Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
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Predigt im Taufgottesdienst am 21. Sonntag nach Trinitatis über 1 Kor 12, 12-14.25-27

Liebe Gemeinde!
Was macht Wasser? Wasser macht naß. Aber das ist nicht alles: Es macht sauber, gibt Leben, kann einen aber auch ertrinken lassen. Wasser ist Leben - und Tod. In der Taufe wird das Wasser zum Zeichen des Lebens mit Christus. Was heißt das, ein Zeichen? "Ein Zeichen ist etwas, was ich sehe, um etwas zu sehen, was ich sonst nicht sähe." Was wir sahen, war das Fließens des Wassers, was wir hörten, waren die Worte von Christi Auftrag. Und was ist geschehen? Christus hat in der Taufe weggenommen, was von ihm trennte. Alles Trennende ist wie ertrunken, und die Getauften sind wie neu, quicklebendig. Was wir im Zeichen sahen, das ist damit auch wirklich geschehen. Zeichen machen Unsichtbares sichtbar. Die Taufe läßt uns Hören und Fühlen, was Gott in Christus mit uns macht. Sie ersetzt nicht den Glauben, aber macht ihn sichtbar. "An meinem Glauben kann ich zweifeln", hat Martin Luther einmal gesagt, "aber daran, daß ich getauft bin, niemals."

Was noch haben unsere Neugetauften von der Taufe? Sie gehören zum Leib Christi, nein: Sie sind der Leib Christi. Darüber hat der Apostel Paulus geschrieben und lädt uns zum Nachdenken darüber ein:

"Wie der Leib einer ist und doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obwohl sie viele sind, doch ein Leib sind: so auch Christus. Denn  wir sind durch einen Geist alle zu einem Leib getauft, wir seien Juden oder Griechen, Sklaven oder Freie, und sind alle mit einem Geist getränkt. Denn auch der Leib ist nicht ein Glied, sondern viele.
Und wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit, und wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit. Ihr aber seid der Leib Christi und jeder von euch ein Glied."

Das ist seltsam. Was hat Jesus Christus; Gottes Sohn, denn einen Körper? Spricht Paulus hier nicht zu anschaulich? Warum macht er das?

Was Paulus hier mit dem Leib Christi meint, ist mit abstrakten Worten wie Solidarität, Gemeinschaft oder gegenseitiges Miteinander nicht ausreichend beschrieben. Paulus meint nämlich nicht bloß, daß wir Getauften rechtlich miteinander eins sind wie ein Körper, also eine Körperschaft bilden, eine Körperschaft öffentlichen Rechts vielleicht, wie die Evangelische Kirche in Deutschland - laut Paulus sind wir der Körper Christi. Wer getauft ist, gehört so eng zu Christus und damit zu Gott, daß er oder sie wie ein Teil von ihm ist. "Gott wurde Mensch, damit der Mensch vergöttlicht werde," sagte die Alte Kirche. Darum dieses Bild vom einen Leib.

Die Kirche Jesu Christi ist kein Verein mit Mitgliedern - in den kann man ein- und austreten - sondern ein Leib mit Gliedern. Darum nennen wir uns Gemeinde-Glieder. Jeder und jede von uns ist anders, etwas für sich, aber zusammen sind wir mehr als eine Gemeinschaft mit gleichen oder ähnlichen Interessen - wie die SPD oder die Mafia es sind. Wir sind eins in Christus.

Seit unserer Taufe gehören wir zu Christus -  und darum zu Gott. Der Leib Christi, zu dem wir Getauften gehören, er ist unsere Lebensgemeinschaft, unser Lebens-Mittel. Ohne Christus sind wir nichts. Mit ihm sind wir alles. Was er getan hat, hat er für uns getan. Sein Tod hat uns die Tür zu Gott geöffnet. Sie steht nun offen. Sein Gottesverhältnis ist unser. Dahinter treten alle weltlichen Unterschiede zurück: ob arm oder reich, jeder ist hier ein Prinz Charles oder eine Königin Silvia. Die Taufe - ein Ritterschlag.

Das haben wir von Christus und der Taufe - und das ist ein viel unmittelbareres, tiefergehendes Verhältnis als eine menschliche Gemeinschaft nach Art eines Vereins. Das ist nicht leicht zu beschreiben, weil es so grundlegend ist und eigentlich auch nicht anschaulich. Paulus wird zwar sehr konkret: Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit. Aber warum? Aus Solidarität? O je, Solidarität. Was ist bloß daraus geworden? Wenn man in diesen Tagen das Wort Solidarität hört, hält man ja gleich unwillkürlich sein Portemonnaie fest, weil Solidarität immer häufiger "Geld her" bedeutet - besonders, wenn der Staat davon spricht. Solidarität wird eben lieber gefordert als selbst bewiesen, bleibt ein abstraktes Wort. Da stehen einem die anderen immer noch gegenüber. Christi Leib, der ist mehr als eine bürgerliche Solidargemeinschaft, und die Kirche ist sogar mehr als eine große Familie. Es ist ein wenig wie mit dem Straßenverkehr: "Sie stehen nicht im Stau, Sie sind der Stau."

Wir sind der Leib Christi. Wenn hier ein Glied leidet, dann geht das automatisch alle an - auch Christus. Ein Verhältnis, eine Beziehung also, so unmittelbar wie die große Liebe, das berühmte Kribbeln im Bauch - oder auch wie Bauchschmerzen. Eigentlich kann man hier gar nicht "austreten". Und was man so nennt, tut anderen weh. Ich jedenfalls kriege bei jedem sogenannten "Kirchenaustritt" eines Gemeinde-Gliedes Bauchschmerzen. Darum habe ich der Gemeinde hier vor einigen Wochen erzählt, was Sie in der Kita erlebt haben. Erst ging es scheinbar nur um die Wurst, dann darum, ob Christen ihren Glauben verstecken müssen, um nicht beschimpft zu werden. Da haben wir mit Ihnen gelitten.

Heute aber ist ein Tag der Freude. Heute wurden Shannon und Shawn, Winona und Shirley; Jordan und Jeremy als neue Glieder des Leibes Christi geehrt - und wir alle freuen uns mit: Herzlichen Glückwunsch!

Und wenn wieder andere Tage kommen, dann bleibt doch die Tür zu Gott offen. In ihr steht Christus und streckt seine Hand aus - wie bei der Taufe. Und was ist das natürlichste der Welt, wenn sich uns eine offene Hand entgegenstreckt?
- vormachen -
Wir ergreifen sie, genauer: wir lassen uns von ihr ergreifen - sind und bleiben Glieder seines Leibes.
Amen.
 
 


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