Professor Dr. Rainer Hauke, Pfarrer
Anschrift: Jakobikirchstr. 6 - D-10969 Berlin
E-Mail: dr@rainerhauke.de
Telefon: (030) 614 60 63
Fax: +49 30 614 60 63

Predigt im Taufgottesdienst am 1. Sonntag nach Trinitatis über 1 Joh 4, 16b-21

Liebe Gemeinde! Lieber Paul!
Jetzt geht es um die Liebe. Und was das ist, wissen wir doch alle. Wissen wir das wirklich? -"Lieben Sie den Staat?"  wurde Gustav Heinemann in seiner Zeit als Bundespräsident einmal gefragt. Seine Antwort bleibt unvergessen:"Ich liebe meine Frau."

An diese Bemerkung mußte ich gleich denken, als ich den heutigen Predigttext las - auch da ist ja von der Liebe die Rede. Aber ist diese Liebe nun mehr von der Art der Liebe zum Staat oder von der Art der Liebe zwischen Mann und Frau? (Der Unterschied scheint ja doch so zu sein, daß Heinemann nicht ein und dasselbe Wort für beides verwenden wollte.) Was meint nun Johannes, wenn er von der Liebe spricht? Kann das alles wirklich ein und dasselbe sein? Was nennen wir Menschen schließlich nicht alles Liebe: Als Kind beispielsweise, da sollte man immer lieb sein. Und im Schlager, da ist alles Liebe: "All you need is love." Liebe - ein Hauptwort.

Die Bibel kennt eigentlich verschiedene Wörter für Liebe. Hier bei Johannes ist aber immer und durchgehend von der agaph die Rede. Agaph - was ist denn das? Laut Duden ist das Wort auch im Deutschen als Fremdwort gebräuchlich, übersetzt wird es mit schenkender Nächstenliebe. - Sind wir jetzt klüger? Wer schenkt da was? Kann man das essen? (fragte mal ein naseweiser Berliner Schüler) Irgendwie ja, denn im kirchlichen Sprachgebrauch gibt es ja das Agapemahl, das Liebesmahl. Liebe geht durch den Magen. Das kennen wir ja.

Schenkende Nächstenliebe, von der also ist hier die Rede. Wir lernen hier ein Verständnis von Liebe kennen, das weder mit dem hoheitlichen von der Liebe zum Staat noch mit dem persönlichen, emotionsgefärbten Begriff von Liebe gleichzusetzen ist.

Hier ist Liebe weder Hauptwort noch Fremdwort, sondern Verhältniswort. Es beschreibt das Verhältnis von zweien oder mehreren, die eigentlich verschieden voneinander sind, als überwundene Trennung. Anders gesagt: Zwischen den Liebenden ist etwas, es besteht eine Beziehung nach Art des Schenkens. Das ist nicht in jedem Fall eine Beziehung der Gleichheit - nicht, solange der eine nur schenkt und der andere nur empfängt. Trotzdem ist von Liebe, von Agape, die Rede.

Dieses Wort für Liebe benutzt Johannes für die Liebe Gottes und die Liebe zum Bruder. (So die Überschrift über diesen Abschnitt in der Lutherbibel.) Gott ist die Liebe, d.h. Gott verschenkt sich. Gott liebt sich selbst, nicht ohne darin den Menschen zu lieben. Er liebt ihn, nicht weil er liebenswert ist, sondern Gottes Liebe macht  ihn, den Sünder, erst liebenswert. So kreativ ist Gottes Liebe. Davon handelt der 1. Johannesbrief, darum geht es ihm, wenn er sagt: Gott ist die Liebe. Er spricht davon nach Art einer Meditation über das Wort Liebe: Gott in uns und wir in ihm. Das nimmt uns die Furcht vor seinem Gericht. - Ein gutes Wort zur Taufe von Paul.

Was Pauls Namenspatron, der Apostel Paulus, in der Sprache des Rechtswesens mit dem Wort Rechtfertigung sagt, bringt Johannes in die Sprache der Liebe. Er beschreibt das Verhältnis Gottes zum Menschen und das Verhältnis der Menschen zueinander als eine Liebesgeschichte.

Liebesgeschichten hören wir ja im Allgemeinen gern, etwa im Bekanntenkreis - wer gerade mit wem - oder wir lesen von Prominenten in der Regenbogenpresse. Am liebsten erlebten wir Liebesgeschichten natürlich selbst. So oder so: Wir glauben, bei diesem Thema alle mitreden zu können.

Bloß: Beim Thema Liebe sind wir alle Experten und Stümper zugleich. "Herr Pfarrer, was ist Liebe?" überfiel mich vor Jahren ein Jugendlicher vor der Jugendetage.

Während ich mich noch etwas überumpelt fühle und abstrakte Definitionen wie "Anerkennung des anderen als des anderen" murmele, spricht er schon konkret weiter: "Man muß dem, dem man liebt, vertrauen können." - Stimmt. Seine Freundin aber hatte ihn gerade enttäuscht und war mit einem anderen gegangen. Kein Vertrauen, keine Liebe.

Aber was verlangt die Liebe konkret - außer Vertrauen? Dem anderen jeden Wunsch zu erfüllen? Von den Augen abzulesen? Bin ich da nicht unter Umständen zu bequem und zu faul oder zu feige zum Neinsagen - obwohl die Wünsche des anderen grenzenlos sind?

Ist in der Liebe jedes Mittel recht? Natürlich keine Gewalt, etwa bei Erziehung von Kindern. Was aber, wenn die Kindern gewalttätig sind oder auch nur rücksichtslos beim Durchsetzen ihrer Wünsche? Muß man da nicht gegenhalten - aus Liebe? Von daher sieht die Liebe von Eltern zu Kindern anders aus als die Liebe von Kindern zu Eltern.

Agape, schenkende Nächstenliebe - Vertrauen, Anerkennung, Zeit und Aufmerksamkeit, was wäre da nicht alles zu schenken? Und sich schenken zu lassen? Wirklich: Beim Thema Liebe sind wir Experten und Stümper zugleich. Und das erst recht, wenn es um Gottes Liebe, um seine Agape, geht.

Die einen unter uns werden ja nicht müde zu wiederholen: Gott liebt uns alle, wie wir sind, andere aber wollen sich von diesem Gott gar nicht lieben lassen - weil Liebe für alle, auch für die Bösen, doch gar nicht gerecht sei; wiederum andere halten sich gar nicht für liebenswert, nicht von einem Menschen - und schon gar nicht von Gott.

Solche Erfahrungen verwirren das Verständnis der Worte des Johannes. So schön seine Meditation über die Liebe auch ist, klingt das nicht ähnlich wie bei dem alten Philosophen Seneca? Auch der schrieb schon: "Es kann nicht Liebe mit Furcht vermischt werden."
Gegen solche Verwirrung habe ich einen Tip. Ich empfehle uns, Liebesgeschichten zu lesen - und zwar diese hier. Das Buch ist sehr verbreitet, wird aber wenig gelesen. Es ist eine recht umfangreiche Sammlung von verschiedenen Texten zum Thema Liebe - mit Liedern, Gedichten, Sprüchen, Reden, Erzählungen.

Ich rede von natürlich von der Bibel. Dieses ganze Buch ist ein dauerndes Werben Gottes um den Menschen, ein Versuch, die Trennung zu überwinden, bis sie sich schließlich kriegen, ein Hoch auf die Liebe, auf Gottes sich selbst schenkende Liebe. Gott kommt: Erst schließt er mit den Menschen einen Bund, dann - in Jesus - kommt er in unsere Welt, in Leid und Tod, und schließlich - in der Taufe - in uns selbst. Gott hat sich im Menschen eine Bleibe geschaffen. Darum können wir ihm vertrauen. Gott hält Wort. Christsein - das zieh ich mir an.

Johannes bringt diese Botschaft auf den Punkt: Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. Und das haben wir mit Pauls Taufe gefeiert. Inmitten unserer Fragen nach der Liebe und der verschiedenen Antwortversuche: Das bleibt. - Und auch das Gebot, daß, wer Gott liebt, daß der auch seinen Bruder und seine Schwester liebt. Die Liebe Gottes kann ja von der zum Nächsten nicht getrennt werden. Diese Liebe kann man darum nicht nur von anderen fordern  - Herr Pfarrer, sagen Sie meiner Nachbarin, daß sie netter zu mir sein soll und mir immer helfen soll! - sondern wird sie selber einfach tun. Darum werden wir anderen helfen - allerdings nicht ohne zu überlegen, wie wir das am besten tun können (ohne uns beispielsweise gleich in eine Schlägerei mit größeren Jungen zu verwickeln).

Unsere Liebe zum Nächsten also kann sich sehr unterschiedlich zeigen. Da ist sehr Verschiedenes zu tun. Und was können wir für die Liebe Gottes tun?

Einen ersten Hinweis gab uns Pauls Taufspruch: "Ein Mensch, der da ißt und trinkt und hat guten Mut bei all seinen Mühen, das ist eine Gabe Gottes." (Prediger 3, 3) Gelassenheit lautet hier das Stichwort. Einen anderen gibt diese Geschichte aus alter Zeit:

Einst wollte ein Junge, daß Jesus sein Freund wird. Er brachte ihm als Freundschaftsgeschenk einen Speer mit - zum Schutz gegen wilde Tiere. Aber Jesus wollte das Geschenk nicht haben. Der Junge war ganz enttäuscht, ging wieder nach Hause und dachte sich etwas anderes aus. Dieses Mal brachte er Jesus eine schöne bunte Decke mit - gegen die Kälte in der Nacht. Aber wieder schüttelte Jesus den Kopf. Fast wäre unser Junge böse geworden - wie kann Jesus seine Geschenke ablehnen? will er seine Freundschaft nicht? - aber er ließ nicht locker, ging noch einmal zu Jesus und fragte ihn: "Ich will dein Freund sein. Was kann ich Dir schenken?" Da antwortete Jesus: "Laß mich einfach dein Freund sein. Das ist das größte Geschenk, das du mir machen kannst. Deinen Speer und deine Decke kannst du anderen schenken, die sie nötig haben."

Das war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.
Amen.
 
 


Zurück zum Seitenbeginn

Zurück zur Indexseite