das asketische Verhalten des Apostels selbst: Wir wissen aus dem Zusammenhang des ersten Korintherbriefes, daß Paulus immer wieder zu solcher Askese rät, ohne jedoch seine persönliche Lebensweise - unverheirateter reisender Missionar, der seinen eigenen Lebensunterhalt verdient - zur für alle anderen unbedingt verpflichtenden Regel zu machen. Paulus selbst aber unterstellt sich und sein ganzes Leben, seine ganze Lebensweise seiner Aufgabe als Missionar - wie ein Hochleistungssportler, ein kommender Olympionike auch heutzutage sein ganzes Leben von diesem erträumten Ziel bestimmen läßt: Die skispringenden «AdlerŽ müssen hungern, bis sie fast nicht mehr fliegen können, die Fahrer der Tour de France müssen mehr essen und trinken, als ein menschlicher Körper verdauen kann. Klingt das, liebe Gemeinde, am Ende nicht doch so, als wollte Paulus uns am liebsten in eine Art Trainingslager schicken?

Die Alte Kirche und unsere katholischen Mitchristen haben das hier in der Tat so gelesen - darum steht dieser Predigttext auch am Beginn der alten Vorfastenzeit mit ihrem Programm christlicher Askese. Sie haben Klöster eingerichtet - als eine Art geistiger Trainingslager. Bei seinen verschiedenen Bildern aus der Welt des Sportes legt Paulus aber doch den größeren Nachdruck, den stärkeren Akzent auf die christliche Siegesgewißheit. Im Unterschied zur Welt des Sportes, in der es nur wenige Sieger gibt, deren Ruhm mit der Zeit verblaßt, weiß Paulus, wie wirkliche Sieger aussehen: nämlich wie seine Korinther, denen er schreibt. —So sehen Sieger aus.ž - Melodie -

Kennen Sie die Melodie? Das sang im letzten Jahr die siegreiche Weltmeisterelf im Frauenfußball. Das wäre jetzt auch ein gutes Predigtlied für uns: —So sehen Sieger aus:ž Christinnen und Christen sind Sieger - weil Christus den Sieg über das Böse schon errungen hat. Im Kampf des Lebens schlagen wir darum nicht in die Luft, treiben wir keine blinde Spiegelfechterei, sondern unseren Anstrengungen ist ein unvergänglicher Siegeskranz verheißen. - Um welche Anstrengungen geht es da, wenn Paulus sie mit einem Boxkampf vergleicht? Selbstkontrolle, Askese ist nicht schlecht und Sportler wissen, was das hinsichtlich Essen, Trinken und Lebensweise heißt - aber Fasten und Verzichten ist nicht der entscheidende Punkt:
Die größte Anstrengung erfordert es, von seinen eigenen Leistungen, ja von seiner eigenen Person abzusehen, den Erfolg nicht dem eigenen Training oder dem eigenen Trainer zuzuschreiben - sondern allein dem Sieg Christi zu vertrauen.

Kann man das im Bild Isthmischer oder moderner Olympischer Spiele ausdrücken? Kann man das noch mit dem vergleichen, was im Sport passiert? Eine süddeutsche Kirchengemeinde hat das in Zusammenarbeit mit ihrem dörflichen Sportverein einmal probiert und mit großem Aufwand eine Kinderfreizeit als die —Isthmischen Spiele in Korinthž inszeniert. Neben Wettkampf und Gebet kamen die Gestalten aus dem alten Korinth vor: Paulus und andere Personen der biblischen und der Zeitgeschichte. Am letzen Tag, vor der eigentlich geplanten Siegerehrung, tritt der Schauspieler des Paulus auf und sagt:

L.: —Mir haben die Wettkämpfe sehr gefallen. Ich finde es schade, daß im Sport immer nur einer gewinnen kann. Mir kommt es auch oft so vor, als ob ich im Leben so viel Anstrengungen und Mühen habe wie einer, der im Stadion den ersten Platz erreichen möchte. Aber ich nehme diese Mühen gerne auf mich, um anderen Menschen von Gott zu erzählen. Ich glaube auch, daß der Preis, den ich dabei bekomme, viel größer ist als eine Auszeichnung, eine Urkunde oder ein Siegeskranz, der sowieso bald verwelkt. Mein Preis ist es, wenn ich bei anderen Menschen sehen kann, daß auch sie an Gott glauben können. Mein Preis ist es, wenn ich Gemeinschaft mit anderen Menschen haben kann, wenn wir zusammen Gottesdienst feiern, singen und beten. Dann haben sich all meine Mühen gelohnt und das ist mehr Wert als ein Pokal, der einstaubt oder ein Blumenstrauß, der nach wenigen Tagen verwelkt. Deshalb schlage ich vor, auch heute auf eine Siegesfeier zu verzichten, in der nur die erreichten Punkte zählen. Wir wollen lieber zusammen feiern, daß wir soviel Spaß miteinander hatten, Gemeinschaft erleben durften, und uns gegenseitig verzeihen können. So eine Feier ist viel schöner, weil dann alle gleich eingeschlossen sind und nicht nur einer oder zwei auf dem Siegertreppchen stehen."

Ist das nicht das viel (und sonst häufig zu Unrecht) zitierte olympische Motto: —Dabeisein ist alles?ž - Ich weiß allerdings nicht, ob die Sportler nach der Kinderfreizeit nicht doch gefrustet waren, als es dann wirklich nur eine allgemeine Feier für alle gab, aber trotzdem: Die Idee des Spiels hat was. Bloß: Bei Paulus geht es ja nicht nur ums Dabeisein, sondern ums Siegen für alle.

Stellen wir uns heute also alle mal auf das Siegertreppchen. ... Wo steht es denn? ... Nicht auf die Stühle klettern, liebe Gemeinde, hier ist es:  - zeigen - Wir stehen schon darauf. Wir sind ja heute morgen diese Treppenstufen hoch gegangen. Die Treppenstufen hoch zum Saal, die man fast bei allen Kirchenbauten findet, haben eine symbolische Bedeutung: Sie zu erklimmen stellen nicht eine zu erbringende Leistung dar - als wäre der Weg zum Himmel mit Mühen gepflastert - sondern sie führen uns allesamt nach oben: auf Platz 1. (Und in der Kirche haben wir die Stufen zum Altar, die wir bei der Feier des Abendmahls betreten: zwei - wie beim traditionellen Siegertreppchen.) Das heißt: Des sonntags nehmen wir den Sieg vorweg. We are the champions. So sehen Sieger aus.
Amen.
 
 


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