Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am 20. Sonntag nach Trinitatis über 1 Kor 7, 29-31

Liebe Gemeinde!
Was würden Sie tun, wenn Sie wüßten, daß Ende des Jahres die Welt untergeht?  Die Frage klingt nach Gesellschaftsspiel oder Katastrophenfilm made in Hollywood. Dennoch: Was würden Sie tun? (Noch) einmal auf den Putz hauen, essen, trinken, fröhlich sein ­ oder versuchen, mit Gott und der Welt ins Reine zu kommen? Sich in wilde Aktivitäten stürzen, die ultimative Party feiern ­ oder sich zurückziehen: zu Freunden, in die Familie, in die Kirche? Oder auch beides: Also das eine tun, ohne das andere zu lassen? Welche Regeln gelten in den letzten Tagen der Menschheit? Sind alle Regeln außer Kraft gesetzt, weil keiner mehr auf ihre Einhaltung pocht ­ oder wären das Tage, die ersten Tage in der Geschichte der Menschheit, an denen Gottes Gebote gehalten werden ­ denn vielleicht hilft das ja noch was, um vor Gottes Gericht zu bestehen. Sind vor dem Ende vielleicht alle plötzlich gleich: arm und reich, Ost und West, links und rechts? —Alle Menschen werden Brüder...ž ­ der alte Traum der Idealisten. Wie werden Sie leben angesichts des kommenden Endes?

Die Frage ist nicht neu. Schon vor zweitausend Jahren hat man sie sich gestellt und verschiedene Antworten gefunden. Die erste: —Wer da verkauft, soll es so tun, als sei er auf der Flucht, wer kauft, als ob er es verliere, wer handelt, als werde er keinen Gewinn mehr erzielen, wer baut, als werde er nicht mehr wohnen, wer sät, als werde er nicht mehr ernten, wer die Reben beschneidet, als werde er keine Weinlese mehr halten, die heiraten, als ob sie keine Kinder mehr erzeugen würden, und die nicht heiraten, als ob sie schon verwitwet wären.ž So heißt es in einer alten Schrift, geschrieben in der Erwartung baldigen Endes der Welt. So richtig konkret sind die Auskünfte, die man da bekommt, zwar nicht, aber es läuft aber wohl darauf hinaus, alles Handeln der Menschen unter den Vorbehalt zu stellen, daß es eben keine Zukunft mehr hat.

Andere stellten ähnliche Lebensregeln auf, ohne dazu an das Ende der Welt zu denken; denn es tue dem Menschen grundsätzlich gut, sein gesamtes Handeln unter den Vorbehalt innerer Distanz zu den Dingen zu stellen: Mich haut nichts mehr um. Mir kann keener. So werde man frei.
Der Philosoph Diogenes beispielsweise lobte diejenigen, —die heiraten wollen und nicht heiraten, die absegeln wollen und nicht absegeln, die Staatsgeschäfte betreiben wollen und nicht betreiben, die Kinder aufziehen wollen und nicht aufziehen, die sich vorbereiten, mit Mächtigen zusammenzuleben und davon abstehen.ž Vorbild ist der starke Mensch, cool bis ins Mark. Andere gingen noch einen Schritt weiter und erklärten zu ihrer Weltanschaung die Aufforderung: —Entsaget der ganzen Welt und der ganzen in ihr befindlichen Materie. Denn wer in der Welt kauft und verkauft und wer ißt und trinkt von ihrer Materie und wer in all ihren Sorgen und all ihren Beziehungen lebt, der sammelt sich zu seiner übrigen Materie noch andere Materie hinzu...ž. Dahinter steckt die Meinung, die Welt sei schlecht, darum weg mit ihr. Meint das Paulus auch?

Auch der Apostel Paulus gibt ja auf die Frage nach dem richtigen Leben angesichts des Endes der Welt eine Antwort. Und beim ersten Hören klingt sie gar nicht so verschieden. Ich lese unseren heutigen Predigttext, den wir bereits als Epistellesung gehört haben, in einer wörtlichen Übersetzung: —Das sage ich aber, Brüder, die Zeit ist zusammengedrängt, damit für die Zukunft die, die Frauen haben, seien, als hätten sie keine, und die weinen, als weinten sie nicht, und die sich freuen, als freuten sie sich nicht, und die kaufen, als besäßen sie es nicht, und die die Welt brauchen, als gebrauchten sie sie nicht. Denn die Gestalt dieser Welt vergeht.ž

Da ist sie, die berühmte Lebensregel des als ob nicht: Tue alles so, als ob du nichts davon hättest! Seit damals haben die Menschen gerätselt, was genau Paulus denn damit meine und gerieten dabei schnell ins Fahrwasser allgemeiner Weltflucht (ždie Welt ist schlechtž) oder naiver Selbstüberschätzung (—was kümmert es den Mond, wenn ihn der Hund anbelltž). Paulus ruft hier zur Distanz von der Welt ­ aber nicht zur Flucht aus der Welt. Er rät zur Gelassenheit ­ nicht zur Faulheit. Und er weiß: So leicht wird man die Welt und ihre Anforderungen nicht los. Wer aussteigt, wird schneller wieder vom Leben eingeholt, als ihm lieb ist. Heutzutage erst recht: Wer den Ausstieg versucht, wer sich von allen Verpflichtungen frei machen will, den haben ihn die Ämter meist schnell wieder am Wickel. Leben als ob nicht ­ wie geht das?
Später, bei den Mönchen, hat man daraus gemacht, es sei besser gar nichts zu haben als etwas zu haben ­ weder Frau noch Kind noch Geld. So hat man das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Der Blick auf den biblischen Zusammenhang aber macht uns klarer, was Paulus sagen will. Beispielsweise ist Heiraten ­ anders als bei manchen seiner weltflüchtigen Zeitgenossen ­ durchaus erlaubt, aber die Christen sollen vor allem eines: ihr ganzes Leben, alle Gedanken auf den kommenden Herrn Jesus Christus hin ausrichten. Nichts und niemand soll sie von ihm ablenken. Im Gegenteil: Sie können ja schon das neue Leben leben, das Leben der Erlösten.

Paulus ist zunächst ja der Überzeugung, daß der Herr sehr bald kommen wird. Und darum gibt es durchaus wichtigeres als vorher noch zu heiraten. Noch wichtiger aber ist es Paulus, daß alle wissen, daß der Anfang vom Ende schon da ist. Tod und Auferstehung Jesu Christi waren die Wende. Jetzt leben wir in der Endzeit. Unsere Welt ist schon vergangen ­ sie hat es nur noch nicht gemerkt. Diese Überzeugung bleibt Paulus erhalten, auch als er merkt, daß die Zeit bis zur Wiederkehr Christi länger wird, als ursprünglich erwartet. Seine Botschaft lautet: Weil die Welt vergeht, lebe unter der Regel des als ob nicht ­ und die Welt vergeht, weil der Herr kommt! Und weil der Herr im Kommen ist, bist du nicht mehr den Zwängen der Welt ausgeliefert. Die Distanz zur Welt ist also keine Sache der inneren Einstellung, keine theoretische Leistung des starken Menschen ­ so einfach geht das nicht ­  sondern sie wird von Christus selbst ermöglicht. Durch die Taufe ist der Christ schon in der neuen Welt.

Wir bekommen es hier mit der christlichen Freiheit zu tun. Weder ist uns die Zukunft alles und die Gegenwart nichts ­ noch die Zukunft nichts und die Gegenwart alles. In der Welt sind wir frei ­ auch wenn wir sie brauchen. Was heißt das nun konkret? Da muß man mit manchen liebgewordenen Vorstellungen aufräumen.
 
 
 

Beispiel Ehe: Auf ewig dein? Der Partner als Objekt der Anbetung? Liebe als neue Religion? —Dein ist mein ganzes Herz...ž Gehört es nicht auch Gott? —Du sollst den Herrn deinen Gott lieben von ganzem Herzen...ž Die Ehe jedenfalls gehört zur Ordnung der vergehenden Welt. ­ Aber dazu gehört sie dann auch. Der Schweizer Ratsherr Nikolaus von der Flüe, der seine Familie verließ, um Einsiedler zu werden, was ihm von Seiten Roms die Heiligsprechung einbrachte, ist zumindest ein seltsamer Heiliger. Meine Frau hingegen sagt immer, sie hätte mich, als hätte sie mich nicht. Fragen Sie sie doch mal, wie sie das meint.

Beispiel Besitz: —Soll ich mir mit 90 noch eine neue Couchgarnitur anschaffen?ž Wenn Sie das Geld dazu haben, warum nicht? Gewiß, vergessen Sie nicht die Armen ­ aber zum Asketen müssen Sie nicht werden. Der große Theologe Thomas von Aquin lehrte, keiner müsse so viel abgeben, daß er dadurch selbst bedürftig werde. Nicht nur durch Verzicht kann das Zeichen der Hoffnung auf das Neue aufblitzen: Da war der Aidskranke, der sich ­ den Tod vor Augen ­ noch einmal eine große Freude machte und sein Traumauto kaufte ­ mit allem drum und dran.

Die Lebensregel des als ob nicht kann selbst von Milliardären gelebt werden, ohne gleich zur Tarnung für den Wunsch nach immer mehr zu werden. Es kommt darauf an, wie einer mit seinem Reichtum umgeht. Man hat ja so seine Phantasien: Wenn ich über das nötige Kleingeld (und auch auch große) verfügte, würde ich damit z.B. eine Stiftung errichten, die jenen Gehör verschafft, die in Gesellschaft und Kirche nicht zu Worte kommen. Und das sind eine ganze Menge Leute.

Aber ob es nun um Bill Gates geht oder um uns oder um wirklich Arme ­ gerade Arme sind manchmal besonders aufs Haben besessen ­ die Freiheitsregel des als ob nicht meint nicht die (allzu leicht behauptete) innere Freiheit vom Haben, sondern wirkliche Freiheit. Diese Freiheit läßt sich testen: Wie weh tut mir ein Verlust: die teure Beule am Kotflügel, die gefallene Aktie, die geraubte Handtasche? Ich gestehe: Als ich mir vor Jahren bei unserem alten Daimler selbst das Geburtstagsgeschenk eines neuen Sterns auf der Haube gemacht hatte und der nach kaum sechs Stunden wieder abgebrochen worden war ­ gut, daß mir der Täter nicht in die Hände fiel.
—Was ist das alles angesichts der Ewigkeit...ž, das war einer unserer treffenden und tröstlichen studentischen Sprüche. Daran mußte ich mich erst wieder erinnern lassen, um von meinem Zorn frei zu werden.

Was würden Sie tun, wenn Sie wüßten, daß Ende des Jahres die Welt untergeht? Das war unsere Anfangsfrage. Paulus antwortet: Die Welt ist bereits im Untergehen ­ und nicht etwa deshalb, weil alles vergänglich ist, sondern weil Christus im Kommen ist. Und deshalb sind wir schon frei. Was heißt das für unser Tun? Noch gelten die Gesetze und Spielregeln dieser Welt, auch für uns  ­ aber sie gelten nur für diese Welt und für uns in bezug auf diese Welt. Die neue Welt, die kommt, ist die Welt der Herrschaft Gottes. Sie ist die eigentliche Realität, wir Christinnen und Christen sind ihre Bürger. In der untergehenden Welt handeln wir nach dem Maß unserer jeweiligen Einsicht ­ aber ohne daß sie uns noch beherrschen könnte. Das meint die wahrhaft evangelische Lebensregel des als ob nicht. Sehen kann man die neue Welt und ihre Freiheit allerdings nur, wenn Menschen Zeichen setzen, die das Neue aufblitzen lassen ­ wie jener Aidskranke und Omas neue Couchgarnitur. Martin Luther zugeschrieben wird der bekannte Spruch: —Und wenn morgen die Welt unterginge, will ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.ž

Aber das meint nun keinen neuen Zwang zum endzeitlichen Gärtnern. Was soll eine Welt ohne Menschen, aber voller Apfelbäume? Und auch nicht jeder muß sich vor dem Tod noch rasch ein neues Auto kaufen ­ dann wäre das Zeichen eben keines mehr. Auch die Haltung des als ob nicht kann man nicht einfach haben. Wenn wir wüßten, daß Ende des Jahres die Welt unterginge, dann könnten wir auch genauso weitermachen wie bisher. Auch diese Freiheit haben wir. Lediglich den Kauf des Jahreskalenders 2001 könnten wir uns dann sparen.
Amen.
 
 


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