Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am 2. Sonntag nach Trinitatis über 1 Kor 9, 16-23

Liebe Gemeinde!
Heute ist über das Leben zu predigen - über das Leben als Christen. Der Apostel Paulus macht den Anfang: Er erzählt von sich. Sogar ziemlich viel redet Paulus da von sich. Als Kinder haben wir gelernt, das gehöre sich nicht. Da muß auch Paulus schon einen guten Grund zu haben, soviel ich zu sagen. Und dann redet er auch noch von Geld. Noch so ein Tabu-Thema:

"Daß ich das Evangelium predige, dessen darf ich mich nicht rühmen; denn ich muß es tun. Und  wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predigte! Täte ich's aus eigenem Willen, so erhielte ich Lohn. Tue ich's aber nicht aus eigenem Willen, so ist mir doch das Amt anvertraut. Was ist denn nun mein Lohn? Daß ich das Evangelium predige ohne Entgelt und von meinem Recht am Evangelium nicht Gebrauch mache. Denn obwohl ich frei bin von jedermann,  habe ich doch mich selbst jedermann zum Knecht gemacht, damit ich möglichst viele gewinne. Den Juden bin ich wie ein Jude geworden, damit ich die Juden gewinne. Denen, die unter dem Gesetz sind, bin ich wie einer unter dem Gesetz geworden - obwohl ich selbst nicht unter dem Gesetz bin -, damit ich die, die unter dem Gesetz sind, gewinne. Denen, die ohne Gesetz sind,  bin ich wie einer ohne Gesetz geworden - obwohl ich doch nicht ohne Gesetz bin vor Gott, sondern bin in dem Gesetz Christi -, damit ich die, die ohne Gesetz sind, gewinne. Den Schwachen bin ich ein Schwacher geworden,  damit ich die Schwachen gewinne. Ich bin allen alles geworden, damit ich auf alle Weise einige rette. Alles aber tue ich um des Evangeliums willen, um an ihm teilzuhaben."

Sehr persönliche Worte sind das das. Wohl deshalb sagt Paulus so häufig ich. Es geht ihm um sein Christsein, sein Leben als Christ. Wie lebt dieser Missionar aus Berufung? Er predigt ohne Entgelt, er läßt sich auf alle Situationen und auf alle Leute ein, auf Juden und Heiden. Wie ein Chamäleon die Farbe wechselt, so wechselt er die Lebenskreise. So ist er Teilhaber am Evangelium - Teilhaber, nicht Sklave, nicht Lohnempfänger, eher Beamter. Das erinnert an das Amt eines öffentlichen Beamten im Alten Rom: Der arbeitete nicht gegen Geld, hatte aber das Recht, sich in seinem Amtsbereich der Mittel zu bedienen, die er für sein Amt braucht. Anfangs mußte ein junger Beamter deshalb vom Vermögen seiner Familie leben; wenn er aufgestiegen war, konnte er es sich durchaus gut gehen lassen.

Dagegen betont Paulus: Ich mache von meinem grundsätzlichen Recht auf Entgelt keinen Gebrauch, ich verdiene meinen Lebensunterhalt mit meiner eigenen Hände Arbeit. (An anderer Stelle erfahren wir: Er arbeitet als Zeltmacher.) Paulus - der Erfinder des Arbeiterpriesters: werktags an der Werkbank, sonntags auf der Kanzel. Eigentlicher Beruf: Christ.

Dieses Modell ist nicht ganz ausgestorben. Die meisten Theologiestudenten heute jobben für ihren Lebensunterhalt - wie viele andere Studierende auch.Ich hingegen bekomme ein festes Gehalt von der Kirche. (Das scheint sich aber noch nicht zu allen herumgesprochen zu haben. Die alte Dame, die kürzlich in der Küsterei anrief, war sehr überrascht zu hören, daß Pfarrer tatsächlich ein Gehalt bekommen - und nicht etwa von der Kollekte leben.) In anderen Ländern und christlichen Kirchen wiederum werden die einzelnen Amtshandlungen der Pfarrerinnen und Pfarrer bezahlt. Christsein als Beruf - das hat viele Facetten: Wir kennen haupt-, neben- und ehrenamtliche; bezahlte, unterbezahlte, unbezahlbare - und zahlende Christen. Letzten Endes haben wir aber vor allem das altrömische Ämtersystem geerbt. Wollte  Paulus, daß wir jetzt darüber, über dessen Vor- und Nachteile, diskutieren, hätte er aber nicht so persönlich werden müssen. Das wichtigste ist Paulus nicht das Geld, sondern die "allen alles werden"-Losung, das Chamäleonprinzip. Was heißt das?

Paulus bleibt nicht in seinen Kreisen - das waren die schriftgelehrten Pharisäer. Paulus geht mit seinem Christsein auf alle ein. Natürlich meint er damit kein albernes Sich-Anbiedern - frei nach dem Motto: den Kleingärtnern ein Kleingärtner, den Golfern ein Golfer, den Kneipenwirten einer von ihnen. Als Beispiel nennt Paulus vielmehr die religiöse Teilung der Welt, die es aus jüdischer Sicht gibt: die Teilung der Menschheit in Juden und Nichtjuden. Die hat er überwunden mit seinem Eingehen auf die Einen und die Anderen. Praktisch hieß das: Mit Rücksicht auf die, die sich nicht über die jüdischen Speisevorschriften hinwegzusetzen wagten, hat er sich auch daran gehalten - ohne weiterhin ein Gesetz daraus zu machen. Hatte er mit Christen aus dem Heidentum zu tun, war das alles kein Thema mehr. Es gibt nur noch ein Thema - und das ist Christus. Wenn Paulus über das Leben predigt, dann predigt er über Christus. Alles andere ist nebensächlich. Devise: kann sein, muß aber nicht sein.

In den fast 2000 Jahren seit Paulus hat sich in den christlichen Kirchen in der Tat ja vieles geändert. Das mit dem festen Gehalt für Pfarrer ist nur ein kleines Beispiel. Vieles ist aber auch beim Alten geblieben, das christliche Lob für Ehe und Familie z.B. Wie aber ist es mit gleichgeschlechtlichen Lebensformen? Paulus war klar dagegen - aber bietet seine "allen alles werden"-Losung hier nicht eine Lösung? Was heißt hier "allen alles werden"? Seitdem unser Staat die sogenannte "Homo-Ehe" zugelassen hat und öffentlich registriert, sind die Kirchen allerdings erst einmal auf Tauchstation gegangen und ins große Schweigen versunken. Wie gehen wir damit um? Für Paulus kam es allein auf Jesus Christus an. Christsein als Beruf bedeutete für ihn nicht den Beamtenstatus, nicht die nach oben offene Arbeitszeit des Senators, sondern: allein Christus zu bezeugen - und das in allen Lebenslagen, in allen Gruppen und Kreisen der Gesellschaft.

Und wenn Paulus das so sagt, dieses "allen alles werden", dann redet er schon längst nicht mehr bloß von sich, sondern über uns alle - und zu uns allen; denn das ist auch unser Beruf als Getaufte: Christus zu bezeugen. Aber "allen alles" werden - wie geht das? Nehmen wir einen 'tierischen' Vergleich: Als Christ bin ich frei wie ein Vogel und bodenständig wie ein Frosch im Brunnen. Ich bin den Lasten und Nöten des Alltags enthoben: Wie ein Adler erhebt sich meine Seele im Flug. Zugleich strampele ich mich ab - wie der in der Milch versinkende Frosch. Was passiert da? Vor lauter Strampeln wird die Milch zu Butter, die Froschfamilie ist gerettet. Denn obwohl ich frei bin von jedermann,  habe ich doch mich selbst jedermann zum Knecht gemacht, damit ich möglichst viele gewinne.

Mein Tun ist nicht umsonst - und doch ist alles schon getan. Wir Christinnen und Christen sind Frosch und Vogel, Froschvogel - ein neues Produkt in Gottes Schöpfung. Wer aus dem Wasser der Taufe kommt, ist dieser neue Mensch. Er setzt fort, was Paulus und die ersten Christen begonnen haben: als Teilhaber am Evangelium über das Leben zu predigen, Christsein als Beruf zu bezeugen. Egal, wo und wie er oder sie lebt: Auf Christus allein kommt es an.
Amen.
 
 


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