Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt am Pfingstsonntag über 1 Kor 2, 12-16

Liebe Gemeinde! Liebe Geistliche!
Ich habe eine Vorliebe für Pfingsten. Natürlich weiß ich, daß Ostern der Anfang von allem ist und Weihnachten den zentralen christlichen Gedanken vom Erscheinen Gottes im Menschen Jesus feiert. Dennoch: Pfingsten - scheint mir - ist noch das allerchristlichste unserer Feste. Und das nicht etwa, weil der Kommerz hier noch nicht so zugeschlagen hätte (Sie kennen ja den Spruch: —Zu Pfingsten, zu Pfingsten, sind die Geschenke am geringstenž); auch nicht deshalb, weil es weniger unter entlegenen Gedanken begraben worden wäre als Weihnachten (ich sage nur: —Fest der Familiež) und Ostern (—Erwachen der Naturž), sondern weil Pfingsten uns entdecken läßt, was wir Christen von Gott haben: seinen Geist.

Geist? Das klingt heutzutage schnell irgendwie esoterisch. Wer sonst redet noch von Geist, von himmlischem Geist - außer den Esoterikern? Die Sportler natürlich: Sportsgeist, Teamgeist, spirit. Dann gibt es noch: Geisterstunde und Nachtgespenst, Flaschengeist und Geisterbahn. Das hingegen ist Spökenkiekerei. Geisterfahrer wiederum sind sehr irdisch, Weingeist ist nicht minder natürlich. Leider Gottes auch Geisteskranke. Was aber ist das: —geistlichž? Ein Geistlicher? Nur ein Beruf?

Ich hatte früher in Lichterfelde einen Nachbarn, Ingenieur bei DeTeWe in Kreuzberg, der hatte ein besonderes Interesse an Pfingsten und am Wirken des Geistes. Er wollte unbedingt wissen, wie das berühmte Sprachenwunder funktioniert hat, von dem da in der Apostelgeschichte die Rede war. Dazu wollte er sogar extra mal zu Pfingsten in die Kirche gehen. (Leider war dann gerade Konfirmation.) Ohnehin wäre er wohl nicht auf seine Kosten gekommen, denn was er als heimlicher Esoteriker erwartete, hätte er hier nicht hören können: eine sozusagen technische Erklärung, ein Wissen über das Wirken des Geistes, eine Wahrheit hinter den Texten der Bibel, die das Zeugnis der Heiligen Schrift am Ende überflüssig macht. Sein beständiges Fragen nach dem Geist ging mir jedenfalls schon auf den Geist. - Ach ja, diese Redensart: —Du gehst mir auf den Geist!ž Was könnte man darauf, auf diese Unmutsäußerung, zu Pfingsten sagen?

Lassen wir Paulus sprechen: "Wir aber haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, daß wir wissen können, was uns von Gott geschenkt ist. Und davon reden wir auch nicht mit Worten, wie sie menschliche Weisheit lehren kann, sondern mit Worten, die der Geist lehrt, und deuten geistliche Dinge für geistliche Menschen. Der natürliche Mensch aber vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen; denn es muß geistlich beurteilt werden. Der geistliche Mensch aber beurteilt alles und wird doch selber von niemandem beurteilt. Denn  »wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer will ihn unterweisen« (Jesaja 40,13)? Wir aber haben Christi Sinn."

Da geht uns tatsächlich einer —auf den Geistž, Christus. Er macht uns —natürliche Menschenž zu geistlichen Menschen, zu Geistlichen. Wir sind geist-reich. Pfingsten, d.h. den Christen geht ein Licht auf: Sie verstehen jetzt, wer Jesus Christus ist. Anders gesagt: Der Geist Gottes lehrt uns, Christus zu verstehen. Was die jüdische Hoffnung für die Endzeit erwartete, daß Gott sich wieder der Welt zuwendet, daß er die Geschicke der Welt und der Menschen wieder in die Hand nimmt - das macht Pfingsten. Geist-lose werden geist-lich. Christus ist unser Teamgeist. Darum meine Anrede: Liebe Geistliche!

Und das alles versteht Paulus nicht als Spiel mit Worten oder als Verbeugung vor den schon damals im Alten Griechenland verbreiteten Esoterikern, die sich für was Besseres hielten, weil sie —den Geist hattenž und die natürlichen Dinge durchschauten, weil sie also wissen statt bloß zu glauben - sondern gerade ihnen hält er in der ihnen vertrauten Sprache vom Geist entgegen, was es mit dem christlichen Glauben auf sich hat: Die Christen sind es, die haben Geist aus Gott. Darum können sie wissen, was ihnen von Gott geschenkt ist. Und was ist das, das Pfingstgeschenk? Eben Gottes Geist selbst.

Wenn wir das Ernst nehmen und nicht bloß als schöne Worte abtun, dann können wir uns nicht nur ganz allgemein als geistliche Menschen wahrnehmen, als geist-begabt, sondern konkret die Wirkungen von Gottes Geist in uns beschrieben:
Er läßt uns an Jesus Christus glauben. Etwas zugespitzt formuliert: Er glaubt in mir.
Wenn ich also sage, ich glaube, dann geht das nur im Heiligen Geist. Glaube ist geistgestützt, der Heilige Geist so etwas wie eine Schnittstelle von Gott und Mensch.

Die Menschen, die mit Jesus zusammen gewesen waren, die sein Leben, Sterben und Auferstehen erfahren hatten, fingen nämlich im Glauben an, die alten Schriften von der Geschichte Gottes mit den Menschen erneut zu lesen. Nun mit neuen Augen, eben: im Geist. Sie entdeckten Hinweise auf Jesus Christus, von denen man vorher nicht wissen konnte. Entdeckten sie damit eine neue Wahrheit hinter den Texten? Waren sie also wie die Esoteriker, die damals ganz schnell auf den Plan und in Konkurrenz zu ihnen traten, die anfingen, eigene Evangelien zu schreiben, von einem Jesus als Lehrer höherer Weisheit - wie das Jakobusevangelium, das in diesem Jahr in einer modernen Ausgabe veröffentlicht wurde?

Nein. Esoteriker meinen, sie könnten selbst —eintreten in die Welt, aus der die Bibel zu uns gekommen istž (Rittelmeyer). Die Bibel ist ein Durchgangsstadium. Sie wird ihnen letztendlich verzichtbar. Christen haben nur dies: die Schrift - und daran haben sie genug.

Damals waren diese Gruppen, die man heute meist —Gnostikerž (—Erkennendež, —Wissendež) nennt, die größte Konkurrenz für die Christen - also nicht die Juden, nicht die Heiden allgemein. Wo war das Problem? Was die Gnostiker sagten, erschien in vielen Augen der Predigt der Apostel zum Verwechseln ähnlich zu sein.

Bis heute ist das nicht anders geworden. Viele denken mit großer Selbstverständlichkeit in esoterischen Gleisen: Sie wissen sich beispielsweise als Teil einer höheren Welt, sie wollen sich weiterentwickeln, von Sphäre zu Sphäre aufsteigen aus der Banalität des Alltags; göttliche Geheimnisse lüften; nicht glauben, sondern wissen. Höhere Welten erscheinen ihnen real und zugänglich.

Nur wenige gnostisch oder esoterisch denkende Menschen leben diese Einstellung organisiert, manche leben sogar in christlichen Gemeinden.
Denen tritt Paulus entgegen. Was ist denn nun anders im echten christlichen Geist? Der Geist hält die Christen bei den Schriften Israels. Das neue Verständnis der Schriften Israels macht diese selbst nicht überflüssig zugunsten einer besonderen Lehre höherer Weisheit - genausowenig wie die christlichen Schriften über Jesus ihn selbst etwa überflüssig machten. Und Jesus, der Sohn Gottes, bleibt zugleich Mensch, einer von uns. Er ist nicht bloß ein himmlischer Besucher. Der Heilige Geist als Gottes Geist verweist uns also auch nach Ostern auf Jesus Christus, auf seine konkrete Geschichte auf Erden, auf sein Leben und Sterben: in Bethlehem, Nazareth und Jerusalem. Das war und ist die Botschaft der Apostel zum Pfingstfest. Aufgabe der Christen ist es darum nicht, himmlische Geheimnisse zu lüften, sondern sich um die Erde zu kümmern, ihr die Botschaft von Jesus Christus zu bezeugen.

Und wie kam es nun, daß Menschen aus allen Nationen sich verstehen konnten, damals in Jerusalem? (Das war es doch gewesen, was unser alter Nachbar immer wissen wollte.) Verstehen meint hier Einverständnis, d.h.: Aus Hören wird Glauben - nicht immer, aber immer öfter. Davon spricht anschließend die Apostelgeschichte. Da kommt also keine neue Sprache auf die Erde, kein himmlisches Esperanto, sondern Gottes Geist baut eine neue Verbindung zwischen den so unterschiedlichen Menschen auf. Ein altes pfingstliches Segenswort sagt das so: Der heilige Geist eint die verschiedenen Sprachen im Bekenntnis des Glaubens. Das Sprachenwunder ist also das Wunder des Glaubens selbst.

Und das geschieht seitdem immer wieder - und auf dieselbe Weise: durch Gottes Geist. Er ist das Wunder von Pfingsten in Jerusalem - und seitdem an allen Orten, sogar in Berlin. Darum habe ich eine Vorliebe für Pfingsten. Weil das - menschlich gesehen -Unmögliche immer wieder geschieht - wie bei jener Frau, die ich neulich sprach. Obwohl getauft und konfirmiert, schien sie nie eine besondere Beziehung zum Glauben gehabt zu haben - bis manches in ihrem Leben anders wurde: Gläubige Menschen begegneten ihr - aber das allein war es nicht. Sie las die Bibel - aber das allein war es auch nicht. Sie hat erkannt, daß Christen auf Gemeinschaft angewiesen sind, bemüht sich um ein geistliches Leben - aber da gibt es ja viele Kirchen. Dann hat sie erkannt, daß es auf Christus allein ankommt und das das reicht... Das war es.

Gibt es einen besseren Beleg für das Wirken des Heiligen Geistes, wie Paulus es beschreibt, als das? Darum nannte ich Pfingsten das allerchristlichste Fest. Es hält uns mit beiden Beinen auf der Erde. Wir müssen nicht aufsteigen, wie die Esoteriker meinen, uns reinigen vom Schmutz dieser Welt, sondern begrüßen Gott bei uns auf Erden. Er hat in Jesus nicht nur einen Kurzbesuch auf Erden gemacht, sondern sich im Geist bei uns niedergelassen. Die Welt ist nicht geist-los - nicht einmal Berlin. Das wissen wir, denen der Geist Gottes geschenkt ist, wir Geistliche.

Im Geist können wir dazu sagen:
G. Amen.
 
 


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